Olympia Dramen und Wunder der Winterspiele (mit Bildergalerie)

Ein euphorisches Gesicht dieser Spiele aus dem deutschen Team: Skicrosserin Daniela Maier.
Ein euphorisches Gesicht dieser Spiele aus dem deutschen Team: Skicrosserin Daniela Maier.

Lindsey Vonn stürzt schwer, Lena Dürrs Medaillentraum platzt am ersten Tor. Aber es gab auch deutsche Sensationen. Die bewegendsten Olympia-Geschichten.

Lindsey Vonns schwerer Sturz

Trotz einer Kreuzbandverletzung wollte Lindsey Vonn bei Olympia den krönenden Abschluss einer großen Karriere feiern – es wurde eine Tragödie: Die Sportwelt stand still, als der US-Skistar nach einem schlimmen Sturz zu Beginn der olympischen Abfahrt vor Schmerzen schrie.

Lindsey Vonn riskierte viel – und verlor alles.
Lindsey Vonn riskierte viel – und verlor alles.

Vonn ist inzwischen nach einer komplexen Schienbeinverletzung mehrfach operiert. In dieser Zeit starb auch noch ihr Hund Leo. „In so kurzer Zeit habe ich so viel verloren“, klagte Vonn. Nicht wenige, auch in Zuschriften an die Redaktion dieser Zeitung, warfen ihr aber auch Übermotivation und zu hohes Risiko vor, gerade angesichts der zuvor erlittenen Verletzung. Und einige beriefen sich auch auf TV-Experte Felix Neureuther, der Sekunden vor dem Start mit all einer Erfahrung sinngemäß ins Mikro gefleht hatte: Lindsey, bitte übertreib’s nicht.

Franziska Preuß’ Nerven

Sie jagte dem Traum von der olympischen Einzelmedaille hinterher – vergeblich. Preuß scheiterte in Antholz wiederholt an ihren Nerven, insgesamt in vier Rennen. „Es wackelt nur noch“, sagte Deutschlands beste Biathletin: „Ich bin dann so angespannt und bekomme nicht mehr den Fokus auf das Wesentliche. Dann geht nichts mehr.“

Karriereende ohne Medaillen, aber mit Krone der Teamkollegen: Franziska Preuß.
Karriereende ohne Medaillen, aber mit Krone der Teamkollegen: Franziska Preuß.

Eine große Karriere endete mit einer Enttäuschung. Dennoch Hut ab vor der Einsicht der 31-Jährigen, die spürte, wann es Zeit zum Aufhören ist. „Es fühlt sich genau so richtig an“, sagte sie am Samstag nach Rang 28. Die restlichen Weltcuprennen lässt sie sausen. Und scheint mit sich zumindest weitgehend im Reinen zu sein.

Die Flucht in den Wald

„Ich musste einfach weg von allem“, sagte Atle Lie McGrath über den Moment, der die TV-Zuschauer bewegte. Nachdem der Norweger im Olympia-Slalom in Führung liegend nach einem Fahrfehler ausgeschieden war, warf er erst seine Skistöcke weg und stapfte dann zu Fuß los in Richtung eines Waldstückes. Der 25-Jährige lief quer über die Piste, passierte die Streckenbegrenzung, ging weiter und weiter – und ließ sich in den Schnee fallen. Später erklärte er: „Wenn ich in einem Rennen nicht gut fahre, kann ich mir zumindest sagen, dass ich gesund bin, dass meine Familie gesund ist und die Menschen, die ich liebe, da sind.“ Dies sei aber dieses Mal nicht der Fall gewesen: Am Tag der Eröffnungsfeier war sein Großvater gestorben.

Atle Lie McGrath sucht kurz Abgeschiedenheit und Trost im Wald.
Atle Lie McGrath sucht kurz Abgeschiedenheit und Trost im Wald.

Lena Dürrs drittes Drama

Mit der ersehnten Einzelmedaille vor Augen ging Lena Dürr als Zweite nach dem ersten Durchgang in ihr letztes olympisches Rennen – und fädelte am ersten Tor ein. Ausgeschieden nach weniger als zwei Sekunden. Was sie in dem Moment gedacht habe? „Gar nichts. Da ist man einfach blank.“ Fassungslosigkeit bei jedem, mit dem man über diesen beinahe traumatischen Moment der Spiele redete.

Fassungslos: Lena Dürr.
Fassungslos: Lena Dürr.

Das Aus im Slalom war schon das dritte Olympia-Drama für Dürr. 2022 in Peking ging sie im Slalom als Führende in den zweiten Lauf, verpasste als Vierte eine Medaille. In Cortina stand sie im Riesenslalom als Zweite vor einer Medaille – und patzte auch hier.

Der gestürzte „Vierfach-Gott“

Der selbst ernannte Gott der Vierfachsprünge, Ilia Malinin (USA), ging als haushoher Favorit in die Eiskunstlauf-Kür – und erlebte ein Debakel. Er stürzte mehrfach und schlug sich nach Ende der Kür die Hände vors Gesicht. Mit verzweifelter Miene verließ er das Eis. Das große Wunderkind holte nicht mal eine Medaille, wurde Achter.

Höchste Erwartungen an sich selbst, doch das Resultat waren Tränen: Ilia Malinin.
Höchste Erwartungen an sich selbst, doch das Resultat waren Tränen: Ilia Malinin.

„Auf der größten Bühne der Welt können selbst diejenigen, die am stärksten wirken, innerlich noch unsichtbare Kämpfe ausfechten“, schrieb der 21 Jahre alte Team-Olympiasieger später. Es folgte eine Debatte über Druck und auch über den Onlinehass, der bei Olympia nicht nur ihm entgegenschlägt. Auch Biathletin Preuß berichtete von Hassnachrichten und nannte dies „Psychoterror“.

Coventrys Tränen

Die Stimme stockte, die Augen waren feucht, als IOC-Präsidentin Kirsty Coventry die unnachgiebige Position beim Ausschluss des Ukrainers Wladislaw Heraskewytsch von den Skeleton-Rennen zu erklären versuchte. „Leider sind wir nicht zu einer Lösung gekommen. Ich wollte ihn wirklich heute im Rennen sehen. Es war ein emotionaler Morgen“, sagte sie. Heraskewytsch war im Disput um seinen Kopfschutz mit Bildern von im Krieg gegen Russland getöteten Sportkollegen nicht auf Kompromissvorschläge des IOC eingegangen und daher ausgeschlossen worden. Coventrys Tränen von Cortina, sie wurden bei den Winterspielen Sinnbild der ersten Krise der IOC-Chefin.

Für die neue IOC-Chefin Kirsty Coventry waren es keine ungetrübten Winterspiele.
Für die neue IOC-Chefin Kirsty Coventry waren es keine ungetrübten Winterspiele.

Raimunds Sensationscoup

Und damit zu den wundersamen Momenten. Er hatte noch nie ein Weltcup-Springen gewonnen und holte dann Olympia-Gold: Skispringer Philipp Raimund jubelte im Zielraum von Predazzo jugendlich ausgelassen über seinen Sensationscoup. „Ich weiß nicht, wie ich es gemacht habe. Aber ich bin so, so stolz drauf“, sagte der 25-Jährige, den vor nicht allzu langer Zeit noch Höhenangst plagte.

Kein Weltcupsieg bisher, aber Olympiasieger: Philipp Raimund.
Kein Weltcupsieg bisher, aber Olympiasieger: Philipp Raimund.

„Vor dem ersten Sprung war ich scheiße-nervös. Es sind alle hier.“ Nur seine Schwester, die saß in einem Zug. Ein Video ihres spontanen Jubels in sozialen Medien ging viral. „Ich bin super froh, dass ich es sehen konnte, wie sie im Zug komplett explodiert“, sagte Raimund und fand: „Zum Glück gehört sie zu der Generation, die sich selbst gerne filmt.“

Den Ruhm auch medial vergolden

Mit diesem Gold am frühen Freitagnachmittag hatten in der deutschen Heimat wohl nur wenige vor den Fernsehern gerechnet – wenn sie überhaupt eingeschaltet hatten. Dabei hatte Daniela Maier durchaus in den vergangenen Jahren die Vorleistungen erbracht, um als Medaillenkandidaten gelten zu dürfen. Nur ist Skicross eben hierzulande noch nicht annähernd so beliebt wie Biathlon oder Rodeln. Das darf sich nun gern ändern. Zumal Maier ihren Ruhm buchstäblich vergolden möchte – durch Popularität. Jetzt fasst die 29-Jährige eine Teilnahme bei der Tanzshow „Let's Dance“ oder beim „Großen Promibacken“ ins Auge.

Ein Brasilianer holt Ski-Gold

Schon vor der Siegerehrung zeigte Lucas Pinheiro Braathen ein Tänzchen, aus den Boxen im Schneeregen von Bormio wummerten Samba-Bässe. Nach seiner Fahrt in die Olympia-Geschichtsbücher kamen dem extrovertierten Ski-Star bei der brasilianischen Hymne dann die Tränen. Gold für Braathen, Gold für Brasilien, die erste Medaille überhaupt für Südamerika bei Winterspielen. Was man wissen muss: Braathen ist gebürtiger Norweger, der seit 2024 für das Heimatland seiner Mutter antritt.

Mit ein bisschen norwegischer „Hilfe“: das erste Wintergold für Brasilien durch Lucas Pinheiro Braathen.
Mit ein bisschen norwegischer »Hilfe«: das erste Wintergold für Brasilien durch Lucas Pinheiro Braathen.

Ein unzertrennliches Duo

Als die Teamstaffel der deutschen Rodler zu Gold fuhr, schrieb sich ein Duo in die Rekordbücher: Tobias Wendl und Tobias Arlt krönten sich in Cortina d'Ampezzo mit dem siebten gemeinsamen Olympiasieg seit 2014 zu Deutschlands erfolgreichsten Winter-Olympioniken. Die eindrucksvolle Gesamtbilanz des Duos: siebenmal Gold, einmal Bronze. „Die Tobis“ sind eben nur im Doppelpack zu bekommen – auch als Fahnenträger bei der Abschlussfeier.

„Die Tobis“: Tobias Wendl (rechts) und Tobias Arlt
»Die Tobis«: Tobias Wendl (rechts) und Tobias Arlt
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