Sportkolumne
Der Hass auf Lindsey Vonn ist auch blanker Frauenhass
Gleich vorab: Man darf sich darüber wundern, dass Skirennläuferin Lindsey Vonn trotz eines kurz zuvor erlittenen Kreuzbandrisses die olympische Abfahrt fahren und unbedingt gewinnen wollte. Ihr vorzuwerfen, vielleicht zu hohes Risiko im Rennen eingegangen zu sein, ist ebenfalls nachvollziehbar. Die Extrovertiertheit und Mitteilungsfreude des Superstars aus den USA muss auch nicht jedem gefallen. Und angesichts der wahren Dramen auf dieser Welt – der gerade entbrannte nächste Nahostkrieg, immer noch Gaza und die Ukraine sowieso – kühl zu konstatieren, dass sie sich ihr Berufsrisiko selbst ausgesucht hat und das Wort Schicksal eher auf andere Menschen zutrifft, mag trotz der schlimmen, aber in mehreren Operationen gut versorgten Verletzung der 41-Jährigen auch legitim sein.
Alles okay, in vielen dieser Punkte gehe ich mit. Wenn ich recht überlege, sogar in allen. Trotzdem glaube ich: Das Lindsey-Vonn-Bashing der vergangenen Wochen basiert vor allem auf einem – auf Frauenhass.
Beschimpfungen im Netz
„Heulsuse“ dürfte noch das harmloseste Wort von vielen Beschimpfungen sein, die in den sogenannten Sozialen Medien und auch in Mails an unsere Redaktion gefallen sind. Und es sagt dennoch schon viel über seine Schreiber (und in diesem Fall ist das Gendern wirklich nicht nötig) aus. Wohlgemerkt: Damit sind nicht jene Kritiker gemeint, die auch uns gegenüber sachlich ihre Meinung kundtaten – siehe alle bisher genannten Argumente. Es mag aber auch ein Faktor dazugekommen sein: Das Rennen, in dem Lindsey Vonn stürzte, war jenes, in dem der neue deutsche Liebling Emma Aicher seine erste von zwei Silbermedaillen gewann. Dass trotzdem mehr über die US-Amerikanerin Vonn gesprochen wurde, ärgerte viele. Dabei war für die globale Sportwelt, zu der wir eben auch gehören, selbstverständlich der fatale Sturz einer ihrer Superstars bedeutsamer als die Silbermedaille einer deutschen Skirennfahrerin – bei allem Respekt. Das wird die coole und gar nicht extrovertierte Emma Aicher übrigens genauso gesehen haben.
Als Lindsey Vonn in ihrem ohnehin schon vorhandenen Elend noch mitteilte, dass zudem einen Tag nach dem Unfall ihr kleiner Hund Leo gestorben war, ging’s erst richtig zur Sache. Es gehört zu ihrem Naturell – und ja, ganz sicher auch zu ihrem Geschäftsmodell –, derlei Privates möglichst emotional mit ihren Fans und der Welt zu teilen. Emotionalität ist heutzutage eine Währung, mal ist sie segensreich, mal wird sie gewinnbringend eingesetzt. Wer’s nicht mag, muss es aber nicht wahrnehmen. Obwohl gerade ihr Erlebnis mit Hund Leo, über das viele spöttelten, zur Lebenswirklichkeit ganz vieler „normaler“ Menschen, auch bei uns, gehört. Dass der Tod eines geliebten Tieres betrübt, traurig macht, vielleicht sogar aus der Bahn wirft. Das geht dem Hundefan in Wörth so, der Katzenfreundin in Schallodenbach, der Pferdebesitzerin in Beindersheim.
Hass auch aus dem Trump-Lager
Ich bezweifle, dass Lindsey Vonn so viele „Hater“, wie man heute sagt, hätte, wenn sie ein Mann wäre. Aber dieses Problem hat sie nicht exklusiv. Dass noch jene Hassnachrichten aus dem Trump-Lager hinzukommen, sagt dann doch wieder viel über ihre Haltung aus. Immer wieder über die vergangenen Jahre hinweg hat sie die „Politik“ des US-Präsidenten und seines Hofstaats kritisiert. Wer ihr also eine weiblich konnotierte Oberflächlichkeit vorwirft, sollte auch darüber mal nachdenken.
Vielleicht kam Vonns Olympia-Kollege Sturla Holm Laegreid ja deswegen so vergleichsweise glimpflich in der öffentlichen Rezeption seiner Extrovertiertheit davon, weil er eben keine Frau ist. Jedenfalls wurde seine TV-Interviewbeichte des Fremdgehens eher mitleidig bis amüsiert zur Kenntnis genommen. Privater jedenfalls ging’s kaum, und geklappt hat’s auch nicht: Der Versuch, sich mit seiner ehemaligen Freundin, die ihn wegen seines Seitensprungs verlassen hatte, zu versöhnen, der misslang.
Vor allem aber hatte der norwegische Biathlet mit dem Interview direkt nach Rennende dem olympischen Moment die Würde geraubt, seiner gerade gewonnenen eigenen Bronzemedaille und vor allem der Goldmedaille seines Teamkollegen John Olav Botn. Gesprochen wurde fast nur über die intime Beichte. Laegreid hat sich längst bei seinem Team entschuldigt, und die Sache zehrte buchstäblich an ihm: Der Stress habe ihn Schlaf und einige Kilos gekostet. Aber auch damit kam er weitaus glimpflicher davon als Lindsey Vonn.