Fußball
FK Pirmasens scheidet im DFB-Pokal gegen HSV aus: Knapp an der Sensation vorbei
Die 58. Spielminute am Samstag im ausverkauften Framas-Stadion auf der Husterhöhe: Jordan Torunarigha, Verteidiger des Hamburger SV, will mit dem Kopf klären, verlängert den Ball aber genau in den Lauf von Dennis Krob. Der Angreifer des FK Pirmasens ist durch, legt den Ball im Vollsprint mit dem rechten Fuß an Torhüter Daniel Heuer Fernandes vorbei, muss drei, vier Schritte mehr machen, als es optimal gewesen wäre und schießt aus vier Metern mit links auf das kurze Eck. Doch der Torschrei bleibt den Pirmasenser Anhängern unter den 10.000 Zuschauern im Halse stecken. Hamburgs linker Schienenspieler Miro Muheim wehrt den Schuss auf der Torlinie ab. Es wäre wohl der K. o. für den Hamburger SV in der ersten Runde des DFB-Pokals gewesen. So bleibt es beim hochverdienten 1:0 für den krassen Außenseiter aus der Oberliga. (Zum Liveblog des Spiels kommen Sie hier)
Nüchterne Erkenntnis
„Macht der FKP hier das 2:0, gewinnt er“, stellt hinterher Rainer Keßler, Verwaltungsratsvorsitzender des 1. FC Kaiserslautern aus Pirmasens, nüchtern fest. Das Chancenverhältnis bis zu dieser Szene: 7:2 für den vier Klassen tiefer spielenden Gastgeber, der zwar deutlich weniger den Ball hatte, aber nach vorne weitaus gefährlicher als die lange ziemlich tempo- und ideenlosen Profis war. Allein dies war schon eine Sensation, auch wenn der Bundesliga-Rückkehrer von der Elbe zuletzt in den Testspielen nicht überzeugt hatte. Den Ausflug in die Südwestpfalz hatte sich HSV-Sportvorstand Stefan Kuntz wahrlich anders vorgestellt. „Das Spiel war schwerer als gedacht. Unser Spiel nach vorne war nicht so effektiv, wie wir uns das vorstellen“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung.
Dabei ist Kuntz ein paar Stunden zuvor noch frohen Mutes. Als die Hamburger am Vormittag in den Teambus einsteigen, lacht der Klubchef, winkt. Drei Handvoll Menschen sind ans Hotel Fasanerie nach Zweibrücken gekommen, wo der HSV-Tross übernachtet hat. Kuntz klatscht sich mit einem Fan ab, als FCK-Ikone ist der Neunkirchner in der Region noch immer beliebt. Doch er weiß: Ein Ausscheiden gegen den Fünftligisten käme für den HSV einer Blamage gleich. Trainer Merlin Polzin trägt mehrere Rollen Flipchart-Papier unter dem Papier, auf denen taktische Vorgaben stehen – die Hanseaten wollen dem Underdog gut vorbereitet begegnen. „Die Spieler wissen auch, dass es schwer wird, trotzdem kann man es manchmal nicht verhindern“, wird Kuntz später sagen, „es soll aber auch schon vorgekommen sein, dass man hier steht und erklären muss, warum man ausgeschieden ist.“
Bis zur Erschöpfung
Aus einer kompakten Defensive heraus agiert der FKP wie ein Außenseiter in solch einem Spiel nun einmal agiert – mit Kampf und Leidenschaft werden immer wieder die Räume geschlossen, bis zur Erschöpfung. „Obwohl ich eigentlich ziemlich fit bin, hatte ich nach 70 Minuten den ersten Krampfansatz“, sagt Manuel Grünnagel, das rechte Glied einer ungemein zweikampfstarken Pirmasenser Abwehrkette. Mike Andreas, Kapitän Grieß, Michael Müller und Kevin Büchler, sind seine vorzüglichen Mitstreiter. Das klare Ziel: So lange wie möglich ohne Gegentor bleiben. Mit jeder Minute, in der das gelingt, wird der FKP an diesem Samstag forscher, erarbeitet sich Torchance um Torchance.
Der Oberliga-Dritte der vergangenen drei Saisons hätte schon in den ersten 45 Minuten in Führung gehen können, ja müssen. Thomas Selensky, der nach den Worten von Trainer Paulus „das vielleicht beste Spiel gemacht hat, seit er in Pirmasens ist“, brachte nach perfektem Konter über seinen Mittelfeldkollegen Luka Dimitrijevic und Marc Ehrhart den Ball nicht an Heuer Fernandes vorbei, und Ehrharts Volleyabnahme nach traumhafter Vorlage von Dimitrijevic streichelte die Latte des HSV-Tors – da schaute Heuer Fernandes nur bangend hinterher. Den enorm selbstbewussten Auftritt seiner Mannschaft erklärt FKP-Trainer Daniel Paulus so: „Wir haben die ganze Woche darauf hingearbeitet, dass wir das Spiel genießen und Spaß haben.“
Auch für den Coach ist jene 58. Minute der Knackpunkt des Spiels. Krob macht das 2:0 nicht, und – typisch Pokalspiel – das Blatt wendet sich. Der Favorit drückt nun, Warmed Omari schießt an die Latte, Emir Sahiti ans Außennetz. Krob und sein groß aufspielender Sturmpartner Marc Ehrhart gehen in Minute 77 sichtlich erschöpft nach riesigem Laufpensum vom Rasen. Oskar Prokopchuk, nach sieben FCK-Jahren und einem Mini-Intermezzo beim SSV Reutlingen seit Dienstag beim Fußballklub seiner Heimatstadt, und Silas Gutmann betreten den Rasen.
Doch die zuvor so frechen, taktisch perfekt und äußerst geschlossen agierenden Pirmasenser lassen sich nun zu weit in die Defensive drängen. Ex-FCK-Angreifer Robert Glatzel (83.) scheitert ebenso wie Sahiti (85.) an dem immer wieder grandios parierenden FKP-Torhüter Benjamin Reitz. „Ab Minute 75 haben sie vorne mit vier, fünf Mann auf einer Linie gestanden“, sagt Grieß, „da wurde es schon unbequem. Aber wir haben es super verteidigt.“ Sollte Pirmasens den Vorsprung über die Zeit retten? Schiedsrichter Timo Gansloweit zeigt sechs Minuten Nachspielzeit an.
Damit rechnen wenige
Der Pirmasenser Anhang beginnt in dieser Phase ebenfalls zu spüren, dass die Sensation zwar greifbar, eben aber noch nicht in trockenen Tüchern ist. Dass es so ein dramatisches Spiel werden würde, damit rechnen am Vormittag die wenigsten: Schön, im DFB-Pokal dabei zu sein, gut spielen, ausscheiden, aber vor allem einen tollen Fußball-Samstag im Sommer erleben. Die Fans pilgern zur Husterhöhe, die Autos stauen sich auf den Zufahrtsstraßen, das ganz große Verkehrschaos bleibt aber aus. An Gehwegen preisen Verkäufer die „Begegnungsschals“ an – mit den Schriftzügen von FKP und HSV. Zehn Euro für einen Tag, an den sich der Pirmasenser Fußball noch lange erinnern wird.
„Die Kulisse war grandios“, sagt Grieß, „daran könnte man sich glatt gewöhnen“. Der 29-Jährige ist dafür verantwortlich, dass die FKP-Fans lange träumen dürfen von der zweiten Pokalrunde. Das überfällige 1:0 fällt in der 53. Minute nach einer kurz ausgeführten Ecke. Kevin Büchler flankt mit seinem feinen linken Fuß von rechts, Krob fliegt vorbei, und Grieß drückt den Ball über die Linie. Ausgerechnet Grieß, der bekennende HSV-Fan, dem Stefan Kuntz später persönlich ein Hamburger Trikot überreicht. „Wir haben alles in die Waagschale geworfen. Leider haben uns drei Minuten gefehlt“, sagt der Windsberger, „ein bitterer Moment.“ Mit dem Anpfiff hatte er alle Aufregung abgelegt, nachdem er zur Seitenwahl den FKP-Wimpel in der Kabine vergessen hatte.
Spieler fragen nach
Die Pirmasenser Spieler beginnen bereits, sich beim Schiedsrichter zu erkundigen, wie lange das Spiel noch dauert, als sich Hamburgs Standardexperte Miro Muheim den Ball zurecht legt. Er schlägt eine seiner stets gefährlichen Ecken vors FKP-Tor, der eingewechselte Portugiese Guilherme Ramos rauscht heran, wuchtet den Ball mit dem Kopf zum 1:1 ins Netz (90.+2) und rettet den HSV in die Verlängerung. Dort ist es wieder Muheim, dessen Standards die FKP-Verteidiger immer wieder vor Probleme stellen. In der 99. Minute schlägt er eine Freistoßflanke, Ransford-Yeboah Königsdörffer köpft das 2:1 für den HSV. Glatzel hätte kurz darauf das 3:1 nachlegen können, doch auch er scheitert an dem Mann in Orange, Benjamin Reitz.
Die Köpfe hängen, der FKP scheint zu diesem Zeitpunkt geschlagen zu sein – ist es aber nicht. „In der zweiten Halbzeit der Verlängerung haben wir dann hopp oder top gespielt“, beschreibt Trainer Paulus das Aufbäumen. Alle Pirmasenser fordern in der 113. Minute einen Foulelfmeter, als Prokopchuk im HSV-Strafraum zu Fall kommt – doch die Pfeife von Gansloweit bleibt stumm. „Der Schiri hat in allen Fifty-fifty-Situationen gegen uns entschieden“, sagt Paulus. Eine Minute später vergibt der eingewechselte Ousmane Sannoh per Kopf die Chance zum 2:2. Heuer Fernandes lenkt den Ball mit einer Hand gerade so über die Latte.
Dann der Abpfiff. Die Pirmasenser, die so stolz auf ihre, so Paulus, „famose Leistung“ sein können, sind enttäuscht „FKP, FKP, FKP“, skandieren die Zuschauer. „Wenn du bis in die Nachspielzeit führst und dann noch verlierst, tut das weh“, betont FKP-Routinier Grünnagel, dass sein Team trotz der klaren Außenseiterrolle keineswegs nur auf ein respektables Ergebnis aus gewesen sei.
Der Jubel der HSV-Profis fällt dezent aus. Sie spüren, dass sie haarscharf an der Blamage vorbeigeschrammt sind. Der Oberligist habe seinem Team „alles abverlangt“, konstatiert HSV-Chefcoach Merlin Polzin. „Pirmasens hat sehr gut gespielt“, sagt Stefan Kuntz, „zum Schluss konnte sich Qualität und Glück ein bisschen durchsetzen.“ Siehe Minute 58.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.