Fußball
Heiliger Bundesliga-Rasen: Der Platzwart heißt jetzt Greenkeeper
Alle Jahre wieder, zu bestimmten Zeiten, bekommt der Blick auf die Wetterprognosen eine besonders große Bedeutung. Um Weihnachten herum, wenn sich viele ein bisschen Weiß auf Hausdächern und Baumwipfeln wünschen, ist das so. Verstärkt natürlich auch, sobald der Sommerurlaub näher rückt. Oder rund um die gerade vergangenen Ostertage: Spätestens dann haben die Menschen den Winter endgültig satt und möchten die Eier- und Schokoladenhasensuche mit den Kindern am liebsten bei 20 Grad auf sattgrünen Wiesen erleben.
Es ist Frühjahr, den Tagen, die auf der Nordhalbkugel schon seit über drei Monaten wieder länger werden, merkt man das inzwischen auch wirklich an. In der Fußball-Bundesliga enden nun selbst die späten Spiele am Wochenende bei Tageslicht – und all die Rasenmeister im Land können bei ihrer Arbeit wieder verstärkt mit der natürlichen Unterstützung durch die Sonne rechnen. Mal mehr, wie im zum Teil brütend heißen April 2007. Mal weniger – wie 1986, als ein Spätwintereinbruch dem Süden und Osten Deutschlands Mitte April Dauerfrost und Schneefall bis in tiefe Lagen bescherte.
Länge der Halme ist genormt
Dabei ist die Branche schon lange bemüht, sich von Wetterkapriolen und Jahreszeiten möglichst unabhängig zu machen. Die in sanften Violett- und Gelbtönen leuchtenden Wärmelampen, die der Fotosynthese künstlich Beine machen, kann man hierzulande speziell im Spätherbst und im Winter schon seit vielen Jahren in Stadien und auf Trainingsplätzen beobachten. Das Wachstum der Grashalme ist Maßarbeit – und das gilt nicht nur für die Länge der Halme, die laut den Richtlinien der Deutschen Fußball-Liga (DFL) zwischen 25 und 28 Millimeter liegen soll.
Als die Bundesliga, für die im August der 63. Geburtstag ansteht, noch im Teenageralter war, wurde statt der Graslänge häufiger mal die Schneehöhe über dem Rasen gemessen. Denn wer als Fußballfan in den späten 1979er und frühen 80er Jahren aufwuchs, brauchte oft sehr viel Geduld. Die Winter waren lang und mitunter extrem schneereich, Rasenheizungen wie in München oder Frankfurt noch eine echte Rarität.
Hatte Frau Holle ihre Kissen also mal wieder besonders kräftig ausgeschüttelt, wirbelte das auch den Terminplan in der Bundesliga mächtig durcheinander. Am 20. Januar des sogenannten Jahrhundertwinters 1978/1979 zum Beispiel konnten zum damals noch tatsächlich heiligen Anstoßtermin Samstag, 15.30 Uhr, statt der damals üblichen acht oder neun Spiele nur kümmerliche zwei angepfiffen werden. Die letzte Nachholpartie dieses 19. Spieltags fand mehr als vier Monate später, am 26. Mai, statt. Zwei Wochen vor Saisonende.
Eine neue Berufsbezeichnung
Die Männer, die sich, wenn die Schneemassen endlich beseitigt oder geschmolzen waren, zu diesen Zeiten um Fußballplätze kümmerten, nannte man Platzwart. Mit der fortschreitenden Professionalisierung der Vereine im ausgehenden Jahrtausend verschwand diese Berufsbezeichnung dann nach und nach – und auf der Bildfläche erschien: der Greenkeeper. Das klang schon mal deutlich schicker.
Auch wenn das meist im Bayern-Rot leuchtende Münchner Riesengummiboot gleich neben dem Fröttmaninger Berg noch immer zu den modernsten Fußballstadien auf dem Globus zählt: Mit dem grünen Innenleben ihres Unterhaltungstempels hatten die stolzen Bayern in der Vergangenheit schon mal so ihre Probleme. Im Herbst 2016 zum Beispiel musste der Hybridrasen in der Arena aufgrund eines massiven Pilzbefalls kurzfristig komplett ausgetauscht werden. Der rasende Franzose Franck Ribéry hatte sich zuvor öffentlich über die Qualität des Geläufs mokiert und von einem „komischen Platz“ gesprochen. Professionelle Fußballerfüße sind nun mal mindestens genauso sensibel wie ihr meist erstklassig gepflegter Arbeitsplatz.
Viel gelernt haben die Greenkeeper im internationalen Fußballbusiness vor allem vom Golfsport. In der edlen Schläger-, Caddie- und Par-Branche wird das Gras allerdings auf maximal fünf Millimeter Länge gestutzt – was beide Welten aber grundsätzlich verbindet, ist der Fachkräftemangel in der Rasenpflegebranche.
Begehrtes Fachpersonal
Erstklassiges Personal, das die Kunst des Vertikutierens, Aerifizierens und Bestockens beherrscht, das weiß, wie man den Welkepunkt der Pflanze erkennt oder den Salzgehalt eines Bodens richtig interpretiert und das mit Lichteinfall, Bewässerung und Spindelmähern umgehen kann, ist rar gesät. Doch wer den Beruf beherrscht und bei einem Topklub anheuert, kann gegenüber den millionenschweren Rasenballsportlern auch schon mal Bedingungen stellen.
In Mönchengladbach etwa hatte der gewissenhafte Fußballlehrer Lucien Favre einst den Anspruch, Standardsituationen unter möglichst realen Bedingungen einzustudieren. Sprich: im Stadion. Nach dem Abschlusstraining marschierten Trainerteam und Kicker also stets vom Nebenplatz hinein in den Borussia-Park. Um mögliche Krankheitsherde nicht von einem auf den nächsten Platz zu verschleppen, mussten sie sich auf Geheiß des zuständigen Greenkeepers mit ihren Fußballschuhen dort aber erst mal in eine flache Wanne mit Desinfektionslösung stellen. Erst anschließend durften sie den heiligen Stadionrasen betreten und ihrerseits Maßarbeit verrichten. Auf vorbildlich getrimmtem Untergrund, bei Ecken und Freistößen.
Tipps der Redaktion
Borussia Dortmund - Bayer Leverkusen 2:1
RB Leipzig - Borussia Mönchengladbach 3:0
VfL Wolfsburg - Eintracht Frankfurt 3:2
1. FC Heidenheim - Union Berlin 1:2
FC St. Pauli - Bayern München 1:4
1. FC Köln - Werder Bremen 2:0
VfB Stuttgart - Hamburger SV 2:2
FSV Mainz 05 - SC Freiburg 3:1