Beweger RHEINPFALZ Plus Artikel Wie der Malaria-Erreger entdeckt wurde

Eine Mücke der Gattung Anopheles gambiae.
Eine Mücke der Gattung Anopheles gambiae.

Noch immer fordert die Tropenkrankheit 600.000 Tote jährlich. Den Grundstein für die Bekämpfung des Mückenfiebers legte vor über 100 Jahren der britische Arzt Ronald Ross.

Mein Mikroskop war beinahe abgenutzt. Die Schrauben waren verrostet vom Schweiß meiner Hände und meiner Stirn und mein einziges verbliebenes Okular war brüchig“, schreibt Ronald Ross im Sommer 1897. „Schwärme von Fliegen verfolgten mich, und zu ihrer Freude saß ich da und bediente mit beiden Händen das Instrument.“

Stunde um Stunde, Tag für Tag sitzt Ross in seinem kleinen Labor im indischen Secunderabad und seziert Stechmücken. Der Mediziner ist überzeugt davon, dass die Moskitos eine Schlüsselrolle bei der Übertragung von Malaria spielen. Und steht dennoch kurz vor dem Verzweifeln, weil er den Krankheitserreger in den Insekten noch nicht nachweisen kann. „Die Krankheit war da, die Moskitos waren da – wie konnte es sein, dass ich nichts fand?“

Ross ist nicht der erste Wissenschaftler, dem die Malaria Rätsel aufgibt. Ihren Namen hat die Krankheit dem italienischen Arzt Francesco Torti zu verdanken. „Mal’aria“ nennt er Anfang des 18. Jahrhunderts jenes rätselhafte Wechselfieber, das damals nicht nur in den Tropen auftritt, sondern auch mitten in Europa, sogar am Rhein. Vor allem im Sommer und vor allem in sumpfigen Gebieten mit vielen stehenden Gewässern.

Große Epidemien löst die Krankheit allerdings nicht aus, eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch wie etwa bei Grippe, Masern, Tuberkulose oder Lungenpest scheint es nicht zu geben. Torti vermutet Miasmen als Übertragungsweg, üble Dünste, die seit der Antike als Auslöser diverser Krankheiten gelten. Daher auch der Name Malaria: Er bedeutet schlechte Luft.

Schlechte Luft soll das Fieber auslösen

Die Miasmen-Theorie hält sich bis ins 19. Jahrhundert – auch wenn immer mehr Naturwissenschaftler Zweifel daran haben. Etwa der deutsche Anatom Friedrich Gustav Jakob Henle, ein Lehrer von Robert Koch. Henle formuliert 1840 als einer der ersten die Hypothese, dass Malaria und andere Infektionskrankheiten von mikroskopisch kleinen Lebewesen verursacht werden, den Mikroorganismen.

1880 entdeckt schließlich der Franzose Charles Louis Alphonse Laveran im Blut von Patienten den Erreger der Malaria: Es sind Plasmodien, einzellige Parasiten. Aber wie genau diese Parasiten ihren Weg in den menschlichen Körper finden, kann auch Laveran nicht sagen. Er vermutet, dass Moskitos bei der Übertragung eine Rolle spielen könnten.

In Mitteleuropa kommt die Malaria Ende des 19. Jahrhunderts kaum noch vor, Flussbegradigungen und der Trockenlegung von Sümpfen sei Dank. In den Tropen hingegen erkranken jedes Jahr Zigtausende. Etwa in Indien. Hier wird Ronald Ross im Mai 1857 geboren, als ältestes von insgesamt zehn Kindern eines schottischen Generals und dessen englischer Frau.

Die ersten acht Jahre seines Lebens verbringt Ross in Indien, ehe er zu Verwandten geschickt wird, die auf der Isle of Wight leben. Der junge Ronald begeistert sich für Mathematik, aber auch für Sprachen, Literatur und Musik, schreibt gern Gedichte, später Theaterstücke und Romane. Dennoch entschließt er sich nach seinem Schulabschluss, Medizin zu studieren, berichtet Forscherin Medhavi Malpe in einem Beitrag über Ross im Fachblatt „Cureus“.

Blind hineingestochert in den Nebel

1881 tritt Ross als Militärarzt dem Indian Medical Service bei, so Gordon C. Cook in seinem Buch „Tropical Medicine. An Illustrated History of the Pioneers“. Mit Malaria-Fällen ist Ross also regelmäßig konfrontiert, zum Zentrum seiner Arbeit macht er die Tropenkrankheit allerdings erst in den 1890er Jahren.

Den entscheidenden Denkanstoß gibt ihm sein Mentor, der schottische Parasitologe Patrick Manson. Im November 1894, schreibt Ross 1902 in „Researches on malaria“, teilt Manson einen Verdacht mit ihm: Könnte es sein, dass Stechmücken den Erreger der Malaria übertragen? Es ist ein Gedanke, der Ross nicht mehr loslässt.

Im folgenden Jahr ist der Mediziner zurück in Indien. In Secunderabad, wo er stationiert ist, macht er sich an die Arbeit. Er sammelt Stechmücken – die Arten kann er gar nicht bestimmen, nur ihr Aussehen beschreiben –, zieht ihre Larven heran, entlässt sie in ein Moskitonetz, unter dem ein Malaria-Patient liegt, fängt die Mücken wieder ein, nachdem sie „gefressen“ haben. Und seziert sie dann, manche nach ein paar Stunden, manche nach ein paar Tagen.

Wonach genau er sucht, wo genau der Erreger im Moskitokörper stecken könnte – Ross hat keine Ahnung, gibt er rückblickend zu, er stochert im Nebel, in der Hoffnung auf einen entscheidenden Hinweis. Der lässt jedoch auf sich warten – alle Tests, die Ross durchführt, sind negativ. Könnte es sein, fragt er sich, dass er bisher noch nicht die richtige Moskitoart erwischt hat? Ist die vielleicht eher selten – oder tritt sie nur zu einer bestimmten Jahreszeit auf?

Moskitos mit gefleckten Flügeln

1897 fallen Ross schließlich zum ersten Mal Stechmücken auf, die er „dappled-winged mosquitoes“ nennt, Moskitos mit gesprenkelten Flügeln. Dass es sich um die Gattung Anopheles handelt, erfährt er erst später, nach seinem Durchbruch am 20. August 1897.

Am Nachmittag jenes Sommertages sitzt Ross mal wieder im Labor, die Augen sind schon müde von der Arbeit am Mikroskop. Unter dem liegt, wie so oft, ein Moskito, der zuvor einen Malaria-Patienten stechen und dessen Blut saugen durfte. Sorgfältig seziert er ihn. „Jede Zelle wurde durchsucht, und zu meiner großen Enttäuschung fand sich nichts.“

Ross will die Untersuchung schon abbrechen, als er im Magen des Insekts eine runde Zelle bemerkt, kaum zu unterscheiden von den umliegenden Zellen. Dennoch sagt ihm sein Instinkt: Das ist etwas Neues. Im Innern der Zelle entdeckt Ross schließlich „einige Körnchen einer schwarzen Substanz, die exakt dem Pigment des Malaria-Parasiten glich“.

Ross hat es geschafft: Er kann endlich nachweisen, dass Moskitos Malaria übertragen. Für den Mediziner endet damit die „Zeit des Zweifels, das Tappen im Dunkeln“. Die „Tür flog auf, der Weg führte vorwärts mitten ins Licht“. Kurz darauf veröffentlicht der Mediziner einen ersten Artikel über seinen Fund.

Vögel erwischt es ebenfalls

Für Ross ist es damit freilich nicht getan. Er forscht weiter zur Malaria, allerdings, wie er betont, unter erschwerten Bedingungen, denn er wird als Militärarzt immer wieder versetzt – und nicht immer an Orte, an denen Malaria vorkommt, zumindest nicht beim Menschen. Er weicht daher auf Vögel aus. Und kann an ihnen schließlich den Infektionskreis der Vogelmalaria nachweisen.

1899 beschließt er, Indien zu verlassen und mit seiner gesamten Familie – er und seine Frau Rosa Bessie Bloxam haben vier Kinder – nach England zurückzukehren. Vor seiner Abreise appelliert er noch an die Regierung in Indien, Vorsorgemaßnahmen zu treffen, um die Malaria einzudämmen, etwa durch die Verwendung von Moskitonetzen.

In England forscht und unterrichtet Ross an der Liverpool School of Tropical Medicine, reist aber auch als Berater in Malaria-Gebiete, etwa nach Sierra Leone, und entwickelt mathematische Modelle zur Ausbreitung der Krankheit. 1912 wechselt er ans King’s College and Hospital in London, eher er Direktor des nach ihm benannten Instituts für Tropenkrankheiten wird. Dort stirbt er 1932 nach langer Krankheit.

Die größte Ehrung seiner Karriere ist da bereits 30 Jahre her: Für seine Malaria-Forschung erhält Ross 1902 den Medizin-Nobelpreis – und zwar allein, obwohl das Nobelpreis-Komitee zuvor überlegt hat, neben Ross auch dessen wissenschaftlichen Konkurrenten Giovanni Battista Grassi auszuzeichnen.

Ein Nobelpreis für sich allein

Der italienische Arzt und Zoologe forschte ebenfalls zur Malaria und konnte – fast zeitgleich zu Ross’ Entdeckungen bei Vögeln – zeigen, dass die Krankheit beim Menschen ausschließlich durch weibliche Anopheles-Stechmücken übertragen wird. Das führte zu einem jahrelangen Streit zwischen den Forschern, wem denn nun der entscheidende Durchbruch gelungen war. Ross warf seinem Kontrahenten Grassi sogar Betrug vor – und verhinderte so, sich den Nobelpreis teilen zu müssen.

Neben dem Wohl der Menschen motivierte Ronald Ross noch etwas anderes bei seiner Forschung – er sah die Malaria vor allem durch die koloniale Brille, als Hindernis beim Voranschreiten der Zivilisation in den Tropen, wie er es 1902 formulierte: „Dort streckt sie nicht nur die einheimische barbarische Bevölkerung nieder, sondern auch, mit noch größerer Gewissheit, die Pioniere der Zivilisation, den Pflanzer, den Händler, den Missionar, den Soldaten.“ Das mache die Malaria zur „wichtigsten und größten Verbündeten der Barbarei“, von der man beinahe sagen könne, sie enthalte der Menschheit einen ganzen Kontinent und dessen Schätze vor: Afrika.

Bis heute ist Afrika am stärksten von Malaria betroffen, sagt das Robert-Koch-Institut. Rund 90 Prozent der Fälle weltweit werden in Afrika registriert. Unter den rund 600.000 Todesopfern, die die Krankheit weltweit pro Jahr fordert, sind vor allem Kinder unter fünf Jahren.

Inzwischen gibt es jedoch mehrere Impfstoffe gegen Malaria, sodass in 19 afrikanischen Ländern Kinder routinemäßig gegen das Wechselfieber immunisiert werden können, wie die Unicef berichtet. Die alleinige Lösung im Kampf gegen die Krankheit seien die Impfstoffe jedoch nicht, so das Kinderhilfswerk. Medikamentöse Vorbeugung und Moskitonetze haben also noch lange nicht ausgedient.

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Jahrelang untersucht Ronald Ross Stechmücken unter dem Mikroskop, Tag für Tag. Die Suche nach dem Malaria-Erreger bringt ihn bei
Jahrelang untersucht Ronald Ross Stechmücken unter dem Mikroskop, Tag für Tag. Die Suche nach dem Malaria-Erreger bringt ihn beinahe zur Verzweiflung. »Die Krankheit war da, die Moskitos waren da – wie konnte es sein, dass ich nichts fand?« Der Durchbruch gelingt ihm schließlich am 20. August 1897. Von da an nennt er den 20. August nur noch den »Mosquito Day«.
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