Handball RHEINPFALZ Plus Artikel Die Pfalz nach Silber bei Frauen-WM: Nachfrage ja, Boom nein

René Möckel beobachtet die Würfe seiner Spielerinnen beim Training in Edigheim.
René Möckel beobachtet die Würfe seiner Spielerinnen beim Training in Edigheim.

18 Mädchen spielen derzeit beim TV Edigheim. Nach der guten Frauen-Heim-WM hat der Verein kein spürbares neues Interesse notiert. Wie ist die allgemeine Lage?

Wie schön, dass es (endlich) wärmer geworden ist und abends länger hell bleibt. Die Jugendspielerinnen des TV Edigheim fahren an diesem Abend mehrheitlich schon mit dem Fahrrad zum Training in die Halle des Schulzentrums. Sie kommen, so berichtet Trainer und Abteilungsleiter René Möckel, aus Edigheim, dem benachbarten Pfingstweide, auch aus Frankenthal und Oggersheim. Die meisten der D- und C-Jugendlichen sind schon gut 20 Minuten vorher in der Halle.

Es hat sich schnell herumgesprochen, dass diesmal ein ungewöhnlicher Gast zuschauen möchte. Zwei Mädchen möchten es dann doch ganz genau wissen. „Sind sie wirklich von der Presse?“ „Ja“ „Haben Sie auch einen Ausweis?“ „Klar“. Prüfung läuft. Ups. Gekicher. Das wäre geklärt. Dass noch ein Fotograf kommt, sorgt für zusätzliche Aufregung.

Eine ambivalente Geschichte

Der TV Edigheim hat nach der Handball-Heim-WM der Frauen, an deren Ende für das deutsche Team der Gewinn der Silbermedaille stand, keine nachhaltige Resonanz gespürt. „Für mich ist das eine ambivalente Geschichte. Drei Spiele im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das Viertelfinale, das Halbfinale und das Finale – und dann ist es vorbei mit der Aufmerksamkeit im Fernsehen. Das reicht nicht“, erklärt René Möckel.

Der TV Edigheim versucht über Schulen, Mädchen für den Handball zu begeistern, ist beispielsweise bei Sportfesten präsent. Das klappt ganz gut. Mit der Entwicklung in seiner Abteilung ist Möckel zufrieden. „Es gab auch Zeiten, da hatten wir überhaupt keine Mädchenmannschaft“, sagt er. Gleichwohl: Der Frauen-Handball hat in Edigheim eine große Tradition. Mit dem damaligen Trainer Willi Vogt spielte der TVE in den 80er-Jahren in der Regionalliga. Das war die „Hochzeit“ der Abteilung.

Das Training beginnt. Es beginnt mit Prellübungen, die Mädchen laufen nach vorne und dann rückwärts. Dann stehen Abwehrbewegungen auf dem Programm. Nach zehn Minuten ist die erste Trinkpause. Auf der anderen Seite des Feldes trainieren die Jungen. Dort ist es ruhiger, die Mädchen plaudern die ganze Zeit miteinander.

Möckel hat Ideen

René Möckel geht nun zum Torwurf über. An seiner Seite: Heike Vogt sowie Thomas Genzlinger, der über weite Strecken das Projekt Mädchenhandball beim TV Edigheim mit René Möckel begleitet. Möckel ist emsig und hat Ideen. Anfang November machte der offizielle Frauen-WM-Ball Station in Edigheim. Als Vertreter des Pfälzer Handball-Verbands durfte der Klub an dem Tag einen Mädchenspieltag veranstalten – eben mit Blick auf die Frauen-Heim-WM im November und Dezember 2025. Das war eine schöne Werbung für den Verein. Es war ein kleiner Ritterschlag.

Meike Schmelzer hilft

Seit dem vergangenen September ist Meike Schmelzer beim Handballverband Rheinhessen-Pfalz engagiert. Die ehemalige Nationalspielerin kümmert sich um die Entwicklung beim weiblichen Nachwuchs, arbeitet Konzepte mit aus. Wie bewertet sie die Situation? „Von einem Handball-Boom nach der WM kann man nicht reden. Es ist aber auch schwierig. Die mediale Präsenz während der WM war wirklich hoch, was super war. Aber dadurch, dass gleich danach die Europameisterschaft der Männer in Dänemark stattfand und dann die Olympischen Winterspiele, kommt relativ wenig noch durch“, erklärte Meike Schmelzer. Sie fand es trotzdem wichtig, dass drei Spiele am Ende nicht nur auf der Streaming-Plattform Sporteurope.tv zu sehen waren. „Sonst bleibt unser Sport immer nur in einer Bubble“, betont die Bensheimer Bundesligaspielerin.

Meike Schmelzer unterstützt den Verband.
Meike Schmelzer unterstützt den Verband.

Sie möchte es schaffen, Mädchen in die Halle zu bekommen, beispielsweise über Schnuppertage. In die Schulen zu gehen, ist ein Weg. „Da können wir zeigen: Handball ist ein cooler Sport“, sagt sie. „Wir müssen die auffangen, die das Halbfinale und Finale gesehen haben und gesagt haben, das war cool, kann ich das irgendwie auch mal ausprobieren? Da ist auf jeden Fall ein großes Potenzial vorhanden.“

Die Hauptkonkurrenten? „Natürlich erkennt man schon einen Trend, dass sich immer weniger junge Menschen in Sportvereinen anmelden. Das E-Gaming ist ein Faktor. Da müssen sich die Vereine schon ein bisschen mehr anstrengen“, meint Meike Schmelzer. Bei den Mädchen sieht sie durchaus Chancen, sie zum Handball zu bringen, bei den Jungs dominiert ihrer Meinung nach der Fußball.

Wie sieht es der Präsident?

Ulf Meyhöfer, der Präsident des Handballverbandes Rheinhessen-Pfalz, fasst seine Nachforschungen mit Blick auf die Frauen-WM so zusammen. „Es gibt spürbar mehr Anfragen von Mädchen, vor allem im Altersbereich der Minis bis D-Jugend. Probetrainings sind stärker nachgefragt. Der Effekt ist aber nicht flächendeckend. Die WM hat ein positives Image erzeugt.“ Aber, so unterstreicht Meyhöfer: „Von einem Boom würde ich nicht sprechen, aber von einem klaren Impuls, der sich in den kommenden Monaten weiter verstärken kann – vor allem, wenn Vereine das Momentum nutzen.“

Mädchen spielen in der Oberliga

Zurück in die Sporthalle in Ludwigshafen. Die Mädchen des TV Edigheim kommen langsam ans Ende. „Wo steht ihr denn in der Tabelle?“ „Auf dem dritten oder vierten Platz“, erwidern die Mädchen. Das Team spielt in der Oberliga. Die Vorbilder sind für sie bei den Feldspielerinnen Emily Vogel oder Xenia Smith, bei den Torhüterin eher die männlichen Koryphäen David Späth oder Andreas Wolf. Um die Stars zu sehen, fährt der TVE auch schon mal zu Bundesliga-Spielen der HSG Bensheim/Auerbach, auch als Einlaufkinder waren die Mädchen dabei. Und warum spielt ihr Handball? „Es macht Spaß.“ „Und wir haben einen tollen Trainer“, betonten die Zwei von der Ausweiskontrolle. Das kann man so stehen lassen.

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