Handwerk
Wo Mozarts Violine ihre Wurzeln hat: Zu Besuch bei einem Geigenbauer mit Tradition
Über dem schmalsten Haus von Mittenwald steht in großen Lettern: „Anton Sprenger – Geigenbaumeister“ . Oben, im ersten Stock, hat er seine Werkstatt eingerichtet – zwei Fenster breit –, unweit des Hauses, in dem vermutlich eines der Instrumente entstanden ist, das bis heute eine herausragende Rolle in der Musikwelt spielt: Mozarts Konzertgeige. „Er hat darauf alle fünf Violinkonzerte komponiert und ist mit ihr als Solist aufgetreten“, sagt Sprenger.
Das Instrument des Ausnahmekomponisten, der 27. Januar seinen 270. Geburtstag gefeiert hätte, stammt nach Sprengers Angaben von Sebastian Klotz II, mit dem er über seine Urgroßmutter verwandt ist. Es dürfte zu Beginn des 18. Jahrhunderts gebaut worden sein. Als Mozart Salzburg verließ, überließ er seine Konzertvioline seiner Schwester Maria Anna, die sie später verkaufte. 1956 erwarb die Stiftung Mozarteum das Instrument. Heute ist es in einer Vitrine im Wohnhaus Mozarts in Salzburg ausgestellt. Sprenger selbst hat die Geige noch nie in Händen gehalten oder gar gespielt.
Das habe für ihn aber auch keine überragende Bedeutung, sagt der 57-Jährige. Er betrachte das Leben im kulturellen und historischen Zusammenhang, und genau das habe ihn dazu bewogen, in die Fußstapfen seiner Vorfahren zu treten.
Anton Sprenger möchte seine Spuren in der Welt der Geigenbauer hinterlassen.
Schon früh stand Sprengers Berufung fest: Bereits mit acht Jahren begann er Geige zu spielen. Nach der Realschule besuchte er dreieinhalb Jahre die weltberühmte Geigenbauschule seiner Heimatstadt und sammelte anschließend Erfahrung als Geselle in renommierten Werkstätten Europas – unter anderem in Den Haag. 1995 legte er die Meisterprüfung in Mittenwald und Weilheim ab und eröffnete im selben Jahr gemeinsam mit seinem inzwischen verstorbenen Cousin Leo Sprenger eine Meisterwerkstatt. 2008 kaufte er das Haus Im Gais 10, in dem heute seine Werkstatt untergebracht ist. Nur wenige Meter entfernt, im Haus Nummer 16, soll sein Vorfahre Sebastian Klotz II die Konzertgeige von Wolfgang Amadeus Mozart gebaut haben .
Viele seiner Kollegen kämen aus der Musik oder hätten sich für den Beruf entschieden, weil sie gern mit Holz arbeiten. Seine Priorität sei jedoch, ein fester Bestandteil Mittenwalds zu sein und Spuren in der fast 340-jährigen Traditionsgeschichte des Geigenbaus zu hinterlassen – einer Geschichte, die sein Vorfahre Matthias Klotz begründet hat. Anton Sprenger möchte Instrumente bauen, die auch noch in 500 Jahren gespielt werden können.
„Mit dem Instrument kann ich mir ein Denkmal setzen“, sagt er. So wie sein Vorfahre: Der 1653 in Mittenwald geborene Matthias Klotz verließ als 14-Jähriger seine Heimatstadt – drei Jahre vor Mozarts Geburt – und arbeitete in Italien als Geigenbauer. Von dort brachte er die Kunst zurück nach Mittenwald. Er war nur neun Jahre jünger als Stradivari. „Damals waren sie auf Augenhöhe. Heute ist es so, dass keine Stradivari unter zwei Millionen Euro wert ist, und die von Matthias Klotz vielleicht ein Prozent davon“, sagt Sprenger.
Mittenwald hat Klotz ein Denkmal gesetzt: Nur wenige Schritte von Sprengers Werkstatt entfernt, am Fuße des Turms der Pfarrkirche St. Peter und Paul, sitzt der Begründer der Mittenwalder Geigenbautradition mit einer Geige in den Händen auf einem Sockel. Sprenger, sein Nachkomme in zehnter Generation, wirkt in der Kirche im Orchester mit – auf selbst gebauten Geigen.
Mehr als 300 Instrumente hat Sprenger bislang gebaut. Einige davon stehen im Verkaufsraum gegenüber seiner Werkstatt. Die Preise liegen zwischen 3000 und 12.000 Euro.
„Natürlich sind darunter nicht nur High-End-Instrumente“, sagt er. Es sei eine Mischkalkulation; er repariere auch alte Geigen.
Einer Auftragsarbeit konnte er nicht widerstehen
Ambitionierte Laien und Orchestermusiker kaufen seine Instrumente – weltbekannte Virtuosen jedoch nicht. Die spielten meist historische Geigen, die durch geschicktes Marketing bevorzugt würden. Allerdings, meint Sprenger, seien die Geigenbauer heute so gut wie noch nie. Er deutet auf eine Computertomographie einer Stradivari auf seinem Arbeitstisch: „Es gibt praktisch keine Geheimnisse mehr im Bau. Der Unterschied ist, wie viel Liebe ich in die Arbeit stecke.“ Wenn er an einer Geige arbeitet, schaut er nicht auf die Uhr.
Auftragsarbeiten nimmt er selten an. „Ich liebe es, wenn jemand zu mir kommt, genügend Auswahl hat und sich dann in eine Geige verliebt“, sagt er. Manchmal lasse er sich jedoch überreden – etwa vom Chefarzt der Gefäßchirurgie in Garmisch-Partenkirchen, dem er eine Geige aus Zirbelholz baute. „Der hat nicht locker gelassen.“ Das Holz sei zu weich dafür, doch Sprenger habe es mit Naturharzen gehärtet. Es dürfte die einzige Zirbelholzgeige auf Weltniveau sein, meint er. Er baut nach dem Cremoneser Prinzip über ein Formbrett. Die Decke – das Holzstück mit den F-Löchern – besteht normalerweise aus Weichholz, meist Fichte; der Hals mit der Schnecke aus Hartholz, meist Ahorn – wie auch Boden und Zargen.
„Eine Geige zu bauen ist das Nachhaltigste, was es überhaupt gibt“, erklärt Sprenger. Er zeigt auf eine mit millimeterfeinen Jahresringen aus Alpenfichte, die mehr als 250 Jahre im Wald gewachsen ist. „Da war sie schon am Absterben, hätte zu Kompost zerfallen können oder wäre verheizt worden.“ Wenn er daraus eine Geige baue, werde das Leben des Baumes in die Ewigkeit verlängert. „Solange sich die Erde dreht, werden die Instrumente funktionieren.“
In diesem Moment tritt ein kleiner Junge mit seinem Großvater in die Werkstatt. „Ich möchte eine alte Geige schätzen lassen“, sagt der Großvater und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Vielleicht ist es eine Stradivari.“
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