Olympia-Reportage RHEINPFALZ Plus Artikel Die gefeierte Angelique Kerber will eigentlich gar nicht gehen

Hat sie sich verdient: Angelique Kerber lässt sich feiern – und feiert mit.
Hat sie sich verdient: Angelique Kerber lässt sich feiern – und feiert mit.

Da können schon mal die Sektkorken knallen. Dem bisher erfolgreichsten Tag bei den Olympischen Spielen schließt sich eine ordentliche Feier für die Medaillengewinner im Deutschen Haus an. Angelique Kerber hat ihr Viertelfinale zwar verloren, wird aber trotzdem wie ein Champion empfangen. Das macht den Abschied schwer.

Bewusst oder unbewusst: Nach ihren drei Grand-Slam-Titeln hatte Tennisspielerin Angelique Kerber eine Angewohnheit. Egal, ob bei den Australian Open, den US Open oder auf dem Heiligen Rasen von Wimbledon, im Moment des großen Erfolgs ließ sich Kerber rückwärts auf den Boden fallen. Nur der Sand von Roland Garros, der hat nie ihren Rücken berührt. Die French Open und Kerber waren die besten Freunde. Und doch haben Paris und die Kielerin nun zusammengefunden.

Der Empfang ist ihr Abschied

Kerber steht im Deutschen Haus im Rugbystadion Jean-Bouin, rechts und links Hunderte Menschen mit Deutschland-Fähnchen in den Händen. Sie schreitet durch das Spalier, ganz langsam, so wie das alle Medaillengewinner der Olympischen Spiele bei ihrem Empfang in der deutschen Botschaft tun. Mit einem Unterschied: Kerber hat nichts um den Hals hängen, ein paar Stunden zuvor hat die 36-Jährige ihr Viertelfinale gegen die 21-jährige Chinesin Zheng Qinwen in drei Sätzen verloren. Gefeiert wie ein Champion wird sie trotzdem, denn ihr Empfang ist zugleich ihr Abschied.

Der Mittwoch ist der bislang erfolgreichste Tag für die deutschen Athleten bei den Spielen in Frankreichs Hauptstadt, zumindest was die Anzahl der Medaillen angeht – und das hat Team D den Frauen zu verdanken. Miriam Butkereit hatte nach ihrem verlorenen Gold-Finale im Judo zwar zunächst Trauertränen in den Augen, später obsiegte aber doch die Freude über Silber – und den größten Erfolg ihrer Karriere. Ebenfalls Zweite wurde Slalom-Kanutin Elena Lilik im Canadier. „Davon habe ich als Kind schon geträumt“, sagt sie. Der Doppelvierer zeigte auf der zweiten Hälfte der Ruderstrecke eine enorme Aufholjagd. Maren Völz, Tabea Schendekehl, Leonie Menzel und Pia Greiten lassen auf der Terrasse des Deutschen Hauses die Sektkorken der Magnumpullen knallen.

Ein kräftiger Schluck aus der Pulle.
Ein kräftiger Schluck aus der Pulle.

Sie alle wollen nach ihren Wettkämpfen vor allem eins: feiern. Das für die zwei Wochen der Spiele umgebaute Rugbystadion wird jeden Abend bis 2 Uhr in der Nacht zur Party-Zentrale für die deutschen Athleten, deren Freunde und Familien. Auch Sponsoren und geladene Gäste aus der Politik stoßen mit an. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst hat am Vorabend vorbeigeschaut, ebenso IOC-Präsident Thomas Bach. Bei Pfälzer Wein und feinen Häppchen lässt es sich bestens feiern, aushalten und austauschen. „Allez ... zusammen für den olympischen Traum“, steht an einer Wand. Ein Fingerzeig für eine deutsche Bewerbung?

Kerber ist ergriffen

Am Büfett gibt es an diesem Abend unter anderem im Bananenblatt gegarten Lumi-Lumi-Schweinerücken oder Stampf von zweierlei Kartoffeln, doch auch der Koch zückt die Kamera seines Smartphones, um den Medaillenwalk der Athleten durch das feiernde Spalier zu filmen. „Peter“, so steht es auf der Schürze des Kochs, lacht, seine Augen leuchten. Im Deutschen Haus sagt man meistens „Du“.

Als Kerber die Bühne betritt, wollen die „Angie, Angie“-Rufe gar nicht aufhören. Die ehemalige Nummer eins der Welt ist ergriffen, Tränen fließen. „Wenn ich das hier so sehe, will ich gar nicht gehen“, sagt sie. Doch ihr Entschluss steht fest, Olympia war ihr letztes Turnier. Sie könne sich keinen schöneren Moment vorstellen, um aufzuhören: selbst bestimmt, nach ihrer Rückkehr auf die Tour als Mutter – und mit vier tollen Matches nach Monaten, in denen sie häufiger verloren als gewann. Auch der Ort passt: Die Familie ist dabei, Freunde, ihr ehemaliger Trainer Torben Beltz. Später lässt auch Kerber, 2016 mit Silber dekoriert, die Korken knallen und entert, wie erzählt wird, die Tanzfläche. Für sie sei es immer besonders gewesen, Deutschland zu vertreten.

Durch Spalier: Kerber genießt ihren Auftritt.
Durch Spalier: Kerber genießt ihren Auftritt.

Das Deutsche Haus im Rugbystadion ist das größte in seiner mittlerweile mehr als 30-jährigen Geschichte. 150 Bundespolizisten bewachen es. 2016 in Rio hatte man einen Strandclub gestaltet, 2012 ging man in eine Außenstelle des Museum of London in den Docklands. 2008 war Team D in Peking im Hotel Kempinski daheim, in Athen 2004 in der deutschen Schule. Nun also ein ganzes Stadion, in 100 Stunden in Schwarz-Rot-Gold getaucht, komplett finanziert von Partnern und Sponsoren. 2000 Quadratmeter ist der Bereich für die geladenen Gäste. Doch nicht nur die sollen hier einen Treffpunkt haben.

Boris ist auch da

Unten auf dem Spielfeld dürfen alle rein, der Eintritt kostet 20 Euro. Mit 3000 Gästen rechnen die Organisatoren pro Tag während der Spiele. Eine Urlaubsoase mitten in der Stadt – mit Kunstrasen, Kletterwand und Biergarten. An diesem Abend sind die Liegestühle gänzlich vergriffen, auf den Leinwänden läuft natürlich Olympia-Sport, die Besucher jubeln, als Schwimmerin Isabel Gose die Bronzemedaille über 1500 Meter Freistil gewinnt. Während oben weitergefeiert wird, ist hier um Mitternacht Schluss.

Gemeinsam mit Angelique Kerber ist auch Boris Becker ins Deutsche Haus gekommen. Beide haben etwas gemeinsam: Die French Open konnte keiner von ihnen gewinnen. Becker gratuliert Kerber zu ihrer Karriere und erinnert daran, dass es nach dem Ende der Laufbahn eine neue Herausforderung braucht. Dietloff von Arnim, der Präsident des Deutschen Tennis Bunds, hat da eine Idee: Im Verband findet sich sicher eine gute Stelle. Kerber ist nicht abgeneigt. Aber erst nach der Party.

Am Eiffelturm kämpfen die Beachvolleyballer um Edelmetall.

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