Sportkolumne
Keinen Bock auf Olympia im Winter? In der Pfalz gibt es durchaus Gründe dafür
Just zum Start in die Olympia-Woche setzte in der mitunter rauen Nordpfalz Schneefall ein, als ich am vergangenen Montagmorgen kurz nach 7 wie üblich mit dem Hund auf unsere Joggingrunde ging. Okay, es gab unter unseren Füßen nicht dieses wohlige Quietschen, das frischer, fester Schnee erzeugt – eher dieses ungut-feuchte Matschgefühl. Wir haben uns dennoch gefreut, der Hund noch mehr als ich. Denn wie sagen die Engländer? „Every little helps“, jeder kleinste Beitrag ist willkommen, um so etwas wie Vorfreude auf das erste Sportgroßereignis des Jahres aufkommen zu lassen.
In Deutschland scheint es damit nicht allzu weit her zu sein. In aktuellen YouGov-Umfragen gaben 49 Prozent der über 2000 Befragten an, an den Spielen nicht sehr oder überhaupt nicht interessiert zu sein. Zudem erklärten 59 Prozent, dass es nicht sehr oder überhaupt nicht wahrscheinlich ist, dass sie die Spiele verfolgen werden – trotz öffentlich-rechtlicher TV-Dauerberieselung.
Reizthema: Natur und Nachhaltigkeit
Wenn das damit zu tun hat, dass ein immer größer werdendes Bewusstsein dafür entsteht, wie feindlich für Natur und Nachhaltigkeit gerade Winterspiele und kommerzieller Wintersport oftmals geworden sind, ist das ein tröstliches Ergebnis.
Und dennoch will man all denen, die sich angesichts unseres seit Wochen doch recht stabilen Winterwetters endlich mal wieder an echten Schneelandschaften in traditionellen Wintersportgebieten wie Cortina, Bormio oder Antholz erfreuen wollen, ja den (Fernseh-)Spaß nicht verderben. China vor vier Jahren sendete doch eher deprimierende Bilder von reinen Kunstschneepisten in ansonsten karger, staubtrockener Ödnis.
Also, diese dezentralen Spiele in Norditalien mögen besser sein, aber natürlich alles andere als makellos. Eine hochumstrittene Bobbahn musste (?) gebaut werden – klar, die der Turiner Winterspiele 2006 in Cesana Torinese ist dem Vergessen und Verfall preisgegeben, sehr nachhaltig. Und für die auch diesmal unvermeidlichen Kunstschneemaschinen wurden künstliche Seen ausgehoben. Wer das alles hinterfragt, dem kann durchaus die Lust auf ein Spektakel vergehen, das ja zudem mit der Lebenswirklichkeit gerade in unseren Breiten wenig zu tun hat. Anders als bei Sommerspielen. Fußball, Volleyball und Tennis wird auch in der Pfalz gespielt, gelaufen und Rad gefahren sowieso, geritten und geschwommen auch. Aber sind Sie schon mal bäuchlings auf einem Schlitten durch eine Eisbahn gerauscht? PS: Skeleton nennt sich das.
Da schließt sich buchstäblich ein Kreis
Vielleicht muss sich jeder von uns so seine eigene Vorfreude-Blase schaffen. Ich rede mir ein, dass sich für mich buchstäblich ein Kreis schließt. Vor genau 30 Jahren übernahm ich die journalistische Begleitung der Adler Mannheim für unsere Zeitung. Der bekannteste Spieler damals in dieser Eishockey-Mannschaft hieß Harold Kreis, und meine ersten Interviews mit ihm waren von großer Ehrfurcht meinerseits geprägt – schließlich hatte ich als Junge ihn ja schon im alten Friedrichsparkstadion spielen sehen. Kreis entpuppte sich sofort im Umgang als freundlicher Star ohne Allüren. Unseren Kontakt haben wir seitdem immer aufrechterhalten.
30 Jahre später nun steht Kreis als Trainer vor der größten Aufgabe seiner Karriere. Die Erwartungen sind gewaltig ans deutsche Männerteam, das angesichts hochkarätiger Spieler aus der besten Liga der Welt, der NHL, die beste deutsche Eishockey-Mannschaft aller Zeiten sein soll. Mag sein. Aber wer jetzt davon ausgeht, dass ein Silbermedaillencoup wie jener von Pyeongchang 2018 damit quasi eingetütet ist, muss geerdet werden. Damals boykottierte die NHL die Winterspiele, selbst die Eishockey-Weltmächte traten mit Europa-Legionären an. Guten Spielern, ja, aber eben keinen Top-Stars (mehr). Deshalb: Die deutsche WM-Silbermedaille von 2023 unter Kreis’ Ägide war der größere Erfolg, treten bei einer WM doch einige NHL-Profis an. Was Kanadier, Amerikaner, Finnen oder Schweden in der Regel eben besser macht als eine deutsche Mannschaft.
Der Mannheimer Makel, der keiner ist
Harold Kreis hat also in seiner Spieler-
Kreis’ Tugenden jedoch prädestinieren ihn geradezu für das Amt des Bundestrainers. Von Wohlfühloase ist oft die Rede, meist negativ behaftet. Hier ist es anders, hier kommen – wie im Basketball und auch wieder im Handball – hochmotivierte Profis für eine dreiwöchige Auszeit vom prosaischen und gehetzten Ligaalltag quasi an einem wärmenden Lagerfeuer zusammen. Kreis ist der ideale Mann, um es anzuzünden.