Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft braucht Leroy Sané nicht

Bundestrainer Julian Nagelsmann umarmt Leroy Sané nach dem Spielende in Stuttgart. Rechts Deniz Undav.
Bundestrainer Julian Nagelsmann umarmt Leroy Sané nach dem Spielende in Stuttgart. Rechts Deniz Undav.

Ein Aufregerthema: die Pfiffe für Nationalspieler Leroy Sané in Stuttgart. Der frühere Bayern-Spieler hat einen schweren Stand.

Das war natürlich nicht schön. Als Leroy Sané am Montagabend in der Partie gegen Ghana in der 78. Minute eingewechselt wurde, pfiffen deutsche Fans. Die Reaktionen der Kameraden und des Fußball-Bundestrainers Julian Nagelsmann kamen prompt, sie appellierten an den Teamgedanken und baten um vorbehaltlose Unterstützung. Das war schon der zweite Vorfall in der jüngeren Vergangenheit – im September in Köln beim zähen Sieg gegen Nordirland erwischte es den unglücklich agierenden Nick Woltemade.

Die Geduld der Fans mit Sané scheint aufgebraucht. Vor allem waren sie wohl verwundert, dass er das Vertragsangebot des FC Bayern München ausschlug, stattdessen in der türkischen Operettenliga bei Galatasaray Istanbul unterschrieb, und das ein Jahr vor der Weltmeisterschaft in den Mexiko, Kanada und den USA. Das haben viele nicht verstanden. Schlecht für Sané: Auch in der Türkei tut sich der Flügelstürmer schwer, in den letzten wichtigen Champions-League-Partien seines Klubs stand er nicht in der Anfangsformation.

Lennart Karl zeigt es

Seit den Testspielen gegen die Schweiz und Ghana hat die Geschichte noch einmal eine neue Nuance, denn der gerade 18 Jahre alt gewordene Lennart Karl spielte frech auf. Er zeigte keine Berührungsängste und dribbelte selbstbewusst in des Gegners Hälfte. Im Grunde spielte Karl so, wie man es sich von Leroy Sané immer gewünscht hatte. Immerhin: Zwölf Minuten lang machte Sané in Stuttgart ein ordentliches Spiel, er gab die Vorlage zum Siegtor von Deniz Undav, konnte so etwas den schlechten Eindruck vom Spiel in Basel korrigieren und ein bisschen was für sein Image tun. Aber reicht das? Ich meine nein. So eine Gala Sanés wie im vergangenen November beim 6:0 gegen die Slowake in Leipzig in der WM-Qualifikation war doch die Ausnahme.

Leroy Sané gab bereits im November 2015 (!) in Paris sein Debüt in der deutschen Nationalmannschaft, und wie viele wirklich herausragende Spiele hat er gemacht? Zumal er ja beim FC Bayern München auch nie die tragende Rolle zu spielen vermochte, die der Klub sich von ihm erwartete. Sané war stets ein Versprechen für die Zukunft, aber nun, im Alter von 30 Jahren, ist die Zukunft überschaubar und es bleiben große Zweifel, ob der Außenspieler noch einmal von sich reden macht. Bundestrainer Julian Nagelsmann hat nach wie vor ein Faible für ihn, er sprach davon, dass wir hierzulande nicht viele Spieler mit seinen Fähigkeiten haben. Aber diese Fähigkeiten auf den Platz zu bringen, darum geht es doch. Nagelsmann macht sich angreifbar, wenn er – ja genau: stur – an Leroy Sané festhält. Die Fähigkeiten auf den Platz zu bringen – wie eben Lennart Karl, der Aufsteiger der Saison, der innerhalb von neun Monaten einen traumhaften Sprung ins Rampenlicht erlebte.

Es gibt Alternativen

Aber Karl ist nicht die einzige Option für die Position des Rechtsaußen. Jamie Leweling, der beim VfB Stuttgart wieder eine klasse Saison spielt und Klubs aus England auf sich aufmerksam machte, hat in der Nationalmannschaft schon gute Ansätze verraten. Serge Gnabry kann in der Offensive jede Position spielen, am Montag begann rechts im Angriff Kai Havertz und für Jamal Musiala müssen wir ja auch noch ein Plätzchen finden, wenn der Edeltechniker nach seiner langen Verletzungspause doch noch rechtzeitig in Tritt kommt. Und es gibt auch Befürworter für Karim Adeyemi, den unberechenbaren Dortmunder.

Klar ist: Mit den Länderspielen gegen die Schweiz und Ghana steht der 26 Mann starke Kader für die WM zu 80, 90 Prozent. Es gibt nur noch wenig Restplätze. So hofft auch der gebürtige Ludwigshafener Nadiem Amiri von Mainz 05 noch auf den WM-Start. Im September beim 3:1-Sieg gegen Nordirland machte er nach seiner Einwechslung ein starkes Spiel. Etliche Kandidaten haben im Laufe der vergangenen Monate ihre Chance eingebüßt, beispielsweise Robin Koch von Eintracht Frankfurt oder Robert Andrich von Bayer Leverkusen. Auch Jonathan Burkardt von Eintracht Frankfurt dürfte die WM verpassen, genauso wie der seit einem Jahr verletzte Gladbacher Tim Kleindienst und Niclas Füllkrug, dessen Wechsel nach Italien nichts brachte.

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