Olympia 1972 RHEINPFALZ Plus Artikel Der fast geklaute Marathonsieg: Bierwette löst Skandal aus

Allein auf weiter Flur: „Irrläufer“ Norbert Südhaus.
Allein auf weiter Flur: »Irrläufer« Norbert Südhaus.

Ein Lausbub wollte sich 1972 als Olympia-Marathonsieger feiern lassen. Ein Pfälzer musste den Irrläufer „abführen“. Der eigentliche Held von München über die 42,195 Kilometer glaubte bei seiner Ankunft im Stadion, dass die gellenden Pfiffe ihm gelten.

60.000 Zuschauer pfiffen und buhten, als Ordner am 11. September 1972, dem Schlusstag der Olympischen Spiele in München, den Marathon-Ersten von der Bahn drängten und ihn abführten. „Das ist ein Skandal, ein Skandal, ein Skandal “ brüllte der neben dem Schreiber dieser Zeilen platzierte Kollege eines hanseatischen Magazins.

Aber wie es sich bald herausstellte, hatten die Sicherheitsleute korrekt gehandelt. Hatte sich doch ein Lausbub vor dem führenden US-Amerikaner Frank Shorter auf die Laufstrecke geschmuggelt und die bis dahin perfekte Organisation der Wettbewerbsabläufe durcheinander gebracht.

Eine aufgemalte „72“

Weil er mit seinen Kumpel um einen Kasten Bier gewettet hatte, für eine „Sensation“ zu sorgen, hüpfte der 16-jährige Norbert Südhaus aus dem sauerländischen Wiedenbrück kurz vorm Olympiastadion von einer Brücke auf die Marathonstrecke und nahm locker und umjubelt die Ehrenrunde unter die Füße. Auf das Trikot seines heimischen Turnvereins hatte eine große „72“ gemalt und es damit halbweg offiziell aussehen lassen. So gekleidet legte er die letzte Runde im Olympiastadion fast ganz zurück, ehe ihn Ordner schnappten.

Die Pfiffe gellten auch dem tatsächlichen Sieger Frank Shorter in den Ohren, als der in München geborene Läufer des Florida Track Club wenig später auf die letzten 400 Meter einbog. Erst im Ziel wurde der wegen des wüsten Empfangs düpierte Läufer aufgeklärt. Shorter wurde vier Jahre später, 1976 in Montreal, tatsächlich Olympiazweiter.

Pfälzer bringt den Schlingel in Willi Daumes Büro

Der Haßlocher Arno Scheurer, als „Technischer Leiter des Stadion-Innenraums“ Planer und Ausführender aller Organisationsabläufe der Olympischen Spiele in München, erlebte den Skandal als unmittelbar Betroffener. Scheurer erinnerte sich: „Über Funk wurde mir mitgeteilt, dass ich den Schlingel ins Büro von Willi Daume bringen sollte. Der Präsident des nationalen Organisationskomitees war aufgebracht und schimpfte dem Übeltäter als dummen Jungen, der gar nicht weiß, was er uns angetan hat“.

Daume, der laut Scheurer „mit dem Gedanken gespielt hatte, den dummen Jungen lebenslang aus allen Sportvereinen auszuschließen“, ließ den Sauerländer von dem Pfälzer aus Haßloch zum Münchner Hauptbahnhof bringen. Scheurer: „Dort hatte ich so lange zu warten, bis der Kerl auch wirklich abgefahren war.“ Später schrieb Südhaus dem Marathonsieger Shorter einen Entschuldigungsbrief. Doch der habe nie geantwortet, wie der später bei Audi in Ingolstadt arbeitende Landwirtssohn aus dem Sauerland einmal sagte.

Nebenbei: Wäre er der „Irrläufer“ nicht vor dem Ende der 400-m-Schlussrunde eingefangen worden, hätte er die elektronische Zeitmessung passiert. Sie hätte seine Ankunftszeit registriert, und dadurch wäre die gesamte Rangfolge des Marathonlaufs durcheinander gebracht worden. So aber gilt bis heute Frank Shorters Siegerzeit von 2:12:19 Stunden.

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