Fussball
Für Bayern München einst eine Nummer zu groß: Jetzt geht’s für Borussia Neunkirchen um alles
1964 klopfte Bayern München an das Tor der Fußball-Bundesliga. Doch für die Bayern war damals eine Mannschaft aus dem Saarland eine Nummer zu groß: Borussia Neunkirchen. Die Neunkircher setzten sich in der Aufstiegsrunde durch und erreichten die Bundesliga, die Bayern mussten draußen bleiben.
Borussia Neunkirchen beendete seine erste Saison in der höchsten deutschen Spielklasse auf Rang zehn – die beste Platzierung, die ein Verein aus dem Saarland bisher in der Bundesliga schaffte. Ein Jahr später gelang dann auch den Bayern der Sprung in die Bundesliga.
Die einen Weltklasse, die anderen in Liga sechs
Die beiden Meister der Aufstiegsrunden von damals entwickelten sich seither fußballerisch in absolut entgegengesetzter Richtung. Bayern München stieg in die höchsten Höhen des europäischen, ja des Weltfußballs auf, Neunkirchen hingegen stieg ab – bis runter in die sechstklassige Saarlandliga. Und wenn es ganz schlimm kommt, wird sich die Talfahrt bis ganz nach unten fortsetzen.
Denn der Verein steckt aktuell in seinem dritten Insolvenzverfahren. Wenn das schlecht endet, wird er aufgelöst und muss zur Saison 2026/2027 unter einem anderen Namen ganz unten wieder anfangen. Das wäre die Kreisliga Neunkirchen B, wo überwiegend zweite und dritte Teams von Dorfvereinen kicken.
„Ganz, ganz bitter“
„Das ist ganz, ganz bitter“, sagt Bernhard Roth, der zwischen 1978 und 1981 als Mittelstürmer in der Zweiten Liga für die Borussia auf Torjagd ging. Der heute 69-Jährige führte zu Beginn der Saison 1980/81 die Torjägerliste der Liga an. Dem Pfälzer aus Breitenbach tut die Borussia leid. „Das ist ein echter Traditionsverein, der glanzvolle Zeiten erlebte. Außerdem hatte die Borussia immer eine sehr, sehr gute Jugendarbeit gemacht.“
Mit Wolfgang Wolf und Michael Dusek spielte Roth 1978 beim 1. FC Kaiserslautern. Das Trio war dabei, sich in die erste Mannschaft von Trainer Ribbeck hochzuarbeiten. Doch dann lotste die FCK-Legende Dietmar Schwager als Trainer von Borussia Neunkirchen Bernhard Roth zum Ellenfeld-Stadion, das in Neunkirchen in der Senke zwischen dem Oberen Markt und der Scheib und inzwischen unter Denkmalschutz steht. „Ein echtes Fußballstadion, in dem der Zuschauer zwei Meter neben dem Rasen steht“, schwärmt Roth, „da herrschte eine großartige Stimmung.“
Sponsoren mussten her
Ab 1964 spielte die Borussia zwei Jahre lang in der Bundesliga. Die Euphorie in der Kohle- und Stahlstadt war riesig damals. Im ersten Bundesliga-Jahr standen in der Mannschaft überwiegend Spieler aus Neunkirchen und Umgebung, entsprechend war die Unterstützung des Publikums. Neunkirchen boomte damals. In den Kohlegruben und „uff de Hitt“, im Eisenwerk verdienten die Berg- und Hüttenarbeiter gutes Geld. Im Eisenwerk, in der Schloss-Brauerei und bei der Stadtverwaltung fanden die Fußballer der ersten Mannschaft einen ordentlich bezahlten Arbeitsplatz – und wurden weitgehend für den Fußball freigestellt.
Auf den Bundesligaabstieg 1966 folgte ein Jahr später der direkte Wiederaufstieg, im Folgejahr ging’s wieder runter. 1974, 1978 und 1980, als Neunkirchen dreimal für ein Jahr in der Zweiten Liga spielte, war die Wirtschaft der Stadt schon auf Talfahrt. Pseudo-Arbeitsplätze für die Spieler wurden erst rar, dann gab’s keine mehr. Sponsoren mussten her.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt
Laut Roth wäre auch der eine oder andere da gewesen, aber der Verein habe oft die falschen Entscheidungen getroffen. „Der Verein wurde über viele Jahre schlecht geführt und schlecht beraten.“ Der Torjäger von einst ist fest davon überzeugt, dass der Mann, der hinter dem Erfolg der SV Elversberg steht – der in Neunkirchen geborene Pharma-Unternehmer Frank Holzer, einst Bundesliga-Spieler für Braunschweig – seinen Traum vom großen Fußball bei Borussia Neunkirchen realisiert hätte, wenn ihm die Borussen nicht die kalte Schulter gezeigt hätten. Sechs Kilometer vom Ellenfeld entfernt kämpft Elversberg nun im zweiten Jahr in Folge um den Aufstieg in die Bundesliga, während Neunkirchen zuletzt gegen Herrensohr, Marpingen und Bliesmengen-Bolchen kickte.
Hätte, hätte, Fahrradkette. Aktuell stecken die Borussen in der größten Bredouille der Vereinsgeschichte. Ein Trainer hatte nicht nur sportlichen, sondern auch finanziellen Erfolg in Aussicht gestellt. Tatsächlich überwiesen neue Sponsoren üppige Summen an den Verein. Der Haken: Die Staatsanwaltschaft vermutet ein spezielles Geschäft. Der Trainer soll hauptberuflich die Befugnis gehabt haben, Aufträge für die Deutsche Glasfaser zu vergeben. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Wer einen Auftrag zur Verlegung von Glasfaserkabel ergattern wollte, musste „freiwillig“ eine Spende an die Borussia zahlen. Der Trainer ging. Ermittelt wird gegen elf Verdächtige, keiner von ihnen übt aktuell ein Amt in Neunkirchen aus.
Anfang ganz unten?
Weil die Spenden voraussichtlich zurückzuzahlen sind, erklärte sich Borussia für zahlungsunfähig. Ein Insolvenzverwalter hat die Führung des Vereins übernommen. Die bisherigen Spieler haben den Klub verlassen. Die Borussia versucht nun, eine Mannschaft aus Spielern der Jugend und der zweiten Mannschaft zusammen zu bekommen, um die Rückrunde in der Saarlandliga zu Ende zu spielen, abzusteigen und in der Verbandsliga einen Neuanfang zu machen.
Wenn die Borussia bis Sonntag keine Mannschaft zusammenbekommt oder wenn das Insolvenzverfahren negativ verläuft, muss Neunkirchen ganz, ganz unten wieder anfangen. Auf irgendeinem Sportplatz, nicht mehr im Ellenfeld.
„Mir tut das so weh“, sagt Uli Glup, der nicht weit vom Stadion aufwuchs, von Kindesbeinen an den schwarz-weißen Borussen-Schal trug und heute dem Ältestenrat des Vereins vorsteht. „Dieses Schicksal hat die Borussia nicht verdient. Vielleicht geschieht ja noch ein Wunder und wir finden auf den letzten Drücker noch einen Gönner, der uns aus dem Schlamassel zieht.“
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Zu einer aktuellen Reportage über Neunkirchen: „Vor meinen Freunden schäme ich mich für meine Heimatstadt“.
