Wochenend-Kolumne
Manuel Neuer sollte nicht zur WM fahren
Das gibt es doch nicht. Da schien die Debatte um das Tor bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft beendet. Und nun, rund vier Wochen vor der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko, kocht das Thema wieder hoch. Soll Torhüter-Legende Manuel Neuer mitfahren nach Übersee? Oder lieber nicht? Die Debatte wird immer mehr angeheizt. Erst soll er Medienberichten auf der geheimen 55er-Liste gestanden haben, die vergangene Woche der Fifa gemeldet wurde. Nun soll er laut "Bild" von Bundestrainer Julian Nagelsmann auch tatsächlich als Nummer eins eingeplant sein. Aber zurück Frage: Soll Neuer mit oder nicht? Für mich ist die Antwort klar: nein!
Nicht falsch verstehen. Auch mit 40 Jahren ist der Keeper des FC Bayern München noch immer einer der Besten auf diesem Planeten. Das hat er auf der höchsten Vereinsebene bewiesen, in der Champions League. Etwa beim 2:1 im Viertelfinalhinspiel gegen Real Madrid. Und – wenn auch nicht ganz so brillant – beim Halbfinal-Aus im Rückspiel gegen Paris Saint-Germain (1:1). Auch im Ligaalltag lässt Neuer sein Können immer wieder aufblitzen. Und das, nachdem er in den vergangenen Jahren immer wieder von Verletzungen zurückgekehrt war. Im gehobenen Fußballer-Alter ist das schließlich keine Selbstverständlichkeit. Erst recht angeheizt wurden die Forderungen nach einem Comeback, als sich die designierte deutsche Nummer eins und jahrelanger Kronprinz im Tor, Marc-André ter Stegen, vom Verletzungspech gebeutelt aus dem WM-Zug aussteigen musste.
Im Tor stark besetzt
Nun indes zum großen Aber: Keine, wirklich keine Position ist in der Nationalmannschaft so stark besetzt wie die des Torhüters. Es gibt überhaupt keinen Grund, warum Neuer von seinem nach der EM 2024 erklärten DFB-Karriereende zurücktreten sollte. Der nun zur Nummer eins aufgestiegene Oliver Baumann zählt zweifelsohne auch zu den besseren Torhütern, die es so gibt. Dass er nicht schon früher, als erst mit 34 Jahren, im Nationalteam aufgeschlagen ist, liegt einfach daran, dass er in Neuer wahrscheinlich einen der besten Torhüter aller Zeiten und in ter Stegen den besten Stellvertreter aller Zeiten vor der Nase hatte. Jahrelang waren als Nummer drei entweder Bernd Leno oder Kevin Trapp gesetzt. Pech für Baumann. Und selbst die derzeit potenziellen Stellvertreter, Alexander Nübel und Finn Dahmen, machen nicht wirklich durch Wackler negativ von sich reden. Warum sollte man nun über Neuers Rückkehr reden? Angesichts dieser Qualität scheint die Debatte fast etwas respektlos.
Neuer hat einen neuen Spielstil geprägt. Neuer war der Prototyp des mitspielenden Keepers. Seine Leistung auf dem Weg zum Weltmeister-Titel 2014, als er etwa im Achtelfinale gegen Algerien in feinster Libero-Manier Bälle ablief, ist legendär. Aber damals war Neuer 28, im besten Fußballer-Alter. Zwölf Jahre später kann man auch für Torhüter-Verhältnisse von einem älteren Spieler sprechen. Ja, Neuer ist immer noch ein solider Rückhalt. Davon zeugen die beiden bereits erwähnten Champions-League-Partien. Mittlerweile gibt es aber auch immer mehr Spiele, in denen die Legende nicht mehr die allerbeste Figur abgibt. Zum Beispiel im Rückspiel gegen Real Madrid im Königsklassen-Viertelfinale. Im Hinspiel war er ja noch in Glanzform. Eine Woche später aber misslang bereits in der ersten Minute ein Pass, den Arda Güler direkt zum 1:0 vollendete. Auch beim 2:1 durch den jungen Türken gab die Bayern-Nummer-Eins nicht das allerbeste Bild ab.
Doch lieber Urbig?
Vielleicht wäre Neuer ja ein psychologischer Vorteil für den DFB. Durchaus denkbar, dass dem ein oder anderen Stürmer doch ein bisschen die Düse geht, wenn er auf den berühmten Blondschopf zuläuft. Am 34. Spieltag musste Neuer vorzeitig ausgewechselt werden - eine Vorsichtsmaßnahme. Aber im Zweifelsfall sollte man eher auf Neuers Vertreter bei den Bayern zurückgreifen, Jonas Urbig. Der zeigt auch starke Leistungen und hat eine große Zukunft vor sich.