Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Wie Extremisten auf TikTok Jugendliche ködern

Nachwuchs: Im Netz sprechen rechte Organisationen gezielt Jugendliche an. Gemeinsame Demos und Grillabende sollen das Gemeinscha
Nachwuchs: Im Netz sprechen rechte Organisationen gezielt Jugendliche an. Gemeinsame Demos und Grillabende sollen das Gemeinschaftsgefühl fördern.

Über Plattformen wie TikTok suchen Extremisten gezielt den Kontakt zu Kindern und Jugendlichen. Eine Beratungsstelle in Mainz klärt auf und unterstützt Familien.

Tim ist 16. Zierlich, schüchtern, eher ein Einzelgänger. Mehrere Stunden am Tag scrollt der Schüler durch TikTok. Besonders fesseln ihn Kurzvideos zu Themen wie Kraftsport und Männlichkeit. Irgendwann bekommt Tim eine Nachricht. Ob er sich nicht einer privaten Whatsapp-Gruppe anschließen will? Die Mitglieder teilen Bildchen und Beiträge. Oft geht es darin um Themen wie Überfremdung, Genderideologie, Rassismus und Nationalsozialismus, aber auch um den Schutz der deutschen Heimat und Kultur. Als jemand vorschlägt, sich weiter auf der Plattform Telegram auszutauschen, schließt der 16-Jährige sich auch dieser Gruppe an. Die Inhalte werden radikaler, die Hemmschwelle sinkt. Man verabredet, in der eigenen Stadt jeweils Sticker mit rechten Parolen zu verteilen, demonstriert gemeinsam gegen den Christopher-Street-Day, trifft sich zu Grillabenden, zum Wandern oder Kampfsport.

Tim gibt es so nicht. Um die Anonymität ihrer Klienten zu schützen, haben Mitarbeiter des Demokratiezentrums Rheinland-Pfalz aus ihrer Beratungspraxis ein – durchaus realistisches – Fallbeispiel konstruiert. Unter dem Dach des Zentrums gibt es ein breites Unterstützungs- und Präventionsangebot für verschiedene Zielgruppen wie pädagogische Fachkräfte, Lehrer und Eltern, aber auch für Opfer von Hass, Hetze und Gewalt. Drei Programme befassen sich – mit unterschiedlichem Fokus – gezielt mit der Radikalisierung Jugendlicher. Distanzierungsberatung nennt sich etwa das Angebot von „Rückwege“. Zielgruppe: junge Menschen auf der Schwelle zum Rechtsextremismus. Wie im fiktiven Beispiel von Tim.

Immer jünger, immer radikaler

Der rheinland-pfälzische Verfassungsschutz sieht insbesondere im Rechtsextremismus und Islamismus einen Trend hin zu immer jüngeren Akteuren, die sich zunehmend häufiger „in einem bereits fortgeschrittenen Radikalisierungsstadium“ befinden. Im aktuellen Verfassungsschutzbericht ist die Rede von einer „Radikalisierung im Kinderzimmer“. Ein Phänomen, das auch Beratungsstellen seit Jahren mit Sorge beobachten. „Unsere Klientel wird immer jünger“, bestätigt Petra Fliedner, Leiterin des Demokratiezentrums.

Zentral ist dabei die bei Minderjährigen enorm beliebte Kurzvideoplattform TikTok, als Unterhaltungsmedium, Messengerdienst und Nachrichtenquelle, aber häufig eben auch als Leitmedium der jungen Generation, dessen Algorithmus bestimmt, welche personalisierten Inhalte dem Nutzer zugespielt werden. Wer bestimmte Videos anschaut oder liked, bekommt immer mehr davon. Grundsätzlich nutzen auch linksextreme Gruppen diese Mechanismen. Sie spielen allerdings nach Ansicht der Verfassungsschützer im eher ländlich geprägten Rheinland-Pfalz eine „vergleichsweise geringe“ Rolle.

Das deckt sich mit der Erfahrung in den mit insgesamt 6,5 Stellen ausgestatteten Beratungsstellen des Demokratiezentrums. Im vergangenen Jahr gab es dort keinen Fall aus dem linksextremen Spektrum. Bei „Rückwege“ wurden 2025 etwa 32 Fälle von Jugendlichen auf der Schwelle zum Rechtsextremismus teils über einen längeren Zeitraum betreut, im Programm „Rauswege“, das aktive Rechtsextreme beim Ausstieg aus der Szene unterstützt, waren es fünf. Islamistische Radikalisierung nimmt die Beratungsstelle „Salam“ in den Blick. 2025 hat sie 40 Fälle begleitet. Auch hier sind Klienten immer jünger.

Quer durch alle gesellschaftliche Schichten

Die Wege, wie radikalisierte Jugendliche und junge Erwachsene in die Beratungsstelle kommen, sind so unterschiedlich wie deren Biografien. Unter ihren weit überwiegend männlichen Klienten sind Gymnasiasten und Berufsschüler, Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen ebenso wie aus Familien, die der Mittel- und Oberschicht zugezählt werden. Gewalterfahrung, Gruppendruck, Ausgrenzung oder ideologische Denkmuster im Elternhaus können Risikofaktoren sein, müssen aber keine Rolle spielen. Das Gros der Klienten ist zwischen 14 und 20 Jahre alt.

Oft kommt der erste Kontakt bei „Rückwege“, wie auch bei dem auf Islamismus spezialisierten Programm „Salam“, über einen Vermittler. Eltern, Schulsozialarbeiter, Lehrer und Erzieher sind häufig die Ersten, denen veränderte Einstellung und Äußeres auffallen und die sich an die Beratungsstellen wenden. Ist der Jugendliche selbst nicht bereit für ein Treffen, geben die Fachleute Hinweise, wie man als Bezugsperson mit ihm sprechen kann.

Auch Justiz und Staatsschutz weisen auf das Angebot hin und können eine Teilnahme an der Beratung zur Auflage machen. Eine Strafanzeige, etwa wegen rechtsextremer Posts und Kommentare, oder eine Hausdurchsuchung im Kinderzimmer zeigen aus der Erfahrung der Berater oft nachhaltig Wirkung: „Das ist dann ein Punkt, wo viele merken: Hier läuft was in die falsche Richtung. Das, was ich tue, hat Konsequenzen“, sagt einer der Mitarbeiter des Demokratiezentrums. Der Mitte 50-Jährige ist gemeinsam mit einer jungen Kollegin zum Gespräch mit der RHEINPFALZ am SONNTAG ins Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung in Mainz gekommen. Unter dem Dach der Behörde vernetzt das Demokratiezentrum landesweite Initiativen und Organisationen zur Förderung von Vielfalt und gegen Extremismus. Ihre Namen nennen die Aussteigerberater bewusst nicht, zu Treffpunkten mit Klienten fahren sie nur im Dienstwagen. Gewalttätige Angriffe auf das Team habe es bisher nicht gegeben. „Aber durchaus bedrohliche Situationen“, sagt Leiterin Fliedner.

„Das Feld nicht KI überlassen“

Die Beratungstermine dauern häufig zwei Stunden und länger. Fliedner und ihren Kollegen ist wichtig: „Wir sind nicht die Polizei, unsere Gespräche sind vertraulich. Bei uns muss man keine Sanktionen befürchten.“ Zuhören, nachfragen, eine Beziehung aufbauen, in den Dialog kommen, um schließlich gemeinsam Zukunftsperspektiven und Ziele zu erarbeiten, das ist für die Mitarbeiter zentral. „Wir können auch krasse Meinungen aushalten“, sagt einer von ihnen. Wichtiger als ein Duell der Argumente sei die Frage, was hinter der Haltung des Einzelnen und seinem Erleben in der Gruppe stecke. Er beobachtet: Viele fasziniert das Gefühl, Teil einer größeren Bewegung zu sein, einen Beitrag im ideologisch aufgebauten „Kulturkampf“ zu leisten. Häufig gehe es um die Suche nach Identität und Selbstwirksamkeit. „Sie glauben, sie wirken an einem Projekt mit, das die Welt besser macht.“

Die Gespräche, die sich meist über mehrere Termine ziehen, seien intensiv, teils existenziell. „Wir setzen Irritationsmomente“, beschreibt die junge Beraterin den Vorgang, im Laufe dessen sich die Sichtweise der Klienten im besten Fall erweitere. Auch wenn Wirkung und Erfolg des Angebots schwer statistisch zu erfassen sind, ist sie wie der Kollege überzeugt: „Unsere Arbeit wirkt.“ Wer ihre Unterstützung in Anspruch nimmt, sei in der Regel auch offen dafür. Und die Anonymität im Netz erleichtere den Ausstieg.

„Wir merken, den Jugendlichen ist es wichtig, sich mit jemanden auszutauschen. Vielleicht fehle eine solche Gesprächsmöglichkeit zu oft“, sagt der ältere Kollege. Er will Eltern und Fachkräfte ermutigen, sich mit der Lebenswelt der jungen Leute auseinanderzusetzen. Deren Fragen seien wichtig und spannend. „Wir sollten dieses Feld nicht sozialen Medien und der KI als Ratgeber überlassen.

Kontakt

Infos zum Präventions- und Beratungsangebot des Demokratiezentrums gibt es im Netz unter www.demokratiezentrum.rlp.de.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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