Meinung
Lindsey Vonns Horrorsturz und zwei besonnene TV-Reporter
„Gänsehautmomente bei Olympia“ kündigt ARD-Kommentator Bernd Schmelzer im Livestream an, als Superstar Lindsey Vonn aus dem Starthäuschen schießt, raus auf die Abfahrtspiste von Cortina d’Ampezzo. Und nur Sekunden später dann fällt dieser Satz: „Das ist ein Alptraum.“ Der fatale Sturz der Amerikanerin war und ist ein Drama – aber, so zynisch das jetzt klingen mag, auch eine Sternstunde der Sportreportage. Weil sowohl Schmelzer als auch sein Experte Felix Neureuther ein klares Statement gegen Voyeurismus und Sensationslust setzten.
Neureuther ist es als Ex-Athlet natürlich nachzusehen und auch nachzufühlen, dass er schon beim ersten Schwenk der internationalen Fernsehregie auf die im Schnee liegende Lindsey Vonn ins Mikro zischte: „Kommt, bitte, geht’s ned da drauf mit der Kamera.“ Aber hier wurde das Fernsehen noch seiner Informationspflicht gerecht; es dokumentierte, dass sofort Helfer und offenbar auch Sanitäter um die Gestürzte herum waren, so gut es eben ging erste Hilfe leisteten.
Bitte: Ton aus, keine Zeitlupen
Aber dann hatte Neureuther Recht. „Bitte, tut’s doch den Ton weg“, flehte er, als ein Schmerzensschrei von Lindsey Vonn zu vernehmen war. „Bitte, es ist unerträglich“, pflichtete ihm Schmelzer bei. Beiden waren der Schock, der Schrecken, das Mitgefühl abzunehmen. „Tut’s doch den Ton weg Leute, was soll ...“, insistierte Neureuther: „Ich nehm jetzt den Kopfhörer runter.“ Was folgte, waren Zeitlupen des Sturzes. „Ich muss das jetzt nicht dreimal sehen, ich habe da eine andere Vorstellung von Empathie als die Regisseure teilweise“, klagte Schmelzer. Einfluss auf die Bilder hatten beide nicht.
Natürlich: Es bleibt mitunter ein schmaler Grat zwischen Informationspflicht und Sensationslust. Neureuther und Schmelzer haben mit ihrer gleichermaßen einfühlsamen wie glasklaren Reportage der Schreckmomente aber die Sinne geschärft. Wohltuend in diesen Zeiten ständiger Zuspitzung und Aufmerksamkeitshysterie.