Fußball RHEINPFALZ Plus Artikel Wo Politiker kicken: Ein Trainingsbesuch beim FC Bundestag

In Florian Bilic gehört ein waschechter Pfälzer dem Kader des FC Bundestag an.
In Florian Bilic gehört ein waschechter Pfälzer dem Kader des FC Bundestag an.

Der FC Bundestag versteht sich als überparteiliche Institution im Berliner Parlamentsbetrieb. In seiner Geschichte spielten Pfälzer immer wieder eine wichtige Rolle.

Warum bist du Abgeordneter und kein Fußballprofi geworden?“ Schon in den ersten Minuten wird klar: Das hier ist ein besonderes Training. Bundestagsabgeordnete treffen sich an einem außergewöhnlichen Ort, um einem ganz und gar nicht exklusiven Hobby zu frönen. So wie Millionen andere Deutsche haben die Männer, die sich dienstags in den Sitzungswochen des Parlaments in Berlin treffen, vor allem eins im Sinn: Spaß am Sport. Genauer gesagt: am Fußball. Willkommen beim FC Bundestag.

Hier hat schon so manches politische Talent die Schuhe geschnürt und an den Ball getreten. Überliefert sind beispielsweise Einsätze von Joschka Fischer, Wolfgang Schäuble und Gerhard Schröder. Bei gutem Wetter treffen sich die Abgeordneten, die sich zum FC Bundestag zusammengeschlossen haben, im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Dort treten sie gegen Teams aus den Wahlkreisen an.

Opposition und Regierung Seite an Seite

Aber auch Spiele gegen eine Inklusionsmannschaft oder Hauptstadtjournalisten stehen schon mal an. Meist spielt dabei der Spaß am Sport eine größere Rolle als das Ergebnis. Diesen Spaß am Sport leben die ausschließlich männlichen Parlamentarier im FC Bundestag parteiübergreifend. Beim Trainingsbesuch dieser Zeitung stehen sowohl Fußballer aus den Reihen der Opposition als auch der Regierung auf dem Platz.

Im aktuellen Kader steht ein Pfälzer: Florian Bilic, der für die CDU den Wahlkreis Pirmasens gewonnen hat. Der Mittelfeldspieler kann in seinen fünf Einsätzen laut offizieller Statistik immerhin schon ein Tor für sich verbuchen. Aber nicht nur das: Im Duell mit dem Fahrdienst des Bundestags kam dem ehemaligen Geschäftsführer des Pfälzerwaldvereins eine wichtige Rolle zu: Er durfte das Bierfass in der dritten Halbzeit anstechen.

2022 Europameister

Unter den Spielern finden sich langjährige Abgeordnete wie der Sozialdemokrat Johannes Fechner. Der Baden-Württemberger sitzt seit 2013 im Bundestag und hat es in dieser Zeit auf mehr als 100 Einsätze und 18 Tore geschafft. Fritz Güntzler (CDU), Kapitän und Vorsitzender des FC Bundestag, stand als Abwehrspieler schon 61 Mal auf dem Platz.

So einzigartig der FC Bundestag auf den deutschen Bürger wirken mag, ist er auf internationaler Ebene gar nicht so außergewöhnlich. In einigen Ländern gibt es Parlamente mit eigenen Fußballmannschaften. Seit 1971 treffen sich die Parlamentsmannschaften aus Österreich, der Schweiz und Finnland jährlich am Christi-Himmelfahrts-Wochenende zum Wettstreit. Auch hier geht es nicht nur um den sportlichen Aspekt, sondern um den Austausch über Partei- und Landesgrenzen hinweg. 2022 ging die deutsche Parlamentsmannschaft zuletzt als Sieger bei der Europameisterschaft vom Platz.

Training mitten im politischen Berlin

An diesem Abend spielt der lange zurückliegende Titelgewinn keine Rolle. Wegen des Wetters trainiert der FC Bundestag in den Wintermonaten in der Halle. Aber nicht in irgendeiner heruntergekommenen Schulsporthalle am Rande der Hauptstadt, sondern mitten im politischen Berlin. Genauer gesagt: im Bundestag selbst. Denn das Gebäudeensemble bietet nicht nur Sitzungsräume, Büros und Kantinen, sondern hat im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus eine eigene Turnhalle in einem Keller, der für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Hier können Politiker und Parlamentsmitarbeiter Sport treiben. Es gibt mehrere Gruppen, die sich regelmäßig zu unterschiedlichen Sportarten treffen. Bevor der FC Bundestag mit dem Training startet, müssen erst die Tischtennissportler ihre Platten aufräumen.

Raus aus dem Anzug, rein in die Trainingsklamotten heißt es währenddessen für die Fußballer. 15 Spieler sind es an diesem Abend. Sie treten ohne Schienbeinschoner an, bilden zwei parteiübergreifende Mannschaften inklusive Auswechselspieler.

Am nächsten Tag auf Krücken im Parlament

Einer davon wird schon nach wenigen Minuten gebraucht. Auf dem Spielfeld kommt es zu einer Kollision zweier Spieler, einer bleibt liegen. Zunächst versuchen die Teammitglieder, dem Mann und seinem lädierten Knöchel mit Eisspray zu helfen. Aber schnell wird klar: Das war es für heute Abend. Am nächsten Tag wird man dem Politiker im Parlamentsbetrieb wieder begegnen. Auf Krücken.

Bei aller Überparteilichkeit ziehen die Mitglieder des FC Bundestags dann doch eine klare Grenze: Mit Abgeordneten der AfD wird hier nicht gespielt. Oder besser gesagt: nicht mehr gespielt. Es gab in der Anfangszeit der AfD im Bundestag durchaus Abgeordnete, die beim FC Bundestag mitwirkten. Aber die waren nicht gerne gesehen. Der Grund: Die Parlamentsmannschaft reklamiert für sich Weltoffenheit, Toleranz und ein Einstehen gegen Extremismus. Die Politik der in Teilen rechtsextremen AfD sehen die Verantwortlichen beim FC Bundestag dazu im Widerspruch stehend. Bei einer Mitgliederversammlung im Januar 2018 lehnte der FC Bundestag zum ersten Mal den Aufnahmeantrag eines Bundestagsabgeordneten ab. Betroffen davon war Sebastian Münzenmaier aus Mainz. Der AfD-Politiker trat bei der vergangenen Bundestagswahl im Wahlkreis Kaiserslautern an und gilt als führender Kopf der Partei in Rheinland-Pfalz sowie als Strippenzieher in der AfD auf Bundesebene.

Verein steht allen Parteien offen

Allerdings ist es gar nicht so einfach für den FC Bundestag, AfD-Bundestagsabgeordnete von ihren Spielen auszuschließen. Der Streit ging soweit, dass sogar die Justiz sich damit befassen musste. Das Landgericht Berlin entschied schließlich im März 2025, dass der pauschale Ausschluss von AfDlern der damaligen Satzung des FC Bundestags widerspreche, weil der Verein Politikern aller Parteien offen stehe.

An solche politischen Fallstricke dürfte wohl niemand gedacht haben, als Bundestagsmitglieder 1961 erstmals parteiübergreifend auf ein Spielfeld traten. Beim Benefizspiel gegen eine Auswahl des WDR im Bonner Gronau-Stadion stand übrigens ebenfalls ein Pfälzer auf dem Platz. Er gehörte zwar nie dem Bundestag an, aber seine Name lässt noch heute so manchen Fußballfan nicht nur in der Pfalz ins Schwärmen geraten. Die Rede ist von Fritz Walter. Der Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft durfte damals als Auswechselspieler in der zweiten Halbzeit für die Abgeordneten mitspielen. Der WDR hatte ebenfalls prominente Verstärkung: den Schauspieler Willi Millowitsch. Das Spiel endete übrigens mit einem 5:3-Sieg für die Politiker. Viel wichtiger aber war schon damals ein anderes Ergebnis: 10.000 Mark wurden für soziale Projekte gesammelt.

„Außer Fußball haben wir kaum etwas, was uns Freude macht.“

1967 folgte die offizielle Gründung des FC Bundestag. Hier spielte ein weiterer Pfälzer eine wichtige Rolle: der in Ludwigshafen geborene und später in Kaiserslautern als Politiker wirkende Adolf Müller-Emmert. Der 2011 verstorbene Sozialdemokrat gilt als zentrale Gründungsfigur der Parlamentsmannschaft mit dem Ziel regelmäßigen Trainings und Freundschaftsspiele aller Fraktionen. Müller-Emmert wurde erster Kapitän. Von dem Politiker ist folgendes Zitat überliefert: „Außer Fußball haben wir kaum etwas, was uns Freude macht.“

Eine skurrile Anekdote des FC Bundestags hat mit einem Mann zu tun, der in der Pfalz ebenfalls kein Unbekannter ist: Otto Rehhagel. 2012 hieß es, dass Rehhagel, der zu der Zeit Hertha BSC trainierte, vom späteren SPD-Fraktionsvorsitzenden Thomas Oppermann gefragt worden sei, ob er zusätzlich zur Aufgabe beim Berliner Traditionsverein auch noch den FC Bundestag trainieren wolle. Oppermann und Rehhagel sahen sich genötigt, das Gerücht öffentlich zu dementieren.

Zurück ins Training in der Bundestagshalle: Es gibt an diesem Abend wohl kaum einen Ort im und um den Bundestag, in dem Parteien eine nebensächlichere Rolle spielen als hier. Fraktionsübergreifend wird gekickt, geschwitzt und anschließend geduscht. Dann geht es gemeinsam zur dritten Halbzeit. Aber das wäre eine eigene Geschichte wert.

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