Kommunikation RHEINPFALZ Plus Artikel Wie bleiben wir auch mit Andersdenkenden im Gespräch?

Hörst du mir zu? Wer den Kontext des Gesprächspartners nicht bedenkt, kann ihn verbal erreichen und doch an ihm vorbeireden.
Hörst du mir zu? Wer den Kontext des Gesprächspartners nicht bedenkt, kann ihn verbal erreichen und doch an ihm vorbeireden.

Wer Gehör schenkt, überwindet Grenzen. Aber soll und kann man sich allem und jedem öffnen? Auch der AfD? Gedanken über Kommunikation.

Vor Kurzem schrieb Herr K. einen Leserbrief. Es ging um Trump, den er durch die Zeitung – und mich und meine Texte – zu Unrecht verunglimpft fand. Er, Herr K., wolle, schrieb er, wenn er bald wieder in den USA sei, seiner Verwandtschaft vorlesen, was „man“ in Deutschland so über deren gewählten Präsidenten denke und schreibe sogar. Es klang wie eine leise Drohung. Seither herrscht zwischen uns reger Mailverkehr. Erst tauschten wir Argumente aus. Trump sei nun mal ein „Unternehmer“, unmessbar an den üblichen politischen Kategorien, schrieb Herr K., schon etwas kulanter. Und ich erwiderte: Leider sei der nun einmal im Amt eines dem Gemeinwohl verpflichteten Staatspräsidenten. Mittlerweile schicken wir uns im Wesentlichen kommentierte Links von Texten hin und her.

Wohlwollend – und wohl hoffend und immer mit einem unausgesprochenen „Ja, aber“. Zu Elon Musk und der Welt. Die Positionen sind immer konträr. Herr K. ist eben anderer Meinung.

Lieber Mafia als Staat

K. meint wie Trumps Vize J. D. Vance, die Meinungsfreiheit sei bei uns in Europa bedroht, nicht in den USA – obwohl dort Menschen wegen Facebookposts festgenommen werden. Er spricht von DIE Deutschen einpferchenden „Meinungskorridoren“ – und schickt gleichlautende Kommentare. Er hält Musks Staatsschrumpfung für im Prinzip nachahmenswert. Und den argentinischen Präsidenten Javier Milei sieht er als erfolgreichen Staatssanierer. Einen Mann also, der mit seinem toten Hund „spricht“ und danach gefragt, bekennt, wenn er die „Wahl zwischen Mafia und Staat“ hätte, würde er sich für die Mafia entscheiden. „Die Mafia hat Verhaltensregeln“, sagte Milei, „sie lernt dazu, sie lügt nicht; und das Wichtigste ist: Die Mafia stellt sich dem Wettbewerb.“

 

Herr K. schreibt, in Argentinien sei mit Milei immerhin die Inflation gesunken. Ich schicke daraufhin einen Text, der die Kosten seiner rigorosen Politik benennt: die wachsende Armut, die Verwerfungen, das soziale Chaos, das er anrichtet. K. schreibt: Lässt sich so oder so sehen.

Geschlossene Weltbilder treffen aufeinander

Es ist interessant: K.s Meinungen scheinen einem geschlossenen Weltbild zu folgen, wie von Algorithmen bestimmt. Sie spiegeln eine in sich schlüssige übergeordnete Erzählung. In dem Sinn: Wer Trump gut findet, findet auch Musk gut. Und Milei. Der findet auch, man dürfe in Deutschland nicht mehr sagen, was man denkt.

Gut möglich, er (oder sie) liest auch „Tichys Einblick“ , „focus online“ und die „Bild“. Kann sein, dass „Shitbürgertum“ auf dem Nachttisch liegt, der im Eigenverlag erschienene Wutanfall von Ulf Poschardt, des Herausgebers der Portale „Politico“ und „Business Insider“ und der „Welt“. Bei Amazon gekauft, der Firma, die Trumps neuem Freund Jeff Bezos gehört.

Bloß keine Abweichung

Und ich vermute stark, dass es sich bei mir, dem Regionalzeitungs-Kulturreporter, Buchhandelskunden, „Süddeutsche“- und „Zeit“-Digitalabonnenten in Sachen denkerischer Stringenz nicht anders verhält – nur eben mit anderen Vorzeichen. In der Sozialpsychologie spricht man von kognitiver Konsonanz. Der Begriff beschreibt, dass man seine Denkstube so organisiert, dass alles zueinander passt. Das erleichtert den Weltzugang. Dagegen wird jede Abweichung als unangenehm empfunden – als kognitiv dissonant.

Früher, ohne Internet, mit drei Fernsehprogrammen und dem konkurrenzlosen Leitmedium Zeitung, gab es zwar auch Meinungsverschiedenheiten. Aber es existierten gemeinsame Gesprächsräume und somit genügend Anknüpfungschancen, um den Diskurs auszutragen. Jetzt ist es so, dass im Netz mühelos aneinander vorbei gelebt und gehetzt werden kann. Gäbe es unsere Zeitung nicht und hätte sie Herr K. nicht abonniert, statt in die sich selbst bestätigenden Blasensphären des Internets abgedriftet zu sein, hätte er keinen Leserbrief geschrieben. Und hätte ich nicht geantwortet, wir und unsere gegenteiligen Meinungen wären uns wahrscheinlich nie begegnet. Sehr viel Konjunktiv.

Ein letzter Hallraum

Wenn man so will, ist die Zeitung also unser letzter Hallraum in einer Gesellschaft, die in sozial-mediale Echokammern zerfällt. Die letzte Chance, unsere Gewissheiten zu irritieren. Der Strukturwandel der Öffentlichkeit ist epochal: vom Idealbild des literarischen Salons, in dem Informierte konkurrierende Meinungen austauschen, zur Realität der Hass-Kloake von Twitter, der Plattform, die jetzt X heißt. Jetzt tobt ein Kampf um das „Gehört werden“. Maximaler Überschuss an Informationen herrscht – bei gleichzeitiger Knappheit der Aufmerksamkeitsressourcen.

Freie Meinungsäußerung für die einen, Hetze für die anderen.
Freie Meinungsäußerung für die einen, Hetze für die anderen.

Das Auseinanderdriften der Gesellschaft jedenfalls ist schon länger Thema des Moments. Was hilft? Scheint so, als hätten wir dringend Redebedarf. Notstand, einander zuzuhören. Es ist ein Zustand, auf den nicht zufällig gerade jetzt zwei neu erschienene Sachbücher reagieren.

Über das Andersdenken

„Dennoch sprechen wir miteinander. Wie ein Familientreffen zu einer Reise durch die Welt der Demagogen wurde“, heißt eine Art Gesprächsprotokollband des Dokumentarfilmers und Autors Stephan Lamby. „Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen“ nennt der Tübinger Medienwissenschaftsprofessor Bernhard Pörksen seine Analyse, wie „innere Gastfreundschaft“ für das Andersdenken abseits von Fertigrezepten und „Versöhnungskitsch“ gelingt.

Manchmal ist es bei der Lektüre, als würden sich beide gegenseitig kommentieren und weitererzählen. Und irgendwie drehen sie sich – auch – um meinen digitalen Brieffreund Herrn K.. Und um mich, sein meinendes Pendant.

Zuhören oder Überhören?

Klar dabei, dass in beiden Büchern Trump und Musk und Milei vorkommen. Und die AfD, kein Wunder, da Lamby von den Ausflüssen des „Präfaschismus“ handelt und Pörksen sich fragt: „Wem überhaupt zuhören? Nur ,den Richtigen’ oder auch ,den Falschen’?“ Dann zitiert er den bald 96-jährigen deutschen Jahrhundertphilosophen Jürgen Habermas, der die AfD am liebsten durch Überhören „dethematisieren“ will.

„Insofern“, schreibt Pörksen, „liegt die Lösung nicht immer und nicht notwendig im fortwährenden Zuhören, sondern vielleicht auch im Beschweigen.“ Derweil erreicht der unerschütterliche Profi-Zuhörer Lamby erst bei einer Gedenkfeier für Benito Mussolini seine Grenzen, als ihm ein junger Holocaustleugner mit SS-Runen auf dem T-Shirt gegenübersitzt.

Auf den Kontext kommt es an

Bei Pörksen spielen der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule, die Klimabewegung und das berühmte erste Bild aus dem All, das die Erde als blauen Planeten zeigt, eine Rolle. Für ihn ist Zuhören ein „Tanz des Denkens“. Als sein Kronzeuge firmiert der Clown in einer Geschichte des düsteren Philosophen Sören Kierkegaard (1813 bis 1855).

Grell geschminkt und in lustigen Latschen warnt der vor dem Brand, der sich rasend um das Zirkuszelt ausbreitet. Aber niemand hört auf ihn. Heißt, bedeutet Pörksen einem: Es kommt beim Zuhören schon maßgeblich auf den Kontext an.

Unterwegs in einer anderen Gedankenwelt

Lamby dagegen reist – alle Antennen auf Hab-Acht – der Gedankenwelt seines Cousins Martin aus Connecticut hinterher. Einem strikten Anhänger der Republikaner seit Jahrzehnten, der ihm auf einer Familienfeier eröffnet, dass er am 6. Januar 2021 am Rand des Sturms auf das Kapitol dabei gewesen sei. Er habe, sagt er immer noch mit innerer Überzeugung, die Demokratie retten wollen. Derselbe Martin, mit dem er früher auf dem Mofa Bonn unsicher gemacht hat. Lamby ist entsetzt. Dann stellt er fest, dass ihm Menschen, die so sind und denken wie sein Cousin, auf seinen Reisen immer öfter begegnen.

Zwei Gedankenwelten: Beim Sturm aufs US-Kapitol 2021 stehen sich Ordnungshüter und Demonstranten gegenüber.
Zwei Gedankenwelten: Beim Sturm aufs US-Kapitol 2021 stehen sich Ordnungshüter und Demonstranten gegenüber.

Sie führen ihn in die Südstaaten der USA, seine Tante ist in den Fünfzigern dorthin ausgewandert, nach Argentinien, woher seine Frau stammt, nach Norditalien – und in den Gerichtssaal, in dem gegen den AfD-Extremisten Björn Höcke wegen der Verwendung einer SA-Parole verhandelt wird. Er spricht mit ganz normalen Menschen, Taxifahrern, Gottesdienstbesuchern, das heißt: Vor allem hört er ihnen ganz genau zu. Auch AfD-Chef Tino Chrupalla, der davon spricht, „staatskonforme Medienhäuser“ würden als „zweite Stasi aufgebaut und gegen die Opposition eingesetzt“. Am Ende stellt Lamby fest: Wir leben in einer sehr prekären „präfaschistischen“ Welt.

Unbedingte „Sprechfähigkeit“ unverzichtbar

Aber auch wenn er inzwischen glaubt, dass sein Cousin Martin nichts davon abbringen könnte, überhaupt nichts, Trump zu folgen. Und selbst wenn er überall auf Menschen wie ihn trifft: Er bleibt beseelt davon, dass es die Aufgabe von Journalisten, Politikern und Diplomaten – letztlich: der Gesellschaft – sei, unbedingte „Sprechfähigkeit“ herzustellen. Etwas, was der Wissenschaftler Pörksen wiederum – möglicherweise – für den „Ausdruck magischen Denkens“ hält. Eine „Fetischisierung“.

Das „Gehörtwerden“, heißt es bei ihm, werde im kollektiven Bewusstsein längst als der eigentliche Wesenskern des demokratischen Miteinanders verstanden. „Das Ringen um Resonanz und eine unmittelbare, sehr direkte Repräsentation der eigenen Auffassungen sind ins Zentrum gesellschaftlicher Debatten und Konflikte gerückt.“ Folge sei eine „endlose Folge therapeutisch-pastoraler Zuhör-Appelle in der Arena der Öffentlichkeit“, die der Kommunikationsexperte schlichtweg „Kitsch“ nennt. Schließlich heiße „gehört“ nicht gleichzeitig „erhört“ werden.

Überschaubare Einheiten helfen

Bald-Kanzler Friedrich Merz soll versuchen, was Populisten versprechen: ein offenes Ohr zu haben für alle Welt. Wie soll das gehen? Eher schon hilft die Nummer kleiner. Trotz aller Unterschiede zwischen den beiden Autoren fällt diese gemeinsame Quintessenz auf: Dass das Zuhören und miteinander Reden am besten in überschaubaren Einheiten gelingt.

So schreibt Pörksen: „Wirkliches Zuhören ist gelebte Demokratie im Kleinen.“ Bei Lamby heißt das Fazit: „Demokratie ist wie eine Großfamilie. Wenn die Mitglieder nicht mehr miteinander sprechen, droht sie zu zerbrechen.“ Dann entstehe Misstrauen, schlimmstenfalls Hass. Aber solange sich die Verwandten einander zugehörig fühlten und miteinander sprächen, würden sie durch einen Grundkonsens verbunden. „Nennen wir ihn Respekt.“

Ich muss an Herrn K. denken. In seiner jüngsten Mail schickt er den Bericht über die Forsa-Umfrage „Vorsprung der Union schwindet“. K. schreibt auch: Er werde auf jeden Fall Leser dieser Zeitung bleiben. Viele Grüße an dieser Stelle!

 

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

 

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