Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Wie dem „Sänger des Pfälzerwaldes“ die Nase gerichtet wird

Nicht nur die Büste von Fritz Claus wird Kunstschmied Thomas Edrich erhalten, sondern auch manches Einschussloch darauf. Geschic
Nicht nur die Büste von Fritz Claus wird Kunstschmied Thomas Edrich erhalten, sondern auch manches Einschussloch darauf. Geschichtsspuren, sagt der Restaurator dazu.

Thomas Edrich hat ein Herz für stumme Zeitzeugen. Als geprüfter Restaurator sorgt der Schmiedemeister aus Rodalben dafür, dass alte Handwerkskunst erhalten wird.

Der alte Herr, der in der Rodalber Werkstatt von Thomas Edrich auf einem großen Arbeitstisch thront, hat einiges mitgemacht. Nicht nur Wind und Wetter, auch Jägersleute haben ihm zugesetzt: Mindestens zwei Löcher legen nahe, dass ein Waidmann wohl seine Brille zur Pirsch vergaß und die Büste des alten Herrn für ein scheues Reh hielt. Die Löcher im Metall sollen bleiben, stellt Schmiedemeister Thomas Edrich fest – es sind Geschichtsspuren. Eine andere Spur soll hingegen beseitigt werden: die einseitig eingedrückte Nase, vermutlich durch einen umgestürzten Baum verursacht. Auch wenn ein Denkmal so erhalten werden soll, wie es vorgefunden wird, kann der Restaurator das eine oder andere grade rücken.

Zumal dieser alte Herr ein Pfälzer Promi war, bekannt als Fritz Claus, „Sänger des Pfälzerwaldes“. Unter diesem Pseudonym arbeitete der katholische Pfarrer Johann Martin Jäger, 1853 geboren in Martinshöhe und 1923 gestorben in Edenkoben, als Schriftsteller und Mundartdichter. Er gehörte zu den Mitbegründern des Pfälzerwald-Vereins, weswegen einige Hütten seinen Namen tragen.

Ende Januar hat Thomas Edrich das Denkmal bei Leimen abgebaut, wo es 1906 montiert worden war. Einmal die Büste des Dichters sowie eine 1,80 Meter breite und knapp ein Meter hohe Gedenktafel aus Stahlblech, auf der gusseiserne Buchstaben beschreiben, wer hier geehrt wird. Beides restauriert er im Auftrag der Gemeinde Leimen, in Abstimmung mit dem Denkmalschutz.

Keine komplette Erneuerung

Thomas Edrich ist speziell dafür ausgebildet, hat nach seiner Meisterprüfung die zweijährige Fortbildung zum „Geprüften Restaurator im Handwerk“ (Bachelor) absolviert. Die steht Meistern bestimmter Handwerksberufe offen und ist berufsbegleitend möglich an spezialisierten Akademien und Handwerkskammern. Laut Zentralverband des Handwerks haben diese seit den 1980er-Jahren bundesweit über 5000 Meister absolviert. Vermittelt wird fachübergreifendes Wissen aus Denkmalpflege, Kulturgeschichte, Stilepochen, Naturwissenschaften ebenso wie spezielle Materialkunde oder historische Handwerkstechniken.

Denn Restaurieren im Sinne der Denkmalpflege bedeutet nicht, dass ein altes Bauwerk oder Möbelstück komplett „erneuert“ wird. Restauratoren, erklärt Edrich, stellten sicher, dass der Verfall eines Werkes nicht fortschreitet. Dabei werden Spuren der Zeit, die das Objekt verändert haben, in der Regel so belassen. Ausnahmen gibt es. Etwa, wenn Beschädigungen zu Verletzungen führen könnten oder wenn es ein originales Vorbild gibt. Was zu tun ist, muss immer im Einzelfall überlegt werden.

Der „Alte Fritz“ aus der Pfalz

Eine Restaurierung beginnt mit einer Reise in die Vergangenheit. Wer hat das Objekt wann erschaffen, welchen kulturellen oder historischen Wert hat es? Welche Werkstoffe und Techniken aus jener Stilepoche wurden verwendet, welche Patina ist auf einem Möbelgriff zu finden, wie wurde das Metallfenster eingebaut? Alles wird akribisch untersucht und dokumentiert, schriftlich und mit vielen Fotos. Der Restaurator bewertet Bedeutung, Zustand und Erhaltungsfähigkeit des Objekts und erstellt ein Konzept, das mit Auftraggeber und Denkmalamt abgestimmt wird. Dann beginnt die praktische Arbeit, die auch ausführlich dokumentiert wird.

Jeder Buchstabe auf der Tafel mit der Widmung wird bearbeitet.
Jeder Buchstabe auf der Tafel mit der Widmung wird bearbeitet.

Der „Alte Fritz“ aus der Pfalz ist bereit. Das Konzept steht im Wesentlichen. Zwischen 320 und 350 Arbeitsstunden dürfte er für diesen Auftrag benötigen, hat Thomas Edrich geschätzt. Die Kosten im fünfstelligen Bereich stehen noch nicht ganz fest – manches wie etwa die Verwendung von Blattgold bei den Buchstaben auf der Tafel war zunächst unklar.

Überhaupt die Buchstaben. Die sind sichtbar gealtert, mancher ist beschädigt, mancher fehlt, Farbe ist abgeblättert, die Schrift wurde mehrmals überstrichen. Jeden der über 30 vorhandenen Buchstaben muss Edrich behutsam bearbeiten. Zuerst legt er mit kleinen Spezialbürsten die insgesamt drei Lagen frei, säubert alles, schweißt Zerbrochenes, rekonstruiert Fehlendes. Vorlagen dafür hat er: die Abdrücke der Buchstaben auf der Tafel. Die zeichnet er ab und fertigt zunächst Modelle aus Gips. Feinarbeiten, die ein gutes Auge fürs Detail erfordern. Für Edrich keine große Herausforderung. Alles machbar, sagt er. Tüfteln muss er aber bei der Dichterbüste. Um der eingedellten Nase wieder eine Form zu geben, wird er sich selbst Werkzeug bauen. Manche Beule bleibt Herrn Claus aber erhalten – Geschichtsspuren eben, mit denen ein Restaurator gut leben kann.

„Das hat schon wehgetan“

Nicht bei allen Aufträgen ist das so. Bei einem Privatkunden hat Edrich einmal alte Fenster restauriert und festgestellt, dass die schon mal renoviert wurden, wenig fachkundig: Da sei ein völlig unpassendes Teil aus dem Baumarkt verbaut worden. Hausmeister Krause sei da am Werk gewesen, stellt der echte Meister fest. Er musste am Ende das Fenster samt Baumarkt-Teil restaurieren. „Das hat schon wehgetan“, sagt Edrich.

Der 54-Jährige ist Kunstschmied mit Leib und Seele, hat sich inzwischen voll auf das Restaurieren konzentriert – ob es sich um alte Tore und Zäune, um Fenster, Wetterfahnen, Kirchen-Tabernakel oder Denkmäler handelt. Auftraggeber sind Einrichtungen wie die Pfalzgalerie, für die er gerade Fenster aus den 1950er-Jahren restauriert hat. Aber auch Privatleute und andere Restauratoren: In Düsseldorf arbeitet er etwa seit Jahren an der Restaurierung eines alten Gutshauses mit, für einen Zimmerer aus Bayern hat er Nägel nach historischem Vorbild gefertigt.

Akuter Mangel an Arbeitskräften

Aufträge hat Edrich genug. Schon fast zu viele für einen Ein-Mann-Betrieb. Denn Restauratoren sind gesucht: Das Auftragspotenzial sei langfristig stabil, stellt der Handwerksverband fest, weil immer mehr historische Gebäude und Objekte erhalten werden müssten. Sorge bereitet der Fachkräftemangel: Fast zwei Drittel von über 400 befragten Betrieben klagten bereits 2024 über einen akuten Mangel an Arbeitskräften.

Für das Handwerk wirbt auch Thomas Edrich. Er engagiert sich im Verein „Restauratoren im Handwerk“, dem bundesweit rund 370 Meister verschiedener Gewerke angehören. Die Landesgruppe Rheinland-Pfalz, Saarland und Hessen, deren Sprecher Edrich ist, zählt 67 Mitglieder: Maler und Lackierer, Maurer, Schreiner und Zimmerer, Raumausstatter, Stuckateure, Steinmetze, Metallbauer.

Nicht jeder Restaurator ist im Verein organisiert, eine vollständige Liste für die Pfalz gibt es nicht. Aber Nicole Ulrich von der Beratungsstelle für Formgebung und Denkmalpflege bei der Handwerkskammer der Pfalz arbeitet daran. Sie wolle ein kunsthandwerkliches Netzwerk schaffen, sagt die Architektin. Ein Social-Media-Kanal befindet sich gerade im Aufbau.

Was der Dichter Fritz Claus zu Instagram & Co. gesagt hätte, wissen wir nicht. Aber dass Pfälzer sich miteinander verbinden, hätte er vermutlich begrüßt.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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