Turnen
Janoah Müller: Erst das Abitur, dann das Ziel EM
Den ganzen Tag am Schreibtisch zu lernen, war noch nie Janoah Müllers Sache. So stellt es für die 18 Jahre alte Kunstturnerin der TSG Haßloch auch kein Problem dar, während der Vorbereitungen auf ihre Abiturprüfungen weiterhin täglich aus ihrem Wohnort Böhl-Iggelheim ins Training nach Mannheim zu pendeln.
Auch einen Wettkampf hatte sich die Team-Silbermedaillengewinnerin der EM von Leipzig 2025 für dieses Frühjahr ausgesucht: Beim internationalen DTB-Pokal in Stuttgart ging sie am Freitag für die am Ende sechstplatzierte, verletzungsbedingt geschwächte Riege des Deutschen Turner-Bundes (DTB) in der Team Challenge an die Geräte und qualifizierte sich für das Finale am Schwebebalken, in dem sie zwei Tage später mit 12,833 Punkten Silber hinter der Kanadierin Alyssa Guerrier-Calixte holte, die als letzte Starterin mit 13,30 noch vorbeizog.
Erleichterung nach dem sicheren Stand
Trainerin Narina Kirakosyan hatte die Arme hochgerissen, als ihre Sportlerin den schweren Doppelsalto am Ende ihrer Übung sauber stand. Eigentlich beherrsche sie das Element „relativ sicher“, erklärte Müller. Im Einturnen war sie bei dem hochwertigen D-Teil aber zu tief gelandet.
Zu Hause wird sie sich wieder in den Übungsalltag zurückziehen. Erst Anfang Juli sind alle Klausuren und mündlichen Examen überstanden. Nur drei Wochen später stehen die deutschen Meisterschaften bei den Finals in Hannover an, bei denen sich die Vorjahresdritte am Stufenbarren erneut für die Auswahl empfehlen will, die die deutschen Farben bei der EM im August in Zagreb vertritt. Der späte Termin kommt Müller entgegen: Bislang wurden die kontinentalen Titelkämpfe meist in der ersten Jahreshälfte ausgetragen.
Bekenntnis zum Stützpunkt Mannheim
Bis zum Sommer möchte Müller ihre Vorträge am Balken und am Boden noch aufstocken und ihre „komplett neue Barrenübung“ stabilisieren. Trotz des Erfolges bleiben die Ziele der Pfälzerin bescheiden: Sie müsse sich erst mal überhaupt für die EM und die WM zwei Monate später in Rotterdam qualifizieren, sagt sie.
Im heimischen Leistungszentrum ist mittlerweile Ruhe eingekehrt, nachdem Müllers frühere Heimtrainerin vor einem Jahr freigestellt wurde. Zuvor hatten zahlreiche, überwiegend ehemalige Turnerinnen aus verschiedenen Stützpunkten über psychischen Missbrauch seitens ihrer Betreuer geklagt, ohne dass in diesem konkreten Fall Vorwürfe öffentlich bekannt wurden. Ab und an schreibe man sich noch, sagt Müller. „Aber wenn man sich nicht sieht, geht der Kontakt verloren.“
Sie würde sich weiter die Rückkehr der vertrauten Trainerin wünschen, doch sie sieht sich auch bei Kirakosyan und Dmitri Loschakov in guten Händen. Nach dem Schulabschluss will Müller deshalb weiterhin in Mannheim bleiben. Eine mögliche Zukunft als Sportsoldatin sei angedacht und auch ein Fernstudium. „Was genau, weiß ich noch nicht“, sagt sie. Aber der Bereich Medien und Marketing würde sie interessieren.