Fußball RHEINPFALZ Plus Artikel Manuel Neuer: Der große Künstler unter lauter kleinen

40 Jahre und topfit: Manuel Neuer.
40 Jahre und topfit: Manuel Neuer.

Der FC Bayern beeindruckt beim 2:1-Hinspielsieg in der Champions League. Allerdings verzweifeln die Superstar von Real Madrid vor allem an einem Mann.

Als alle wirklich wichtigsten Themen dieses außergewöhnlichen Fußballabend besprochen schienen, gab es doch noch etwas in Erfahrung zu bringen. Um das persönliche Glücksgefühl ging es dabei – nach einem 2:1-Sieg des FC Bayern München bei Real Madrid klingt das nach einer rhetorischen Frage, einer sehr banalen dazu. Denn welche Mannschaft wäre nicht glücklich, im legendären Bernabéu gewonnen zu haben?

Es gibt allerdings Gründe, warum der FC Bayern am Dienstagabend womöglich besonders glücklich war.

Er hat endlich einen Fluch besiegt. Für die Spieler der aktuellen Mannschaft war es der erste Sieg mit den Münchnern im Fußballtempel der „Königlichen“, lediglich Manuel Neuer hatte schon einmal ein Erfolgserlebnis – aber erst im Elfmeterschießen, 2012 war das. Davor haben die Münchner zuletzt 2001 im Bernabéu gewonnen – und ein paar Wochen später auch die Champions League.

Zur Not auch mit dem Kopf: Manuel Neuer ganz mutig.
Zur Not auch mit dem Kopf: Manuel Neuer ganz mutig.

Der deutsche Rekordmeister gilt nicht erst seit dem Schlusspfiff in diesem Viertelfinalhinspiel als einer der Favoriten auf den Henkelpott, aber mit der Leistung in Madrid hat die Mannschaft dies noch einmal unterstrichen, wenngleich Trainer Vincent Kompany ankündigte, vor dem Rückspiel am kommenden Mittwoch „in den Köpfen wieder alles auf Null zu stellen“. Denn: „Ich weiß, es ist noch nicht vorbei.“

Die Münchner schafften es, dass es im Estadio Santiago Bernabéu nach den Toren von Luis Díaz und Harry Kane ungewöhnlich ruhig war. Publikum und Lärm kamen erst zurück, nachdem Kylian Mbappé der Anschlusstreffer gelungen war. Alles, sagte Bayern-Sportvorstand Max Eberl, habe ihn an diesem Abend an seiner Mannschaft begeistert: „Es war ein Gesamtwerk.“ Eines, das viele kleine Künstler hatte, die allerdings noch ein paar gute Chancen liegen ließen und deshalb am Ende froh sein mussten, dass es noch einen ganz großen Künstler gab, sozusagen einen Picasso.

Die Superstars entzaubert

Und der stand im Tor, kreierte Paraden, von denen er vielleicht selbst nicht wusste, dass er sie noch leisten kann, mit nunmehr 40 Jahren. Manuel Neuer entzauberte zuerst Vinícius Júnior, dann Mbappé, ehe dieser doch noch traf. Es sagt viel, dass in dieser Partie in Neuer ein Torhüter von der Uefa zum Spieler des Spiels gekürt wurde und nicht Harry Kane, der mit lädiertem Knöchel lange unsichtbar war, aber dann mit klugen Pässen überzeugte – und vor allem mit seinem Premierentor im Bernabéu. Aber Neuer stellte alle in den Schatten – und das nachdem er gerade ein paar Wehwehchen auskuriert hatte. „Er strahlt etwas Besonderes aus, auch mit den Paraden, die er immer wieder macht. Man darf es nicht als selbstverständlich betrachten, aber bei ihm ist es Alltag“, sagte Verteidiger Jonathan Tah.

Wenn der frühere Welttorhüter wie ein aktuelle Welttorhüter hält, stellt sich weniger die Frage nach dem Glücksgefühl, sondern viel mehr jene, wie es mit ihm weitergeht, ob er aufhört oder sich noch fit genug fühlt für ein weiteres Jahr, für Leistungen wie in Madrid alle paar Tage. Am Alter hängt es für Kompany aber nicht. „Ich habe es schon gesagt: 40 ist noch jung“, sagte der Trainer, der selbst am Freitag 40 wird.

Die Entscheidung über Neuers Zukunft hätte längst fallen sollen, aber die Verletzungen im Februar, März, sagt er selbst, „haben mir nicht in die Karten gespielt“, wenngleich sie in seinen Augen nichts mit der körperlichen Verfassung zu tun gehabt hätten. Das an der Wade, verriet er, sei „wie so Schnupfen da unten“ gewesen. Er verspüre keinen Druck: „Wir haben alle Zeit der Welt, der Verein und ich.“ Vielleicht nicht alle Zeit, aber den April, den sich Neuer noch nehmen will, schon noch.

Ein altes, leidiges Thema

Eine andere Zukunftsfrage ist für ihn längst geklärt, aber nicht für den Rest des deutschen Expertentums. Fast reflexartig kam auch am Dienstagabend, dass Neuer doch bitteschön unbedingt mit zur WM im Sommer müsse. Er sei weltklasse“, sagte Lothar Matthäus bei Sky Austria und findet: „Er gehört in die Nationalmannschaft.“ Was soll’s, dass Neuer selbst schon ein paar Mal ein Comeback ausgeschlossen hat. Und auch am Dienstag wollte er davon nichts hören. „Sollen wir das Thema jetzt wieder aufmachen?“, sagte er und hatte die Antwort damit eigentlich schon gegeben. Da war ihm die anschließende Frage nach dem persönlichen Glücksgefühl schon lieber. Sehr glücklich sei er, sagte Neuer und klopfte dem Journalisten auf die Schulter. Glücklich über das Spiel, die Leistung, die Aussicht auf das Erreichen des Halbfinales. Und das war es, was erst einmal zählt.

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