Sport Der unermüdliche Dribbler

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Kamen/Baku. Es wäre übertrieben, bei Julian Weigl vom Ende einer Länderspielreise zu sprechen. Der Nationalspieler wohnt weniger als 20 Kilometer vom Sporthotel in Kamen entfernt. Er fuhr gestern nach Hause. Beim 1:0 gegen England am Mittwoch in Dortmund bekam er einen Schlag auf den Oberschenkel.

Die Prellung hinderte ihn daran, gestern in Kamen zu trainieren und danach in den Flieger zu steigen, der etwa fünf Stunden später in Baku landete. In der Hauptstadt Aserbaidschans tritt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft morgen (18 Uhr MESZ) zur Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2018 an. Es wird die erste Partie sein, in der nur noch Trainer und Mitarbeiter des Deutschen Fußball-Bundes als Augenzeugen über das sportliche Sommermärchen 2006 erzählen können. Philipp Lahm, Miroslav Klose und Per Mertesacker haben mit dem Weltmeistertitel 2014 aufgehört, gut zwei Jahre später wurde Bastian Schweinsteiger verabschiedet, gegen England nun Lukas Podolski. „Ich habe mich gefreut, dass ich noch mit Basti und Poldi zusammenspielen durfte. Das sind jetzt natürlich sehr große Fußstapfen, in die wir treten“, sagte Leroy Sané. Er ist einer aus der Generation, die für Brasilien noch zu jung, bei der Europameisterschaft 2016 aber schon dabei oder zumindest nah dran war. Zusammen mit der Generation U21-Europameister von 2009, zu der etwa Mesut Özil, Manuel Neuer, Mats Hummels und Jérôme Boateng gehören, soll sie im kommenden Sommer in Russland möglichst den Titel verteidigen. Leroy Sané ist 21 Jahre alt, genau wie Weigl, Joshua Kimmich ist 22, Julian Brandt 20. Für Sané geht es inzwischen immer auf eine Reise, wenn ein Länderspiel ansteht. Der gebürtige Essener wechselte 2016 vom FC Schalke 04 zu Manchester City. Ein junger Fußballer, der 50 Millionen Euro kostet, muss mit diesem Preis erstmal klarkommen. Er hat alles, was ein Transfer an Schwierigkeiten mitbringt, gemeistert, auch die leichten Anpassungsprobleme zu Beginn der Saison. Er zählt inzwischen zur ersten Elf von Trainer Pep Guardiola. Sieben Tore schoss Sané in 26 Spielen für City, zwei davon zuletzt in der Champions League gegen AS Monaco. Manchester schied nach zwei äußerst attraktiven Spielen aus, weil es der Mannschaft in der Defensive an Qualität und insgesamt an einer guten Balance von Stabilität und Mut fehlt. Leroy Sané bringt seine Qualitäten in der Offensive ein. Er ist schnell, seine enge Ballführung ist herausragend, dank der Kombination von beiden Eigenschaften führen seine Dribblings – meistens über die linke Seite – häufig zu einem Raunen im Publikum. Eine Qualität, die Sané im Gegensatz zu vielen anderen Talenten hat , ist sein schnelles Verdrängen. Sané kann dreimal in fünf Minuten am Verteidiger hängenbleiben, er wird es ein weiteres Mal mit der gleichen Zuversicht versuchen. „Ich habe mich richtig gut in die Mannschaft integriert. Ich denke, das sieht man auf dem Platz“, sagte Sané in einem Interview, in dem er auch die Bundesliga mit der Premier League verglich: „Das Spiel ist hier viel schneller als in Deutschland, vor allem in den Partien gegen die anderen Top-Teams.“ Daher dürfte auch Joachim Löw von Sanés Wechsel profitieren. Der Bundestrainer mahnt in regelmäßigen Abständen an, dass die Zeit der Spieler am Ball bei Kombinationen kürzer werden muss. Da ein guter Mix nötig ist, um gerade gegen sehr defensiv ausgerichtete Mannschaften Tore zu erzielen, fordert Löw aber auch, dass wieder stärker Dribbler gefördert werden. Während der EM beklagte er einen Mangel an deutschen Spielern, die mutig direkte Duelle suchen. Sané kam in Frankreich lediglich im verlorenen Halbfinale gegen den Gastgeber zu einem kurzen Einsatz. Es war eines von fünf Länderspielen, in denen ihm noch kein Treffer gelang. Der Reise nach Baku dürfte noch ein weiterer langer Flug in diesem Jahr in Richtung Osten folgen. Im Gegensatz etwa zu seinen ehemaligen Schalker Teamkollegen Max Meyer und Leon Goretzka, die mit der U21 die EM in Polen spielen sollen, gilt Sané als Kandidat für den Confederation Cup in Russland.

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