1. FC Kaiserslautern Abpfiff – der Betzenberg-Krimi (13)

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Journalist und Autor Udo Röbel.
Journalist und Autor Udo Röbel.

In welchem der Feldkamp sich mal wieder selbst quält und der Sandig mit einem Chinesen im Arm liegt.

Man kann ja sagen, was man will, über die Frau Sandig, denkt der Feldkamp. Aber kochen kann die! Der Zwiebelrostbraten, den er gerade gegessen hat, war butterzart gewesen, die Sauce so lecker, dass er sich gleich zweimal Nachschlag aufgetan hat. Dazu die frisch geschabten Spätzle und einen Gurkensalat, wie ihn nur die Mutter machen kann. Einen besseren Zwiebelrostbraten hätten sie wahrscheinlich nur schwerlich in einem Gasthaus bekommen.

Trotzdem ist ihm ein bisschen unbehaglich zumute, hier schon wieder bei der Frau Sandig in der Küche zu sitzen, wo die doch vorhin auch noch „uns“ gesagt hat.

„UNS!“

Wie hat sie das gemeint? Will die etwas von mir? Macht die sich etwa Hoffnungen?

Auch die Pantoffeln hat sie ihm gleich wieder hingestellt, als sie wieder zurück im Haus waren. Und ein Bier und den Aschenbecher – und dann hat sie den Fernseher angestellt.

Aber den hat er gleich wieder ausgemacht, und das Bier hat er auch nicht angerührt. Selbst der Versuchung, eine Zigarette zu rauchen, hat er widerstanden. Und das will viel heißen bei dem Feldkamp, der sich normalerweise ganz automatisch eine ansteckt, wenn er so unter Dampf steht wie jetzt gerade.

Stattdessen hat er etwas von „bisschen müde“ gemurmelt und sich ins Gästezimmer zurückgezogen und aufs Bett gelegt. Dumm war nur, dass er dabei vergessen hat, die Frau Sandig nach dem Handy ihres Mannes zu fragen, um nachzuschauen, ob der Code auch darauf funktioniert. Aber jetzt wieder zu ihr in die Küche zu gehen und mit ihr reden zu müssen hat er auch nicht gewollt. Wer weiß, vielleicht bietet die ihm als Nächstes das DU an.

Vielleicht war das aber nicht der einzige Grund, warum er sich nicht getraut hat, noch einmal aufzustehen und zur Frau Sandig in die Küche zu gehen. Wie ihr ja inzwischen wisst, hat der Feldkamp, was den FCK betrifft, einen gehörigen Schaden, und dazu gehört auch der Hang, sich selbst zu quälen. Das mit den Geldautomaten in der Bank ist ja nicht nur so eine Art Orakel, das Schicksal zu deuten. Nein, für den Feldkamp bedeutet das, die Mannschaft zu unterstützen, und wenn er versagt, dann versagt auch zwangsläufig die Mannschaft. Und dieser ganze Hokuspokus, der, wie ihr ja gelesen habt, im Meisterschaftsjahr 1998 begann, als der Feldkamp in seiner Redaktion seine Marlboro aus dem „richtigen“ Schacht gezogen hat, hat sich zu einer Macke ausgewachsen, an der jeder Psychiater seine helle Freude hätte.

Immer tiefer hat sich Feldkamp in seinen Aberglauben verstrickt. Einmal – er weiß gar nicht mehr, bei welchem Spiel –, auf jeden Fall bei einem Spiel, wo es Spitz auf Knopf stand, hat er es vor dem Fernseher nicht ausgehalten und ist auf den Balkon gegangen, um eine zu rauchen. Als er zurückkehrte, hatte Lautern gerade ein Tor geschossen. Seitdem hat er diesen Zauber immer wieder probiert. Mit dem Ergebnis, dass es natürlich auch anders gelaufen ist. Dass der FCK ein Tor kassierte, wenn er draußen zum Rauchen war. Was natürlich rein von der Wahrscheinlichkeitsrechnung auf der Hand liegt und was der Feldkamp natürlich auch weiß. Aber da ist er wie all die Leute, die sich die Karten legen lassen und nur, weil die Wahrsagerin einmal recht hatte, verdrängen, wie oft sie auch danebenlag.

Glaubt ihr nicht?

Könnt ihr aber!

Irgendwann habe ich im Fernsehen mal eine Dokumentation gesehen Auf WDR 3, glaube ich. Über einen ähnlich bescheuerten Fußballfan. Einen Schalker. Oder war es ein Dortmunder? Egal. Auf jeden Fall einen, der in der Bettwäsche seines Vereins schläft und der seinen Kaffee nur aus der Vereinstasse trinkt – und der sein Trikot die ganze Saison nicht gewaschen hat aus Angst, seine Jungs könnten dann verlieren. Bekloppt, wie gesagt. Aber blöd war der nicht. Im Gegenteil. Der konnte sich sogar gut artikulieren vor der Kamera, ein Arzt, wenn ich mich nicht irre.

Wie bin ich jetzt auf das alles gekommen?

Ach ja. Wegen des Handys von dem Sandig und warum der Feldkamp nicht wieder aufgestanden ist, um es zu holen. Wo er doch vor Spannung gerade am Platzen war, ob sein genialer Einfall mit der PIN auch auf dem Smartphone funktioniert.

Aber dann hat er sich an das Eröffnungsspiel in der Saison 2014/2015 erinnert. Als er in Dresden gewesen war und es in seinem Hotelzimmer kein Sky gegeben hatte, wo er hätte Lautern gucken können. Also hat er immer wieder im Videotext nachgeschaut, wie es gerade steht gegen 1860 München. Ein Desaster, ein Nackenschlag nach dem anderen:

Schon in der 20. Minute Rot für Sippel, den Torwart.

In der 26. Minute das 0:1!

In der 33. Minute das 0:2!

Dem Feldkamp hat’s gereicht. Gleich im ersten Spiel der neuen Saison eine Heimpleite. Gleich nach dem ersten Spiel schon alle Träume vom Wiederaufstieg in die Bundesliga zerstört! Er hat den Fernseher ausgemacht und ist in die Hotelbar gegangen, um sich zu betrinken. Und um nicht in Versuchung zu kommen, hat er sein Handy oben auf dem Zimmer gelassen.

Erst als er nach zwei Stunden dann wieder hochgekommen ist in sein Zimmer, hat er noch einmal nachgeschaut.

3:2!

Mit zehn Mann nach 0:2-Rückstand. Und das Siegtor hat der Hofmann geschossen. Sekunden nach seiner Einwechslung. Mit seinem ersten Ballkontakt! So etwas gibt es halt nur auf dem Betze.

Seitdem hat der Feldkamp nie wieder nach Zwischenständen geguckt, wenn er unterwegs war und den FCK nicht live im Fernsehen gucken konnte. Auch wenn er es vor Spannung fast nicht mehr ausgehalten und die Minuten bis zum Abpfiff gezählt hat.

Wenn er durchhält, gewinnen sie auch.

Genau wie jetzt.

Wenn er durchhält, bis die Frau Sandig mit dem Essen fertig ist, klappt das auch mit dem Handy. Und so geht er doch wieder zu ihr zurück.

Frau Sandig ist noch beim Aufräumen, als er die Küche betritt. „Einfach köstlich, der Zwiebelrostbraten“, sagt der Feldkamp zu ihr. „Aber könnten Sie mir jetzt bitte noch einmal das Handy von ihrem Mann geben?“

4 … 7 … 9 … 5 …

Bevor der Feldkamp den Code eingibt, wischt er sich noch einmal sorgfältig die Finger ab. Nicht, dass da noch etwas von der Sauce dran ist, die er mit einem Stück Brot aufgetunkt hat.

Eingabe erfolgreich.

Und der Feldkamp jubelt, als wäre der FCK gerade dem Abstieg von der Schippe gesprungen.

Was aber jetzt?

Als Erstes schaut er sich die Telefonliste mit den letzten Anrufen vom Sandig an.

Was ihm dabei als Erstes auffällt, sind die zwei verpassten Anrufe, die der Sandig in der Nacht, als er gestorben ist, erhalten hat: den ersten um 23.15 Uhr, den zweiten eine Viertelstunde später. War der Sandig da schon tot? Oder warum sonst hat er sie nicht angenommen? Und überhaupt: Wer hat so spät in der Nacht noch angerufen?

Leider sind die Anrufe als anonym registriert. Wer auch immer versucht hat, den Sandig in dieser Nacht zu erreichen, hatte seine eigene Rufnummer unterdrückt und ist deshalb auch nicht im Telefonbuch gespeichert. Und: Einen anonymen Anruf hat er an demselben Tag schon einmal bekommen. Aber am frühen Abend, als er eindeutig noch gelebt hat. Und das war ein Anruf, den er entgegengenommen hat.

Hm, überlegt der Feldkamp. Er muss unbedingt herausfinden, was die Gerichtsmediziner als Todeszeitpunkt eingegrenzt haben. Da kann ihm aber bestimmt der Jean vom Kleeblatt helfen, mit seinen Kontakten zu seinen alten Kollegen bei der Kripo.

Als Nächstes schaut sich der Feldkamp die Chatverläufe auf Whatsapp von dem Sandig an. Da gibt es eine Gruppe Dritte Liga, wo offensichtlich Schiris und Linienrichter miteinander kommunizieren. Und die letzten Einträge decken sich mit dem, was die beiden Linienrichter ihm im Hotel auf dem Betzenberg erzählt haben: „Sehen wir uns am Samstagabend im Hotel?“

„Nein. Reise am Sonntag direkt aus Memmingen an. Treffen uns zwei Stunden vor Anpfiff in der Lobby.“

Hm, denkt der Feldkamp. Warum hat der Sandig wohl seine Kollegen angelogen? Warum sollten sie nicht wissen, dass er sehr wohl schon am Vorabend in der Pfalz ist – nur in einem anderen Hotel? Was hatte er zu verbergen?

Und was die ganze Sache noch rätselhafter macht, ist die letzte SMS-Nachricht, die der Sandig kurz vor seinem Tod erhalten hat: um 20.38 Uhr.

„Alles erledigt. Bis gleich!“

Nur eine Mobilnummer. Kein Name als Absender.

Für einen Moment ist der Feldkamp versucht, die angezeigte Nummer zurückzurufen. Gespannt, wer sich da meldet. Doch dann sagt ihm sein Gefühl, dass er damit vielleicht noch warten sollte. Noch weiß er zu wenig und macht vielleicht dadurch nur jemanden misstrauisch.

Stattdessen schaut sich der Feldkamp die Fotos auf dem Handy an. Doch viel fotografiert hat der Sandig offensichtlich nicht. Und auch nicht besonders gut. Die meisten Bilder sind leicht unscharf, was eigentlich auch schon eine Kunst ist bei den heutigen Handys. Außerdem scheint er ein besonderes Händchen dafür gehabt zu haben, immer den falschen Bildausschnitt zu wählen und den Leuten, die er fotografiert hat, die Ohren oder die Haare abzuschneiden.

Auch sich selbst. Denn der Sandig hat in erster Linie Selfies gemacht. Meist in voller Montur, vor voll besetzten Tribünen, schon die Pfeife in der Hand. Oder er zusammen mit seinen Linienrichtern. Offensichtlich hat er vor jedem Spiel sich erst einmal selbst fotografiert. Genauso wie auf dem letzten Foto auf seinem Handy. Nur, dass es ihn nicht mit seinen Assistenten zeigt und auch nicht in einem Stadion – sondern mit einem Chinesen?

Der Feldkamp ist sich nicht ganz sicher. Aber der Mann, der sich da mit dem Sandig im Arm liegt, hat eindeutig asiatische Gesichtszüge. Und beide stehen vor dem Eingang eines hell angestrahlten Gebäudes mit klassizistischer Fassade, über dem in großen Leuchtbuchstaben „STAUR…KU…AUS…ANK“ steht.

Offensichtlich „Restaurant“ und „Kurhaus“, wie es sich der Feldkamp zusammenreimt, als er das Foto größer zoomt. Nur zu dem „ANK“ fällt ihm nichts ein, weil der Sandig auf diesem Foto einmal nicht sein Haupthaar abgeschnitten hat, es dafür aber die anderen Buchstaben vollständig verdeckt.

War der Sandig vor Kurzem auf Kur, fragt sich der Feldkamp. Wenn ja, wo und warum? Aber dann schaut er sich das Datum an, an dem das Foto aufgenommen worden ist.

Auch am Samstag. Um 15.48 Uhr. Ein paar Stunden, bevor er sein Leben ausgehaucht hat.

An dieser Stelle muss ich vielleicht noch einmal daran erinnern, dass der Feldkamp nicht in dem Alter ist, in dem man dieses ganze digitale Zeug quasi mit der Muttermilch aufgesogen hat. Er ist froh, dass er inzwischen sein eigenes Handy einigermaßen unfallfrei bedienen kann. Was nicht heißt, dass er sich nicht manchmal halt doch die Finger bricht und seinen Jüngsten fragen muss, wenn er zum Beispiel ein Foto kopieren und weiterverschicken will. Deshalb ist er jetzt auch ein bisschen stolz, als es ihm ohne Probleme gelingt, das Bild mit dem Chinesen vom Handy des Sandig auf seines zu senden.

Sicher ist sicher, denkt er. Und was ich hab, das hab ich. Wer weiß, ob sich die Polizei nicht doch noch einmal für das Handy des Sandig interessieren wird – und es beschlagnahmt? Besonders jetzt, wo er auf dieses Foto gestoßen ist.

Denn die Chinesen …

Sind die nicht bekannt dafür, dass sie die größten Zocker überhaupt sind? Dass sie auf alles und jeden wetten? Noch mehr als die Engländer? Und liest man nicht immer wieder, dass die chinesische Mafia ihre Milliarden auch mit Wettbetrug macht?

Sicher ist sicher! Das Foto hat er schon mal. Das kann ihm auch die Polizei nicht mehr abnehmen: Exklusiv! Der Schiedsrichter mit dem chinesischen Wettpaten! Und apropos sicher: Das hat der Feldkamp inzwischen auch gelernt, dass das Foto auf einem Handy nicht wirklich gelöscht sein muss, wenn man es gelöscht hat. Der nette junge Mann im Telefonladen hat es ihm gezeigt, als er vor Kurzem sein neues Handy abgeholt hat und der ihm die Daten von seinem alten Handy auf das neue überspielt hat.

Weil, der junge Mann hat ihn dabei irgendwann „Die auch?“ gefragt und auf all die mehr oder weniger witzigen Fotos und Videos gezeigt, die man jeden Tag per Whatsapp kriegt und die plötzlich alle wieder da waren, obwohl er sie längst gelöscht hatte. Und deshalb schaut er jetzt in den Fotoalben von dem Sandig auch unter dem Ordner „Zuletzt gelöscht“ nach.

Bingo! Diesmal jubelt der Feldkamp, als wenn der FCK gerade wieder deutscher Meister geworden wäre.

Vor seinem Tod hat der Sandig nämlich noch ein Selfie gemacht. Fünf Stunden nach dem Foto mit dem Chinesen. Diesmal mit einer Frau im Arm. Einer von den Frauen, nach denen sich alle Männer umdrehen, wenn sie ein Lokal betreten.

Teuer.

Elegant.

Unnahbar.

Eine richtige „Elblette“, wie man in Hamburg sagen würde.

Und der Feldkamp denkt: Junge, Junge, Wenn der nicht der rote Seidenslip gehört, fresse ich einen Besen.

Weiterlesen? Alle Teile des Betze-Krimis finden Sie hier.

Zur Person

Udo Röbel, geboren 1950 in Neustadt an der Weinstraße, ist Journalist und Autor. Der ehemalige RHEINPFALZ-Volontär wurde später in die Chefredaktion des Kölner „Express“ und an die Spitze der BILD-Zeitung berufen. Für seine Rolle in der sogenannten Kießling-Affäre wurde er mit dem Wächterpreis der deutschen Tagespresse ausgezeichnet. 1988 stieg er bei der Geiselnahme von Gladbeck zu Entführern und Geiseln ins Auto. Das Verhalten der Medien während der Geiselnahme führte zu einer Erweiterung der Richtlinien im Pressekodex. Heute lebt Röbel in Hamburg und Berlin. Ein Interview mit dem Autor finden Sie hier.