Sportkolumne
Fies und dumm: Frauen an Haaren ziehen und Pferde peitschen
„Das Reglement ist mir scheiß egal!“ Allerhand solch eine Aussage von jemandem, der eine große internationale Sportveranstaltung verantwortet. Doch im Fall von Peter Hofmann, dem sonst honorigen Reitturnierchef auf dem Mannheimer Maimarkt, nur allzu verständlich. Sein Ärger ist wie immer bei ihm unverstellt, klar artikuliert und vor allem: fundiert. Denn der 76-Jährige ist nicht einfach ein Funktionär in Nadelstreifen. Unter dem Anzug trägt er quasi immer noch den Turnierfrack, ist selbst geritten und lebt für seinen Sport.
Ein Sport wohlgemerkt, den viele Menschen nur allzu gern auf dem Abstellgleis der Geschichte sähen. Anders gesagt: Kaum eine Sportart wird von Teilen der Öffentlichkeit dermaßen kritisch beäugt wie das Reiten. Und man muss klar sagen: leider immer mal wieder zu Recht. Zumal dann, wenn die Hauptdarsteller selbst dazu beitragen, ihren Sport abzuschaffen, indem sie die Pferde schlecht und/oder unfair behandeln.
Wenn Zu- und Vertrauen fehlen
Was ist passiert? Ausgerechnet auf dem Maimarktturnier kam es zu einer sehr unschönen, sicher nicht dramatischen, aber eben imageschädigenden Szene. Ausgerechnet deshalb, weil der gastgebende und gerade 100 Jahre alt gewordene Reiter-Verein Mannheim auf diesem großen Turnier immer wieder auch die vielen Facetten der segensreichen Beschäftigung mit den Pferden einem großen Publikum nahe bringen will. Als da neben dem Spitzensport wären: Tiere und Kinder, Inklusion, Naturerlebnis, Breiten- sowie Therapiesport und und und. Ausgerechnet auf dieser Bühne passierte folgendes: Beim Nationenpreis im Springen drosch eine junge Reiterin aus der Slowakei ihrem bis dato übrigens gut laufenden Pferd, das einfach Ver- und Zutrauen verdient gehabt hätte, vor dem Wassergraben dreimal heftig und für jeden sogar hörbar mit der Gerte auf die Flanke. Und noch einmal ausgerechnet: Das war der erste Ritt, den ein großes Publikum an den Fernsehschirmen im SWR live von diesem Wettbewerb zu sehen bekam.
Ja, das Reglement gibt dies her. Aber Peter Hofmann fand von sich aus klare Worte: „Diese Bilder wollen wir nicht sehen, das ist nicht unser Sport. Wir können nicht alles machen, was wir dürfen. Wir müssen machen, was gut ist – und Akzeptanz findet.“ Im Umkehrschluss ließ Hofmann unausgesprochen folgenden Rückschluss zu: Wen solche Bilder anwidern, dem kann selbst er in diesem Moment das nicht übel nehmen.
Der Reiterin und dem Equipechef sei das massive Missfallen der Turnierleitung umgehend mitgeteilt worden, versichert Hofmann. Einsicht? „Verbal ja“, sagt er – selbst bei ihm schwingen da Zweifel in der Stimme mit. Anders gesagt: Wenn in aller Öffentlichkeit für viele Menschen sicht- und hörbar ein Pferd auf diese Weise völlig unnötig angetrieben wird, wie sehen dann wohl erst die Trainingsmethoden hinter verschlossenen Stalltüren aus? Und: Wie seriös ist dort die Ausbildung des Sportpferdes überhaupt? Das ist keine Unterstellung, das ist ein Gedanke, der sich automatisch einschleicht.
Hände weg von den Zöpfen
Nochmal ein Fall von „ausgerechnet“. Dass ausgerechnet ein prominentes Frauenfußballteam das Recht auf körperliche Unversehrtheit aushebeln möchte, verwundert. Weil im in dieser Hinsicht vergleichsweise progressiven und liberalen Frauenfußball – anders als bei den Männern – jede nach ihrer Fasson glücklich sein darf, lieben darf, wen sie will, aussehen darf, wie sie will. Was im konkreten Fall auch das Recht auf Zöpfe, durchaus auch lange, einschließt. Ohne dass jemand daran herumzupft.
Im Hinspiel des Champions-League-Halbfinales gegen den FC Barcelona sah Bayern-Torschützin Franziska Kett die Rote Karte, weil sie Gegenspielerin Salma Paralluelo an den – zugegeben – langen Haaren gezogen und so schmerzhaft zu Fall gebracht hatte. Worauf Bayern-Sportdirektorin Bianca Rech eine Regeldebatte entfachen wollte. Über die Rote Karte gelte es in ihren Augen grundsätzlich zu diskutieren, „weil man eben sieht, dass Spielerinnen Haare bis zum Gesäß eben haben“. Für sie bestehe ein Unterschied darin, ob jemand einer Spielerin am Oberkopf an den Haaren reiße oder sie weiter unten in einer Situation an den Haaren erwische, in der nach dem Trikot gegriffen werde. Was ja auch nicht wirklich fein und fair ist.
Rote Karte – hart, aber klar
Klare Worte dagegen fand TV-Expertin Kathrin Lehmann: „Haareziehen ist wie jemandem eine schmieren.“ Rot dafür als Strafe sei hart, aber klar. Tätlichkeit eben.
Genau. Mit meiner Allerweltsfrisur Marke „Salon Biederschick“ kann ich zwar nicht wirklich mitreden, mir aber schon vorstellen, dass ein solches An-den-Haaren-ziehen – zumal wenn die Eingefangene tüchtig Tempo drauf hat – einfach fies wehtut. Warum wollen hier ausgerechnet die Bayern-Frauen diesen einseitigen Geschlechternachteil?