Wochenend-Kolumne
Der VAR nervt einfach nur noch
Kennen Sie das? Sie sitzen im Fußballstadion und wollen sich einfach nur über das Tor Ihrer Mannschaft freuen. Aber dann gibt es dieses Hindernis, das Ihrer ungebremsten Freude im Wege steht: der Video Assistant Referee (VAR), manchmal auch Video-Assistent oder -Schiri genannt. War da irgendwo eine Fußspitze im Abseits? Oder hat irgendwer, der das nicht sollte, zu sehr am Trikot des Gegners gezupft? Fragen wie diese treiben viele Fans in dem Moment um, in dem die eigene Mannschaft ein Tor schießt oder eines kassiert.
Gleich vorweg: Grundsätzlich bin ich ein Freund des Videobeweises. Wenn auf Bildern ein klares Foul erkenntlich ist, das der Schiedsrichter auf dem Platz übersehen hat, warum sollte dann nicht der VAR den Fehler korrigieren? So war es ja auch mal gedacht, als der Videoschiri in der Saison 2017/18 in Deutschland eingeführt wurde. Bei einer klaren Fehlentscheidung, so hieß es damals, soll die technische Hilfe eingreifen. Davon kann mittlerweile aber keine Rede mehr sein.
Unentschieden statt FCK-Sieg
Mitunter werden minutenlang Bilder analysiert. Etwa beim 1:1 des 1. FC Kaiserslautern bei Fortuna Düsseldorf. Da war das vermeintliche 2:0 für die Roten Teufel durch Leon Robinson erst nach einer unendlich langen Wartezeit aberkannt worden. Ganz ehrlich: Eine klare Fehlentscheidung sollte nach dem ersten, höchstens nach dem zweiten Blick erkennbar sein. Wenn die Entscheidungsfindung mehrere Minuten dauert und Videoaufnahmen erst vor- und dann wieder zurückgespult werden müssen, kann ja wohl kaum von einer klaren Fehlentscheidung die Rede sein. Als Fürths Branimir Hrgota beim 0:1 auf dem Betzenberg FCK-Torwart Julian Krahl den Ball aus den Händen spitzelte, ehe Paul Will zum vermeintlichen 1:1 abschloss, wurde die Aktion auch genauestens analysiert. Und tatsächlich: Nach Ansicht der Videobilder nahm Schiri Tobias Reichel das ursprünglich gegebene Tor zurück. Mehrfach prüfte der Unparteiische die Aktion. Auch in der TV-Wiederholung war ein strafwürdiger Kontakt nicht so klar zu erkennen. Also bitte: So eindeutig war das Foulspiel dann ja wohl nicht. Übrigens blieb Krahl zwar zunächst am Boden liegen, eilte aber ins Tor zurück, als er merkte, dass die Partie weiterlief.
Wenn so peinlich genau die Bilder studiert werden, entsteht eher der Eindruck einer polizeilichen Ermittlung, als der eines Fußballspiels. Wenn ein Tor fällt, müssen Fans erst einmal bangen, dass die Superzeitlupe nicht plötzlich ein den Treffer zunichtemachendes Foul hervorzaubert. Denn beim Anblick jener Bilder sieht auch ein in Realgeschwindigkeit harmloser Kontakt mitunter wie ein hartes Foul aus. Dass der Schiedsrichter dann erst einmal nicht pfeift, kann man ihm nicht verübeln. Ebenso wenig, dass er sich beim Anblick der Bilder umentscheidet. Aber war es dann überhaupt eine klare Fehlentscheidung? Noch schlimmer: Wenn der Schiedsrichter ein Foul zu erkennen glaubt, ihn der VAR nicht korrigiert, später aber rauskommt, dass da überhaupt nichts war. Derartige Aufregung gab es beim 2:0 des 1. FSV Mainz 05 über den FC Augsburg Mitte Februar. Da räumte selbst Schiri Patrick Ittrich hinterher ein, bei seinem Elfmeterpfiff in der fünften Minute daneben gelegen zu haben. Es ist nicht mehr auszuhalten.
Nutzlose Werbeaktionen
Ob es aber einfach damit getan wäre, den Videoschiedsrichter wieder abzuschaffen? Wahrscheinlich nicht. Denn sicherlich würde sofort nach einer Überprüfung der Bilder gerufen, wenn nach wenigen Tagen zum ersten Mal ein klares Foulspiel erst nicht gepfiffen wird und dann ein Tor fällt. Oder, wenn der Ball vor der entscheidenden Flanke im Aus war. Man wird es nie allen recht machen können. Aber zurzeit nervt es schon.
Das gilt auch für die steten Bemühungen der DFL, für den VAR zu werben. Seit 2025 sollen durch Schiedsrichterdurchsagen Entscheidungen des Videoassistenten erklärt und so das Verständnis für das Eingreifen erhöht werden. Zudem gibt es regelmäßig Einladungen für Journalisten, die Arbeit im sogenannten „Kölner Keller“, der bald nach Frankfurt umzieht, vor Ort kennenzulernen. Schön und gut, es bringt nur alles nichts.
Durchsagen verpuffen
Welcher Fußballfan, der gerade acht Minuten bangen musste, ob das Tor seiner Mannschaft bestehen bleibt, lässt sich denn von einer Schiedsrichterdurchsage überzeugen? „Achso, klar! Jetzt, da ich höre, dass es Abseits war, leuchtet es auch mir ein. Das Tor darf nicht zählen“, diese Aussage wird es so nur ganz selten geben. Dem Fan ist es piepegal, warum der Treffer nicht zählt. Er wird nachträglich aberkannt, und genau das ist das Problem. Noch schlimmer wird es, wenn man erst einmal fünf Minuten warten muss. Nur nach wenigen Schiedsrichterdurchsagen bleibt es ruhig im Stadion. In der Regel bricht ein Pfeifkonzert los.
Bei einem Fußballspiel sind nun einmal Emotionen involviert. Die Ergebnisse von Traditionsklubs wie dem 1. FC Kaiserslautern bestimmen, wie die Leute in der Gegend die übrige Woche drauf sind. Da steht der VAR nun einmal im Zweifel einfach der guten Laune im Weg. Da hilft jede Erklärung, jede Transparenzaktion nichts. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre sicherlich, nur die ganz groben Fehler auszubügeln. Ist nach einem Tor auf den ersten Blick klar, ob der Ball zuvor klar im Aus war? Das hilft – und nervt sicherlich weniger.