Paralympics RHEINPFALZ Plus Artikel Die Biathlon-Weltmeisterin aus dem Saarland

Johanna Recktenwald (links) mit ihrer Begleiterin Emily Weiß bei den Weltmeisterschaften 2025.
Johanna Recktenwald (links) mit ihrer Begleiterin Emily Weiß bei den Weltmeisterschaften 2025.

Die Saarländerin Johanna Recktenwald fährt als Gesamtsiegerin im Weltcup aussichtsreich zu den Winter-Paralympics in Italien. Eine Saarländerin im Wintersport?

Marpingen liegt im Saarland auf 300 Meter Meereshöhe und ist wie die benachbarte Pfalz nicht als Hotspot des Wintersports bekannt. Und doch kommt aus der 10.000-Einwohner-Gemeinde in Johanna Recktenwald nicht nur eine Weltcup-Gesamtsiegerin im Biathlon, sondern die Mitfavoritin gleich auf mehrere Medaillen bei den am Freitag in Italien beginnenden Winter-Paralympics.

Seit ihrer Kindheit hat die heute 24-Jährige wegen einer Zapfen-Stäbchen-Dystrophie nur noch wenige Prozent Sehstärke, stand aber bereits mit zwei Jahren erstmals auf Ski. „Mit der Familie waren wir im Winter immer zum Skifahren in der Schweiz oder Österreich unterwegs“, erinnert sie sich an ihre Anfänge auf zwei Brettern. Der Wechsel auf die Langlaufski erfolgte erst im Alter von 15 Jahren.

In Schonach entdeckte der Nachwuchsbundestrainer Michael Huhn prompt ihr Talent. Seit 2016 ist sie auch Mitglied im Biathlon-Team Saarland, in dem seit 2008 Sommer- und Winter-Biathlon im Leistungszentrum Lebach angeboten wird.

Johanna Recktenwald in Aktion mit ihrem früheren Guide Michael Huhn.
Johanna Recktenwald in Aktion mit ihrem früheren Guide Michael Huhn.

Nach dem Einstieg in den Wettkampfbetrieb ging es für die Studentin der Gesundheitspädagogik schnell nach oben. 2018 war ihr erster Einsatz bei einem Weltcuprennen im Para Ski Nordisch. Ein Jahr darauf gewann sie mit Bronze im Biathlon ihre erste von mehreren WM-Medaillen. Den ganz großen Durchbruch in die internationale Spitze markierten die Weltmeisterschaften 2025 in Pokljuka. In Slowenien holte sie sich im 12,5-km-Einzelwettbewerb des Biathlon gemeinsam mit ihrer neuen Begleitläuferin Emily Weiß ihren ersten Weltmeistertitel, dazu zweimal Silber – im 7,5-km-Sprint und in der Verfolgung. Sie wurde daraufhin zur deutschen Para-Sportlerin des Jahres gewählt.

Noch eine Rechnung offen

Nach den Plätzen vier und fünf bei den Spielen 2022 in Peking hat die seit 2020 in Freiburg lebende und trainierende Johanna Recktenwald dagegen mit den Winter-Paralympics noch eine Rechnung offen. Podestplätze peilt sie bei ihren fünf geplanten Starts vor allem in den drei Biathlonwettbewerben (Einzel, Sprint und Verfolgung) an, in denen sie im Saisonverlauf kontinuierlich vordere Plätze im Weltcup belegte. Im Klassik-Sprint und Langlauf über 20 Kilometer gilt sie dagegen im Feld der sehgeschädigten Frauen eher als Außenseiterin auf eine Medaille.

Weil im Verlauf des Winters einige Nationalmannschaften nicht bei allen Veranstaltungen am Start waren, bleiben aber personelle Fragen hinsichtlich der Besetzung der Rennen offen. Mit der erst 19-jährigen Paralympicssiegerin Linn Kazmaier kommt eine Konkurrentin sogar aus dem eigenen Lager. Allerdings müssen die deutschen Starterinnen beim Biathlon keine Herausforderinnen aus dem Para-Team der in diesen Wettbewerben über viele Jahre immer sehr erfolgreichen Russinnen fürchten. Die Internationale Biathlon-Union (IBU) hatte im Vorfeld Athletinnen aus dem in einen Angriffskrieg verwickelten Land keine Startberechtigung erteilt.

Die Familie fiebert vor Ort mit

Johanna Recktenwald darf sich bei den Rennen in Tesero auch familiärer Unterstützung sicher sein darf. Vater, Mutter und die kleine Schwester Emma reisen aus dem Saarland an und sind ebenso als Zuschauer dabei wie ihr Vereinstrainer Peter Steffes und der ehemalige Begleitläufer Jean-Luc Diehl. „Nach den Spielen ohne Besucher wegen Corona in China ein großer Pluspunkt“, freut sie sich umso mehr auf die Wettbewerbe. Zumal ihr die anspruchsvollen Strecken in Italien mit vielen Höhenmetern liegen sollten, meint sie nach den Erfahrungen bei einem Testwettkampf im Vorjahr optimistisch. „Die Abfahrten können allerdings tricky und die Schneeverhältnisse schwierig werden“, weiß sie auch als interessierte Zuschauerin der olympischen Rennen an selber Stelle.

Biathlon-Promi drückt die Daumen

Intensiv verfolgt hat sie natürlich auch die Biathlon-Wettbewerbe im deutlich höher gelegenen Antholz, bei denen deutsche Erfolge weitgehend ausblieben. Dass es die paralympischen Athletinnen und Athleten jetzt besser machen, dafür drückt auch Philipp Horn die Daumen. Beide trafen bei einem gemeinsamen Training aufeinander, und der Olympia-Vierte testete mit einer Spezialbrille, die Recktenwalds Sehvermögen von nur zwei Prozent Sehkraft simuliert, das Schießen nach dem elektronischen Signalton; je höher, desto näher im Zentrum der Scheibe.

Ihr gemeinsames Fazit: Die Unterschiede zwischen olympischem und paralympischem Biathlon sind groß, und gleichzeitig überraschend klein. „Im Endeffekt trainieren wir unsere Sinne genau gegensätzlich“, sagt Philipp Horn. Er müsse sich auf seine Augen verlassen und Geräusche am Schießstand bestmöglich ausblenden, während Johanna Recktenwald bei den Schießeinlagen ganz auf ihr Hörorgan vertraut.

Mehr zum Thema
x