Meinung
Fußballromantiker, jetzt bitte ganz stark sein: Ein Loblied auf zwei „Retortenklubs“
Unerbittliche Fußballtraditionalisten schwanken bei diesen beiden Klubs der Fußball-Bundesliga zwischen zwei Polen, die sich nicht weit entfernt voneinander befinden: tiefe Abneigung oder schieres Ignorieren. Aber es ist mal an der Zeit, den sogenannten „Retortenklubs“ TSG Hoffenheim und RB Leipzig ein Lob zu zollen. Längst nicht nur aus sportlichen Gründen.
Sicher, beide sind stramm unterwegs Richtung Champions League. Hoffenheim in verblüffender Weise, Leipzig auch nach dem Ausrutscher am Samstag gegen Mainz weiterhin. Beider Fußball ist attraktiv. In Hoffenheim getragen von (immer noch) mitreißenden Andrej Kramaric (34), in Leipzig symbolisiert durch eine kluge Einkaufs- und Ausbildungspolitik – wie im Fall Yan Diomande (19).
Notorische Kritiker des von Red Bull finanzierten „Projekts“ werden mit Recht einwenden, dass nicht viele Klubs in der Lage gewesen wären, den Rohdiamanten von der Elfenbeinküste für satte 20 Millionen zu holen. Aber dass RB beim eher unbeachteten spanischen Klub CD Leganes fündig wurde und das Talent vor allem als Ausbildungsklub nun noch veredelt, das ist ein Coup. Auch der FC Bayern soll bereits ein Auge auf Diomande geworfen haben. Und das nächste Juwel, ein Abwehrspieler für schlappe 17 Millionen, ist im Anflug: Abdoul Koné (20) vom französischen – genau – Zweitligisten Stade Reims. Da steckt System dahinter.
System und Haltung
In Sinsheim wiederum geht’s auch um Haltung. Da imponiert, wie die TSG 1899 Hoffenheim das Thema Nachhaltigkeit mit Leben füllt. Müllvermeidung im Stadion, Klimaticket zugunsten von Aufforstungsprojekten, erneuerbare Energien, eine Initiative für die Debattenkultur in Sachen Klimaschutz. Leipzig reiht sich derweil mit einem Zuschauerschnitt von rund 45.000 sicher in die Top Ten der Bundesliga ein. Was die Fanlager beider Klubs eint: so gut wie keine Krawalle, kein Rassismus. Leider kein Randaspekt, wie das Duell zweier sogenannter Traditionsvereine vor einer Woche zeigte: Magdeburg gegen Dresden, 75 verletzte Polizisten. Soll das die Zukunft des Fußballs sein?