Interview
Bibiana Steinhaus: „Der Schiedsrichter-Job ist eine echte Lebensschule“
Frau Steinhaus, was raten Sie jungen Frauen und Mädchen, die davon träumen, Schiedsrichterin zu werden?
Jetzt ist die beste Zeit! Der Fußball entwickelt sich rasend schnell weiter, auch und gerade der Frauenfußball. Die Strukturen für weibliche Spielerinnen werden immer professioneller, sie können mit ihrem Hobby eine berufliche Laufbahn einschlagen. Das wird zukünftig auch für Schiedsrichterinnen gelten. Wer sich jetzt auf die Reise begibt, hat eine wundervolle Zukunft vor sich. Ich kann nur jeden einladen, diesen Beruf zu ergreifen. Entscheidungen treffen, Regeln lernen, Kommunikation – das ist eine echte Lebensschule und prägt für das Leben – nicht nur für 90 Minuten.
Sie leben mittlerweile in England. Gerade findet dort die Frauen-EM statt. Sind Sie auch dabei?
Mittendrin! Es sind mehr Tickets verkauft worden, als jemals bei einer Frauen-EM zuvor und es ist eine ganz großartige Veranstaltung. Über 68.000 Fußball-Begeisterte beim Eröffnungsspiel. Ein europäischer Rekord. Ich freue mich sehr über die Begeisterung im Land! Mit Old Trafford in Manchester oder dem Wembley Stadion in London findet das Turnier an sehr besonderen Spielorten statt.
Sollte Deutschland gegen England spielen – wem drücken Sie die Daumen?
Den Schiedsrichterinnen natürlich.
Ihr Tipp: Wer wird Europameister?
An Spekulationen im Fußball habe ich mich noch nie beteiligt und das werde ich auch zukünftig nicht tun. Ich schaue Fußball aus der Perspektive der Offiziellen. Ich leide und feiere mit ihnen und freue mich über ihre Leistung.
Sie arbeiten jetzt als Managerin für die englische Women’s Super League?
Entwicklungsmöglichkeiten für Frauen im Fußball, auch in Führungsfunktionen, sind mir ein Anliegen – auch über Ländergrenzen hinweg. Die Frauen-Fußball-WM 2011 in Deutschland, meine aktive Zeit als Offizielle auf dem Feld – ich hätte mir gewünscht, dass wir die Zeit, als wir die Sichtbarkeit von Vorbildern auf dem Feld hatten, besser genutzt hätten, um dauerhafte, belastbare und professionelle Strukturen für Frauen im Fußball aufzubauen. Jetzt gilt es nachzuarbeiten.
In England sind sie da weiter?
Die Rahmenbedingungen und Grundvoraussetzungen im englischen Fußball sind andere. England und Deutschland zu vergleichen ist sicher nicht hilfreich, um Veränderungen voranzutreiben. Beide Fußballstandorte sind einmalig und einzigartig unter ihren jeweiligen Rahmenbedingungen. Das heißt aber nicht, dass wir nicht voneinander lernen könnten. Wir, die Schiedsrichterverantwortlichen in Deutschland und England, arbeiten nun ganz besonders eng zusammen und sind in regelmäßigem Austausch, um von unseren jeweiligen Erfahrungen zu partizipieren. Was läuft gut? Woran wollen wir zukünftig arbeiten? An welchen Brennpunkten setzen wir Schwerpunkte in unserer Arbeit.
Wurden Sie mehr von Männern oder von Frauen gefördert?
Eine gute Frage. Ich hatte ein Netzwerk an Menschen und Experten um mich herum, die mich auf meinem Weg gefördert und begleitet haben. Ganz unterschiedliche Menschen, aus dem Fußball und auch außerhalb des Fußballs. Männer und Frauen.
Inwieweit haben Ihre persönlichen Erfahrungen Sie dazu bewogen, die Frauen-Initiative „Fußball kann mehr“ gemeinsam mit anderen Frauen zu gründen?
Uns Frauen, die die Initiative gegründet haben, eint, dass wir ähnlichen Herausforderungen im Fußball begegnet sind. Der Austausch miteinander hat uns dazu bewogen, das Thema strukturell zu betrachten. Wir möchten Verbesserungen anregen, im Austausch mit Vereinen und Verbänden.
Was waren das für Herausforderungen?
Wenn wir auf die Fußballplätze in Deutschland schauen, dann finden wir dort höchst unterschiedliche Menschen. Aus verschiedenen Kulturen, unterschiedlichen Alters, Frauen und Männer, Mädchen und Jungen. Wir wünschen uns, dass sich diese Diversität auch in den Entscheidungsgremien abzeichnet.
Würden Sie sich selbst als ehrgeizig bezeichnen?
Ich bin ehrgeizig, aber auch reflektiert. Vor allem aber bodenständig, klar und berechenbar. In meiner neuen Aufgabe bin ich ehrgeizig, um für andere Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter bestmögliche Voraussetzungen, Strukturen und Arbeitsbedingungen für ihre individuelle Entwicklung zu schaffen.
Was ist die größte Baustelle Ihrer Initiative?
Die größte Herausforderung für den Fußball ist sicher, mehr Diversität in den verschiedenen Führungsebenen des Fußballs zu schaffen, egal ob in den Vereinen oder Verbänden. Das bedeutet auch mehr Frauen in Führung. Wie gerade gesagt, wir wünschen uns, dass die Diversität, die wir auf den Rängen finden – diese bunte und vielfältige Menschenmasse, dass sich die auch in den Führungsstrukturen in der Fußballlandschaft widerspiegelt. Dort werden die Entscheidungen gefällt, für alle diese Menschen, die eine Stimme brauchen.
Wurden Sie auf dem Platz mit Vorurteilen konfrontiert, weil Sie eine Frau sind?
Selten. Dankenswerterweise sind mir Menschen zumeist unvoreingenommen begegnet. Am Ende des Tages kommt es auf die Leistung an, die ein Unparteiischer anbietet.
Wenn Sie sagen, ein Schiedsrichter muss auf dem Platz immer Leistung bringen – Frauen haben aufgrund ihres weiblichen Zyklus schon mal per se mit einer schwankenden Leistungskurve zu kämpfen.
Vor allem hindert uns der weibliche Zyklus nicht daran, Top-Leistungen zu bringen. Es macht allerdings Sinn, um das optimale Training in unterschiedlichen Zyklusphasen zu wissen. Heutzutage wird dieses Wissen auch in der Ausbildung vermittelt, um einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen.
Wenn Sie als Frau auf dem Platz stehen, wurden Sie dann anders behandelt als Ihre männlichen Kollegen?
Wenn man die Spieler fragt, dann berichten sie, dass sie sich verbal durchaus ein bisschen zurückgehalten haben.
Wurden Sie während des Spiels auf dem Platz mal angeflirtet?
Es hat mir immer wahnsinnig viel Spaß gemacht, mit den Spielerinnen und Spielern zu interagieren – ich habe viel Freude an Kommunikation und Gesprächen. Das findet natürlich auch auf dem Platz statt.
Der Hamburger SV hat Sie vor ein paar Jahren bei einem Spiel gegen Eintracht Frankfurt als „vierten Mann“ an der Seitenlinie eingeteilt. Konnten Sie darüber lachen?
Ist es nicht spannend, welche Bilder unsere Sprache hervorruft? Und genau darum sollten wir uns immer wieder überprüfen und feststellen: Sprache macht etwas mit uns. Wenn wir sagen, der vierte Mann, dann erwarten wir einen Mann. Und dabei muss die Tätigkeit tatsächlich gar kein Mann ausüben. Diese Erkenntnis ist der erste Schritt auf der Reise zu mehr Offenheit und Diversität.
Es gab ja mal diesen „Busenwischer“, wie die BILD-Zeitung geschrieben hat.
Das ist aber schon sehr lange her ...
Wenn Sie an solche Formulierungen denken: Fühlen Sie sich von der Berichterstattung ernst genommen?
Natürlich passieren auf und rund um das Fußballfeld viele lustige, berichtenswerte und auch überraschende Dinge. Ich habe Verständnis dafür, dass Medien darüber berichten. Allerdings haben wir beobachten können, dass sich die Berichterstattung über Frauen im Sport in den vergangenen Jahren sprachlich verändert hat. Verbessert hat. Wenn ich mit meiner ganz persönlichen Geschichte ein Stück zu dieser positiven Entwicklung beitragen konnte, dann bin ich ganz zufrieden.
Viele Sportler und Prominente sind in den sozialen Netzwerken aktiv und geben ihr Privatleben preis ...
Soziale Medien sind ein interessantes Phänomen. Zum einen ermöglichen sie den Menschen, ihre Geschichten zu teilen, zu inspirieren und zu ermuntern. Aber sie bergen auch Anonymität und damit die Gefahr von Verletzungen und Beleidigungen. Beiträge in sozialen Medien können bei Menschen reale Narben hinterlassen. Prävention und Aufklärung sind wichtig, aber konsequente Strafverfolgung ist ebenso wichtig. Niemand würde es in einer realen Begegnung akzeptieren, beleidigt zu werden, warum sollen Beleidigungen dann im Netz akzeptiert werden?
Sind Sie denn auch schon angefeindet worden?
Ich bin Schiedsrichterin und treffe Entscheidungen. Mit Betreten des Platzes weiß ich, dass nicht alle meine Entscheidungen ausschließlich Begeisterung hervorrufen werden. Dann muss kommuniziert werden und idealerweise findet dieser Meinungsaustausch auf Sachebene und nicht auf emotionaler Basis statt.
Für alle, die keinen Schiedsrichter zu Hause haben: Haben Sie einen Tipp, wie man fair streitet?
Ich würde vorschlagen: Die Sachebene von der Beziehungsebene zu trennen.
Dürfen wir Sie in Zukunft noch mal als Schiedsrichterin auf dem Platz sehen?
Das glaube ich eher nicht. Nach meinem letzten Einsatz als Unparteiische, beim Super-Cup im September 2020, zwischen Bayern München und Borussia Dortmund, haben meine Fußballschuhe den Weg in den Münchner Stadionmülleimer gefunden. Damit ist eine wundervolle und aufregende Zeit zu Ende gegangen.