Fußball
Leroy Sané beim 2:0 gegen Luxemburg: Der Gescholtene macht den Unterschied
Viel gescholten wurde er – und dann leitet er doch die entscheidende Szene ein. Kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit lässt Leroy Sané einen luxemburgischen Gegenspieler aussteigen, zieht mit hohem Tempo und dem Ball eng am Fuß Richtung Tor. Was für ein eleganter Feingeist der 29-Jährige doch sein kann. Doch am Können hat es bei Sané noch nie gehapert. Im richtigen Moment legt er den Ball quer, Nick Woltemade vollendet aus kurzer Distanz zum 1:0 für Deutschland. An der Seitenlinie ballt Bundestrainer Julian Nagelsmann die Faust.
Hat er also alles richtig gemacht mit der Rückholaktion, die den Coach in den vergangenen Tagen immer wieder in eine Rechtfertigungssituation drängte? In den vier WM-Qualifikationsspiele zuvor verzichtete Nagelsmann darauf, Sané zu nominieren. Reichen ein paar Torvorlagen in der türkischen Liga nach seinem Wechsel von Bayern München zu Galatasaray Istanbul im Sommer, um sich eine erneute Chance in der Nationalelf zu verdienen? Die öffentliche Kritik nach der Kaderbekanntgabe war groß. „Am Ende bewerte ich, wie er spielt, auch wenn das Druck auf ihn aufbaut. Das ist normal. Wir haben auch Druck in der WM-Quali. Wir müssen auch gute Spiele zeigen“, sagte Nagelsmann direkt vor dem Anpfiff des vorletzten Spiels in der WM-Qualifikation. „Am Ende bewerte ich, ob er die Chance genutzt hat oder nicht. Das ist ein ganz entscheidender Punkt, das die Bewertungsgrundlage bei uns im Trainerteam bleibt.“ Wenngleich die Bewertung der Leistung den Trainern obliegt, so machte der Nationaltrainern in den Tagen vor dem Spiel durchaus deutlich, dass „es nicht mehr unzählige Chancen für ihn unter meiner Führung in der Nationalmannschaft gibt, um sich zu beweisen“. Sané wisse das.
Durch das 2:0 gegen Luxemburg hat die deutsche Nationalmannschaft nun die direkte Qualifikation für das Turnier im kommenden Sommer in den USA, Kanada und Mexiko vor Augen. Weil die Slowakei im Parallelspiel durch einen Treffer in der Nachspielzeit 1:0 gegen Nordirland gewinnt, geht es am Montagabend in Leipzig zum Abschluss der Gruppe A im direkten Duell um den Gruppensieg. Beide Teams sind punktgleich. Wegen des besseren Torverhältnisses reicht Deutschland ein Unentschieden. Positiv gewendet: Die Mannschaft hat es in der eigenen Hand, das Ticket für das Turnier zu lösen. Andersrum: Die Slowakei ebenfalls. Der Zweitplatzierte muss in die Play-offs.
Viele Wörter mit „un“ beschreiben das deutsche Spiel
Ein paar Wochen nach dem 4:0 gegen Luxemburg in Sinsheim tat sich die deutsche Elf diesmal enorm schwer gegen die Nummer 97 der Fifa-Weltrangliste. Die beste Chance der Partie hat zunächst gar der krasse Außenseiter, doch der Schuss von Aiman Dardai geht knapp am deutschen Tor vorbei (18.). In der Anfangsphase attackierten die Luxemburger die Deutschen derart früh, man wähnte sich als Beobachter im falschen Spiel.
Auch von Rückkehrer Sané ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel zu sehen. Sein erster Steilpass gerät zu lang für seine Mitspieler und landet direkt im Toraus. Immer wieder läuft sich der Angreifer fest. Florian Wirtz versucht es derweil mit einigen Dribblings, ebenfalls ohne Erfolg. An der Seitenlinie verschränkt der unzufriedene Nagelsmann die Arme vor seinem Oberkörper.
Im Angriff einfallslos, in der Abwehr fahrig, so lässt sich der Auftritt der deutschen Mannschaft beschreiben: Jonathan Tah spielt in der 35. Minute einen Rückpass, der mit dem Wort „Flanke“ besser umschrieben wäre, und setzt seinen Torwart Oliver Baumann gehörig unter Druck. Der Schlussmann der TSG 1899 Hoffenheim kollidiert mit einem luxemburgischen Stürmer, schafft es aber irgendwie, den Ball aus der Gefahrenzone zu bugsieren. Unzulänglich, unkonzentriert, unsauber, es sind viele Wörter mit der Vorsilbe „un“, die sich beim DFB-Team aneinanderreihen in verletzungsbedingter Abwesenheit von Kapitän Joshua Kimmich.
Comeback erfolgreich, zumindest im Ergebnis
Als es kurz darauf mit 0:0 in die Pause geht, geht eine Mischung aus Jubel und Raunen durch das Stade de Luxembourg. Mit diesem Zwischenstand dürften die wenigsten der 9214 Zuschauer gerechnet – egal ob sie es mit Deutschland halten oder mit dem „kleinen“ Nachbarn. Nach dem Schlusspfiff feiern vor allem die luxemburgischen Fans ihre Mannschaft. Das deutsche Team muss sich eingestehen: Das war über weite Strecken wenig überzeugend, trotz der kleinen Leistungssteigerung in Hälfte zwei.
„Das Spiel war mühsamer als erhofft“, sagt Nagelsmann hinterher. Nach 80 Minuten wechselt er Sané aus. Dessen Nominierung, das machte der Trainer durchaus deutlich, war auch dem Mangel an Alternativen geschuldet. Abklatschen, kurze Umarmung, Comeback erfolgreich, zumindest im Ergebnis. Die Möglichkeit, sich zu beweisen, hat Sané genutzt, mehr als die meisten anderen auf dem Platz. Ein paar Momente zuvor hat der Rückkehrer das 3:0 auf dem Fuß. Doch sein Schlenzer mit dem linken Fuß streichelte die Oberkante der Torlatte. Der viel Gescholtene macht beim mühsamen Sieg in Luxemburg dann doch den Unterschied.