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Sport

„Erste Liga oder Regionalliga“

Die Fans des 1. FC Kaiserslautern – hier die Westkurve – sind für besondere und kreative Aktionen zu haben.

Seit April FCK-Bosse: Michael Klatt (links; 48 Jahre alt) und Vorstandschef Thomas Gries (54).

Durchstarten oder langfristig kein Land mehr sehen – Thomas Gries, der Vorstandsvorsitzende des Fußball-Zweitligisten

1. FC Kaiserslautern, und Finanzvorstand Michael Klatt wollen auf der Jahreshauptversammlung am Samstag Klartext reden.

Und die Vereinsmitglieder auf die schnelle Suche nach Investoren vorbereiten. Ein Interview von Horst Konzok und Oliver Sperk

Herr Gries, Herr Klatt, Sie sind jetzt rund ein halbes Jahr im Amt, haben einiges erlebt in dieser Zeit beim FCK. Mit welchen Erwartungen gehen Sie in Ihre erste Jahreshauptversammlung (JHV) bei den Roten Teufeln?

Drei Sachen sind mir besonders wichtig: Respekt vor dem, was in diesem Verein in 116 Jahren geleistet worden ist. Spaß an diesem Verein zu haben, was bei Siegen natürlich leichter fällt. Und Vertrauen in die Mitarbeiter und Mitglieder. So will ich auch die JHV haben. Wir werden Themen aus der Vergangenheit aufarbeiten müssen, aber wir wollen keine Abrechnung. Wir müssen kapieren: Hier stehen wir und wollen die Zukunft gestalten, nicht die Vergangenheit bewältigen.

Mir ist wichtig, Grundsatz-Entscheidungen zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit zu treffen und uns nicht mit den vergangenen Jahren aufzuhalten.

Die FCK-Finanzen werden das große Grundsatz-Thema der JHV sein. Ex-Vorstandschef Stefan Kuntz sagt, er habe Ihnen den Verein „ordentlich übergeben“. Sie, Herr Klatt, haben Anfang Mai gesagt, der Verein sei „nicht auf Rosen gebettet“, aber flüssig. Es müsse sich „keiner Sorgen machen um das Morgen“. Wie bewerten Sie das rückblickend?

Ich spreche ja immer von Liquiditätstälern und -bergen im Profifußball, abhängig davon, ob gerade Fernsehgelder oder sonstige größere Einnahmen gekommen sind. Wir, zwei Leute, die nicht aus dem Fußballgeschäft kommen, haben in einem Tal übernommen. Wir hatten einen fliegenden Start. Der sportliche Erfolg war zunächst nicht da, die Zuschauerzahlen waren rückläufig. Durch den Verlust per 30. Juni 2016 von 2,638 Millionen Euro für 2015/16 hat sich das negative Eigenkapital auf 3,5 Millionen Euro erhöht.

Der Transfererlös von rund 3 Millionen Euro für Jón Dadi Bödvarsson gehört klar ins neue Geschäftsjahr 2016/17. Der Transfer von Marius Müller für 1,7 Millionen Euro zu RB Leipzig vom 14. Juni aber ist auch nicht in den 2,638 Millionen Euro enthalten – sonst wäre der Verlust für 2015/16 niedriger ausgefallen.

Der Übergang laut Vertrag war der 1. Juli, da gibt es gewisse Spielräume. Daher haben wir gesagt, der Müller-Transfer kommt ins neue Geschäftsjahr 2016/17. Aber fairerweise muss man sagen, dass sich die Bilanz 2015/16 dadurch verschlechtert hat, dass wir das Trainerteam ausgetauscht haben und auf der Geschäftsstelle die Restrukturierung angestoßen haben. Dadurch mussten Rückstellungen für Abfindungen von Mitarbeitern gebildet werden.

Wie ist die Finanzlage im Moment?

Durch den 3-Millionen-Euro-Kredit, den wir bei der Firma Quattrex aufgenommen haben, um den Lizenzspieleretat auf 11,5 Millionen Euro zu erhöhen, steigen die Verbindlichkeiten zunächst. Aber wir haben von den 1,2 Millionen Euro früher gestundeter Stadionpacht 600.000 Euro gerade auf einen Schlag zurückgezahlt und haben noch Geld übrig, um im Winter beim Profiteam personell nachzulegen – falls nötig. Die Verbindlichkeiten sind durch über 7,7 Millionen Euro Anlagevermögen, den Kassenbestand und 5,5 Millionen Forderungen und Vorräte gedeckt.

Ist da noch Geld für den Ausbau des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) auf dem Fröhnerhof übrig? Über den 1,9-Millionen-Euro-Rest aus der Fananleihe wird heiß diskutiert.

Ja, ich habe gelernt, dass es da unterschiedliche Ansichten geben kann. Das Geld lag jedenfalls nicht extra auf der Seite.

Da sagen Ihre Vorgänger, es wäre unternehmerisch falsch, Geld, für das ich 5 Prozent Zinsen zahle, nicht arbeiten zu lassen. Das war ja schon 2014 und 2015 JHV-Thema.

Ja, aber wenn ich am 30. Juni 2016 2,3 Millionen Euro liquide Mittel habe, die zum Beispiel aus dem aktuellen Dauerkartenverkauf stammen, würde ich die eher den aktuellen Einnahmen zuordnen. Dann sind die 1,9 Millionen Euro fürs operative Geschäft verwendet worden. Andere sehen das wieder anders.

Und wie geht es jetzt mit dem Ausbau des Nachwuchsleistungszentrums weiter?

Wir haben jetzt Bauantrag gestellt und bauen nun scheibchenweise aus, wie Geld da ist. Wir fangen jetzt mit Parkplatz und Gastronomie an. Wir wollen mit den Mitgliedern auch darüber sprechen, ob wir die unansehnlichen Container in Eigenleistung durch gemauerte Gebäude ersetzen können.

Sie planen für die aktuelle Saison 2016/17 mit einem Verlust von rund 2 Millionen Euro. Der Betrieb des Stadions und des Nachwuchsleistungszentrums sind immense Kostenblöcke, die in der momentanen sportlichen Situation kaum zu stemmen sind. Was sind Ihre Lösungen für diese strukturellen Probleme, die den Verein schon lange begleiten?

Der Posten Stadion/Spielbetrieb hat vergangene Saison rund 9 Millionen Euro ausgemacht. Und der Stadionunterhalt wird ja mit zunehmendem Alter der Immobilie eher teurer. Mit 4 Millionen Euro sind auch die Kosten im NLZ zu hoch gewesen. Da planen wir längerfristig mit 3 Millionen Euro pro Saison, überlegen auch, Platz vier am Stadion in die offizielle U23-Spielstätte umzurüsten. Wir brauchen keine U23, die um den Aufstieg mitspielt. Ein Platz im gesicherten Mittelfeld reicht, um unsere Spieler für die erste Mannschaft auszubilden. Deshalb haben wir im Sommer auch teure Spieler der U23 abgegeben.

Es geht nicht nur um Geld beim NLZ. Es geht auch um die sportliche Durchlässigkeit. In der Zweitliga-Mannschaft hat der Trainer den 18-jährigen Nicklas Shipnoski gebracht, Robin Koch spielt, Julian Pollersbeck steht im Tor. Der FCK ist ein Ausbildungsverein, muss Erlöse durch Verkäufe erwirtschaften. Aber das kann nur ein Teil eines Zukunftsmodells sein. Wir müssen uns mit den Mitgliedern Gedanken über Strukturen machen. Einfach so weitermachen in den nächsten fünf Jahren, das werden wir nicht schaffen. Wir müssen es klar ansprechen: Wir brauchen strategische Partner.

Sie wollen die Ausgliederung der Profisparte in eine Kapitalgesellschaft.

Ausgliederung ist zu einem bösen Wort geworden. Das ist eine Möglichkeit, wir wollen die Mitglieder mit ins Boot holen. Wir müssen das innerhalb der FCK-Familie diskutieren und am besten in einigen Monaten schon Klarheit haben. Noch mal fünf Jahre können wir uns nicht in der Zweiten Liga einrichten, das schaffen wir finanziell nicht. In der Zweiten Liga ist der FCK mit diesen Kostenstrukturen kaum sanierbar. Es gibt zwei Szenarien für diesen Verein – langfristig betrachtet: Erste Liga oder Regionalliga. Wenn es nicht klappt mit strategischen Partnern, müssen wir uns Gedanken machen über einen wirklich harten Sparkurs.

Geld schießt Tore – das ist kein Spruch. Das ist wissenschaftlich nachweisbar. Die Bundesliga-Aufsteiger in diesem Jahr hatten im Schnitt einen Etat von rund 18,5 Millionen Euro. Davon sind wir noch meilenweit entfernt. Ohne Fremdkapital wären wir bei 8,5 Millionen – uns fehlen 10 Millionen Euro pro Jahr. Da kann ich noch so viele Brötchen verkaufen … Wir brauchen strategische Partner. Ohne entsprechendes Geld werden wir hier längerfristig keinen wettbewerbsfähigen Kader aufstellen können.

Das sind erstaunlich klare Worte, die Sie da am Samstag an die Mitglieder richten wollen.

Nur zusammen sind wir Lautern – das ist kein Marketingspruch. Wenn sich die Fans und die lokalen Sponsoren ausklinken, werden wir es nicht schaffen. Aber es geht darum, dass wir uns öffnen für externes Kapital. Wir müssen das besser früher als später machen. Wir müssen uns auf die Suche nach den passenden strategischen Partnern machen. Der FCK ist eine starke Marke, ein Pfund, mit dem man wuchern kann, weil er Strahlkraft hat. Die große Sorge der Fans ist der Kontrollverlust. Die Sorge müssen wir unseren Mitgliedern nehmen.

Was ist Ihre Vision für den FCK, sagen wir zum 120-jährigen Bestehen im Jahr 2020?

Wir müssen die Vision haben, in die Bundesliga aufzusteigen. Das wird dieses Jahr nicht möglich sein und nächstes Jahr vermutlich auch noch nicht. Wir müssen uns festigen, um dann anzugreifen. Es geht nicht nur darum, in die Bundesliga zu kommen, sondern auch in der Lage zu sein, sich dort dauerhaft etablieren zu können.

Eine unbekannte Größe ist die künftige Verteilung des Fernsehgeldes: Wie viel von den Mehrerlösen kommt da in der Zweiten Liga an? Da soll es im Dezember eine Entscheidung der DFL geben. Aber wir werden eine große Lösung brauchen mit einem Partner, gute Beispiele sind Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt. Mit einem guten strategischen Partner feiern wir 120 Jahre FCK in der Bundesliga.

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