Beweger RHEINPFALZ Plus Artikel Warum Kunstblut die Blutspende nicht ersetzt

Blut ist nicht gleich Blut: Die wichtigsten Merkmale sind die Blutgruppe und der Rhesusfaktor. Etwa 43 Prozent der Menschen in D
Blut ist nicht gleich Blut: Die wichtigsten Merkmale sind die Blutgruppe und der Rhesusfaktor. Etwa 43 Prozent der Menschen in Deutschland haben Blutgruppe A, am zweithäufigsten ist Blutgruppe 0 mit etwa 41 Prozent. Rund 85 Prozent in der Bundesrepublik haben einen positiven Rhesusfaktor, 15 Prozent sind rhesus-negativ. Neben den bekannten Blutgruppen 0, A, B und AB gibt es noch weitere, seltene Blutgruppen. Zum Beispiel die Blutgruppe Bombay, die durch einen Gendefekt ausgelöst wird. Nur rund 20.000 Menschen weltweit gehören dieser Blutgruppe an.

15.000 Blutkonserven werden täglich in Deutschland benötigt. Doch die Anzahl der Spenden geht zurück. Forscher arbeiten deshalb daran, den Lebenssaft im Labor herzustellen.

Zu Beginn des Jahres schlug das Deutsche Rote Kreuz auf Social Media Alarm: Der Vorrat an Blutkonserven im Südwesten der Nation sei nahezu aufgebraucht. Ungünstige Umstände hielten routinierte Spender ab: Ferienzeit, Winterwetter, Infektwelle.

Der Mangel an Blutspenden fällt zwar regional unterschiedlich aus, ist aber ein wiederkehrendes Problem. Auch deshalb versuchen Wissenschaftler weltweit, künstliches Blut im Labor herzustellen. Wie zum Beispiel die Molekularbiologin Julia Gutjahr und ihr Team am Institut für Zelluläre Biologie und Immunologie Thurgau an der Universität Konstanz. 2025 ist es ihnen gelungen, einen entscheidenden Schritt des Blutbildungsprozesses zu enträtseln.

Wichtige Bestandteile unseres Blutes werden im Körper im Knochenmark gebildet, und zwar aus Stammzellen. Wie die roten Blutkörperchen, die im Mittelpunkt von Gutjahrs Ansatz stehen. In der Fachsprache heißen die roten Blutkörperchen Erythrozyten, ihre Vorläuferzellen werden als Erythroblasten bezeichnet.

Beim letzten Entwicklungsschritt von den Erythroblasten zu den roten Blutkörperchen werfen die Vorläuferzellen ihren Zellkern aus, erklärt Gutjahr. „Das passiert nur bei Säugetieren. Wahrscheinlich, um Platz für den Sauerstofftransport zu schaffen.“

Ein Eiweiß macht den Unterschied

Wie Julia Gutjahr und ihr Team herausfanden, spielt dabei ein Eiweiß namens CXCL12 eine entscheidende Rolle: Das Signalprotein regt die Erythroblasten an. Diese Erkenntnis soll nun helfen, die Herstellung künstlichen Bluts voranzutreiben. Denn nicht nur im Körper, auch im Labor sind Stammzellen der Ausgangspunkt für die Blutproduktion.

Das Problem: Stammzellen sind nicht unbegrenzt verfügbar, sie werden in der Regel aus Nabelschnurblut gewonnen oder aus Stammzellspenden. Zwar lassen sich einige andere Körperzellen zu Stammzellen umprogrammieren, um dann mit ihrer Hilfe rote Blutkörperchen zu erzeugen.

Bei diesen Ersatz-Stammzellen funktioniert die Zellausstoßung allerdings weniger gut als bei den natürlichen Stammzellen, primäre Stammzellen genannt. Die Erfolgsrate liegt bei 40 Prozent, bei den primären Stammzellen hingegen bei 80 Prozent. Diese Quote bei den umfunktionierten Stammzellen wollen Gutjahr und ihre Kollegen nun mithilfe des Signalproteins CXCL12 verbessern. Und auf diese Weise die Erzeugung von künstlichem Blut deutlich effizienter machen.

Bis diese Methode im großen Maßstab eingesetzt werden kann, ist es allerdings noch ein weiter Weg. Denn die Blutbildung im Reagenzglas dauert zwei bis drei Wochen. Und ist teuer: 10.000 bis 20.000 Euro kostet laut Gutjahr derzeit eine künstlich hergestellte Blutkonserve.

Nur 0-negativ verträgt jeder

Und doch gibt es Argumente für den Lebenssaft aus dem Labor. Julia Gutjahr und anderen Experten schwebt ein Kunstblut vor, das universell einsetzbar ist – unabhängig von den Blutgruppen 0, A, B, AB und dem Rhesusfaktor positiv oder negativ. Beide spielen bislang bei Transfusionen eine entscheidende Rolle, denn nicht alle Blutgruppen sind miteinander kompatibel: Bekommen Menschen ein nicht passendes Spenderblut, löst das heftige Abwehrreaktionen im Körper aus, die bis hin zu einem Multiorganversagen und zum Tod führen können.

Als Universalspender gelten Menschen mit der Blutgruppe 0-negativ, die Blut an jeden anderen jeder Blutgruppe abtreten können. Die Universalspender selbst wiederum können allerdings nur Blut von Spendern der Blutgruppe 0-negativ erhalten.

Der umgekehrte Fall ist AB-positiv: Menschen mit dieser Blutgruppe sind Universalempfänger, vertragen also das Blut aller anderen Blutgruppen. Umgekehrt vertragen aber alle anderen Blutgruppen AB-positiv nicht.

Ein weiterer Vorteil des Laborbluts: Es würde sich wahrscheinlich länger einlagern lassen als natürliches Blut. Das wird nach der Spende aufbereitet, weil die unterschiedlichen Bestandteile des Bluts unterschiedlich lange halten. Die roten Blutkörperchen sind laut dem DRK bei vier Grad Celsius bis zu 35 Tage benutzbar, die Thrombozyten – Blutplättchen – bei 20 bis 24 Grad nur vier Tage.

Die Herstellung von Kunstblut wird teuer bleiben

Deutlich länger kann man eingefrorenes Blutplasma benutzen, also den flüssigen, zellfreien Anteil des Blutes: bei minus 40 Grad bis zu zwei Jahre. Zudem müsste künstliches Blut nicht auf übertragbare Krankheiten wie Gelbsucht (Hepatitis), HIV oder Syphilis getestet werden.

Trotz der Vorteile – ganz ersetzen wird das Kunstblut das echte Blut nicht, schränkt Gutjahr ein. Denn der Produktionsprozess im Labor werde aufwendig bleiben. „Aber er wird ermöglichen, beispielsweise gezielt seltene Blutgruppen herzustellen, Engpässe zu überbrücken oder das eigene Blut zu reproduzieren, um spezielle Behandlungsmöglichkeiten zu ermöglichen.“ Trotz ihres Durchbruchs appelliert die Forscherin daher, zur Blutspende zu gehen.

In Deutschland tun das nur drei Prozent der Bevölkerung regelmäßig. Seit Jahren meldet das Paul-Ehrlich-Institut einen Rückgang der Blutspenden. Im Jahr 2015 waren es noch 4,14 Millionen, 2024 hingegen nur noch 3,59 Millionen.

Gebraucht aber werden mindestens 3,7 Millionen Blutspenden pro Jahr. Bundesweit benötigen Krankenhäuser und Arztpraxen 15.000 Blutkonserven täglich zur Versorgung der Patienten: bei Massivtransfusionen für Unfallopfer, bei der Chemotherapie, bei Operationen.

Männer können öfter spenden als Frauen

Eine Vollblutspende ist bei Männern in Deutschland sechsmal innerhalb von zwölf Monaten möglich, bei Frauen aufgrund ihrer geringeren Blutmenge und niedrigeren Eisenwerte nur viermal innerhalb von zwölf Monaten – das gilt auch für Frauen nach der Menopause.

Zwischen den einzelnen Blutspenden müssen bei beiden Geschlechtern mindestens 56 Tage liegen. Denn der Körper benötigt Zeit, um die Eisenvorräte nach der Blutspende wieder aufzufüllen und damit neue rote Blutkörperchen zu bilden.

Wer regelmäßig Blut spendet, sollte deshalb auf eine ausreichende Eisenversorgung achten. Eisen aus tierischen Quellen kann der Körper besser verwerten als Eisen aus pflanzlichen Nahrungsmitteln. Zudem gilt: Vitamin C unterstützt den Körper bei der Eisenaufnahme, Kaffee, schwarzer Tee und Milchprodukte hemmen diesen Vorgang.

Apropos Essen: Nüchtern sollte man auf keinen Fall Blut spenden. Das Deutsche Rote Kreuz rät, am Tag der Blutspende ausreichend zu trinken und ein bis zwei Stunden vor der Blutentnahme etwas zu essen. Die Mahlzeit sollte möglichst kohlehydratreich, aber fettarm sein. Denn Fette aus der Nahrung gehen ins Blutplasma über, zu viel Fett kann dessen Qualität beeinträchtigen. Und nach der Spende gilt: sich ausreichend Ruhe gönnen.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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