Leichtahletik
Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye gewinnt und ist völlig verblüfft über die Weite
Die Freude muss raus. Noch bevor Yemisi Ogunleye zu ihren Trainern eilt, um zu feiern, schlägt sie ein Rad auf dem Boden der Dortmunder Helmut-Körnig-Halle. „Das war eine Aufgabe für die, die das erste Mal bei den deutschen Meisterschaften am Start waren. Sie müssen irgendein besonderes Intro machen“, sagt die Kugelstoß-Olympiasiegerin von 2024 aus dem pfälzischen Bellheim später. Aber warum soll das, was für die Neulinge gilt, nicht auch für die Beste gelten? „ Es hat mich angespornt, mal ein bisschen mehr aus mir rauszukommen, aber das Rad hat auf jeden Fall ein paar Körner gekostet“, sagt Ogunleye und lacht herzlich.
Ein gutes Gefühl
Um 20.16 Uhr am Freitagabend betritt Ogunleye zu ihrem fünften Versuch den Kugelstoß-Ring. Die Halle ist bei Weitem nicht voll, aber die, die gekommen sind, klatschen, machen Radau und feuern die Südpfälzerin an. Sie beginnt ihren Körper zu rotieren, wendet ihre Drehstoßtechnik an und als die Vier-Kilogramm-Kugel ihre Hand verlässt, spürt Ogunleye, dass der Versuch gut ist, so etwas haben Spitzensportler einfach im Gefühl. Aber dass er so gut ist, das überrascht selbst die 27-Jährige.
Die Kugel schlägt hinter der letzten Linie auf den Gummimatten auf, Ogunleye blickt gespannt zur Anzeigetafel, die Augen weit geöffnet. Es dauert ein paar Sekunden, bis die Weite erscheint: 20,37 Meter. So weit hat Ogunleye noch nie in ihrer Karriere gestoßen. „Das Ziel war heute, den deutschen Meistertitel zu verteidigen, das habe ich geschafft“, sagt sie. „eine persönliche Bestleistung, das ist mehr, als ich mir heute erhofft habe.“
Fünf deutsche Meistertitel hat Ogunleye nun seit 2024 gesammelt. Bei nationalen Meisterschaften ist mittlerweile nicht mehr die Frage, ob sie gewinnt, egal ob in der Halle oder unter freiem Himmel, sondern vielmehr, welche Weite sie schafft. Und da ist Dortmund offenbar ein gutes Pflaster. Bereits im vergangenen Jahr steigerte sie ihre Bestleistung auf 20,27 Meter. Nun gelingen ihr die zwei besten Versuche ihrer Karriere in Dortmund. „Hier habe ich echt Rückenwind“, sagt Ogunleye. Im Stadion liegt ihr persönlicher Rekord bei glatt 20 Metern, aufgestellt bei ihrem überraschenden Olympiasieg im Regen von Paris.
Manchmal in sich gekehrt
Zwar wirkt Ogunleye stets konzentriert, manchmal in sich gekehrt. Bevor sie den Ring betritt, schließt sie die Augen, saugt alle Energie um sich herum auf. „Ich war heute nervös wie irgendwie noch nie zuvor“, sagt sie später, „In den ersten drei Versuchen habe ich daran gezweifelt, dass es noch ein bisschen weiter geht.“ Zu Beginn des Wettkampfs liegt sie gar nur auf dem zweiten Platz. Während sie die Kugel auf 18,39 Meter stößt, kommt Katharina Maisch auf 18,69 Meter.
Im zweiten Durchgang rückt Ogunleye die Verhältnisse und Klassement zurecht. Dennoch: An diesem Abend stößt die Athletin der MTG Mannheim nicht nur vor allem gegen sich selbst. Sie kämpft auch mit sich selbst. Zwischen den Durchgängen zieht sie sich immer wieder zurück, spricht mit ihren Betreuern, sitzt alleine auf der Stabhochsprungmatte. „Das ist am Ende das, worauf es auch ankommt“, sagt sie, „egal wie man startet, dann doch noch seinen Rhythmus zu finden.“ Maisch verbessert sich lediglich noch auf 18,73 Meter, mehr als anderthalb Meter weniger.
Ein bisschen platt
Den Wettkampf in Dortmund bestreitet Ogunleye, während sie voll im Training ist. „Ich war ein bisschen platt“, gesteht sie. Aktuell arbeitet sie an ihrer Technik, daran, das Drehstoßen zu optimieren. „Es ist einfach sehr, sehr anstrengend, wenn man im Wettkampf viel an die Technik denkt“, sagt Ogunleye. Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit fehlen ihr aktuell noch. Immer wieder geht sie die Abläufe auch als Trockenübung durch.
Die deutschen Hallenmeisterschaften sind für Ogunleye Training unter Wettkampfbedingungen. Ihr Blick geht zur Hallen-WM in einigen Wochen im polnischen Torun. „Ich kann nichts versprechen, ich will einfach nur Freude haben bei dem Wettkampf“, sagt sie, „und auf jeden Fall noch einmal 20 Meter anbieten, das wäre mein Ansporn.“ Denn was in Dortmund fehlt, hat sie auf internationaler Bühne en masse: Konkurrenz.
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