Formel 1
Die Sehnsüchte des Max Verstappen
Gewundert über die Reihenfolge der Fragen hat sich im Fahrerlager der Formel 1 unter dem Riesenrad an der Marina Bay niemand, nicht mal Max Verstappen. Vor dem Großen Preis von Singapur waren die nach zwei Siegen und einem zweiten Platz wieder entzündeten Hoffnungen auf eine Titelverteidigung zunächst kein Thema. Stattdessen waren Fahrer wie Frager von einem anderen Ereignis elektrisiert, wobei diejenigen in der Runde ohne Motorsport- oder Deutschkenntnisse im Nachteil waren: was in aller Welt soll bloß diese „Nordschleife“ sein?
Als probater Zeitvertreib für Grand-Prix-Rennfahrer, zumindest dem gemeinen Klischee folgend, gelten Jachten, Flugzeuge und Models – in beliebiger Reihenfolge. Aber von einem Piloten, der an den wenigen freien Wochenenden im Jahr zum Spaß in anderen Rennserien fährt, war schon länger nicht zu hören. Ablenkung heißt bei dem gerade 28 Jahre alt gewordenen Champion: sich hinter ein anderes Lenkrad zu klemmen. Der Red-Bull-Vorzeigechauffeur fuhr nicht nur in einer Sportwagenserie auf dem so berühmten wie berüchtigten Nürburgring, er tat das auch noch in einem Ferrari. Sein Debüt in der „Grünen Hölle“, einer gut 20 Kilometer langen Berg- und Talbahn, krönte er mit einem Sieg. Nach 28 Runden hatten er und sein Partner Chris Lulham knapp 25 Sekunden Vorsprung. Seither sind die Sozialen Medien voller Späße darüber, dass Ferrari so doch noch zu einem Erfolg in dieser Saison gekommen sei.
Dass einer, der auf 23 der 24 aktuellen Formel-1-Pisten bereits gesiegt hat, nur eben beim anstehenden Nacht-Grand-Prix unterhalb des Äquators noch nie, plötzlich zwischen Semi-Profis und Herrenfahrern in der Eifel auf dem Podium steht und wie in alten Zeiten einen goldenen Siegerkranz für den Barbarossa-Preis umgelegt, gibt auch seiner Karriere eine besondere Note: „Es hat eine Menge Spaß gemacht, und ich habe eine Menge neue Erfahrungen gemacht. Der Sieg war nur ein Bonus.“
Bewiesen hat er damit nicht nur seine Freude am Tun, sondern auch seine rasante Anpassungsfähigkeit an neue Bedingungen. Mit seinen rasenden Nebenbeschäftigungen festigt er seine Ausnahmestellung und gibt sich zugleich bodenständig: „Rennfahren ist nicht nur mein Beruf, sondern auch mein Hobby.“
Verstappen fährt unter Pseudonym
Erste Gehversuche auf der nicht ungefährlichen Nordschleife machte er noch unter dem Pseudonym Franz Hermann, aber das flog natürlich auf. Dann griff auch für einen Weltmeister mit Superlizenz die deutsche Rennbürokratie: Verstappen musste erst einen speziellen Führerschein für den Nürburgring machen. Bedeutete: Fahrt im Kleinbus mit einem Prüfer, dann brav hinterherfahren, anschließend ein Proberennen mit leistungsreduziertem Sportwagen. Standardprozedere. Der Mann, der sonst für jeden Kampf mit Funktionären zu haben ist, bedankte sich brav für die Hilfsbereitschaft, sich einen rennfahrerischen Traum erfüllen zu können.
Mit den drei Ring-Ausflügen und drei Formel-1-Rennen kommt Max Verstappen damit auf sechs Rennwochenenden hintereinander, doch die Belastung erzeugt bei ihm nichts anderes als ein breites Grinsen. Dass er ein paar Stufen unter der Königsklasse Rennen fährt, ist eine Art mentales Doping. Und der Beweis, dass die Noch-Nummer Eins sowohl ein Vollblut-Racer wie auch ein Freigeist ist. Selbst Gegenspieler Lando Norris findet es ganz cool, was sein Kumpel nebenher so treibt: „Die Tatsache, dass er in jeder Serie der Beste sein kann, zeigt, wie großartig er ist. Er ist dazu geboren, einer der Besten aller Zeiten zu sein.“
Hört Verstappen 2028 bei Red Bull auf?
Inzwischen wird für ihn auch generell eine Zukunft jenseits des Grand-Prix-Glamours vorstellbar. Fraglich, ob er seinen bis Ende 2028 laufenden Vertrag bei Red Bull erfüllen wird, denn nach eigenen Angaben hat er sein Lebensziel bereits mit dem ersten Titelgewinn 2021 erreicht. Ihm geht es gar nicht nur um Siegen, siegen, siegen – sondern um: fahren, fahren, fahren. Wobei angesichts seines Talents häufig das eine das andere mit sich bringt.
Nur am Triple aus Formel-1-Titel, Le-Mans-Sieg und dem Gewinn der 500 Meilen von Indianapolis, der bislang nur dem Briten Graham Hill gelang, zeigt Max Verstappen kein Interesse, weil er die IndyCars nicht mag. „Aber in Le Mans würde ich wirklich gerne einmal antreten. Die Atmosphäre bei Langstreckenrennen ist überwältigend. Mich reizt auch die Aufgabe, zusammen mit Stallgefährten anzutreten“, sagt der sonst als Einzelgänger verschriene Pilot. Fernando Alonso, der bereits zweimal für Toyota in Le Mans siegte, wäre ein prominenter Partner, beide hätten Spaß daran. Mit Verstappen.com Racing besitzt der vierfache Weltmeister bereits einen eigenen Rennstall, zu dem auch ein Sim-Racing-Team gehört.
Neues Ziel: 24-Stunden-Rennen auf Nürburgring
Das nächste große Ziel ist das 24-Stunden-Rennen im kommenden Mai auf dem Nürburgring, eine der größten Motorsportveranstaltungen auf dem Kontinent. Langfristig, das wird immer klarer, sieht er seinen Karrierefortgang nicht nur in der Königsklasse: „Ich werde das ja nicht für immer machen, und ich bin dann immer noch jung genug, woanders zu fahren“, sagt Verstappen.
Zunächst macht er im Titelkampf in der Formel 1 trotz 69 Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Oscar Piastri alle allein mit der Ansage nervös, nur noch von Rennen zu Rennen denken zu wollen: „Ich habe ja nichts zu verlieren.“ Wie am Nürburgring eben.