Familie RHEINPFALZ Plus Artikel Wann Kinder ihre Eltern brauchen – und wann nicht

 Kinder auch einfach mal alleine loslaufen lassen, raten Experten.
Kinder auch einfach mal alleine loslaufen lassen, raten Experten.

Viele Eltern kümmern sich mehr denn je um ihre Kinder und versäumen trotzdem oft, ihnen die entscheidenden Dinge beizubringen. Von Sandra Markert

Ein Kind vergisst seine Fußballschuhe? Die Mutter fährt noch mal schnell nach Hause und holt sie. Was sind die Englisch-Hausaufgaben? Ein Vater befragt erst die Whatsapp-Gruppe der Eltern und zur Sicherheit dann auch noch den Lehrer. Zwei Kinder streiten auf dem Spielplatz um eine Schaufel. Zwei Mütter vermitteln, eine dritte bietet eine weitere Schaufel an. Drei kleine Episoden aus dem elterlichen Alltag. Im Mittelpunkt: Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern und es gut meinen – aber dennoch den Kindern in allen drei Fällen nicht unbedingt einen Gefallen tun. „Kinder sind für sehr viele Dinge in ihrem Leben einfach selbst verantwortlich, und es ist nicht die Aufgabe von Eltern, diese Dinge für die Kinder zu übernehmen“, sagt Birgit Ertl, die als Familien- und Kitacoach in Stuttgart tätig ist.

Genau das aber passiere heute sehr häufig. Eltern organisieren die Verabredungen ihrer Kinder, tragen vergessene Sportbeutel in die Schule, vermitteln in Konflikten. „Am Ende sind die Eltern total überlastet, weil sie so viele Dinge zu tun haben. Und gleichzeitig lernen die Kinder ganz wichtige Lebenskompetenzen nicht“, sagt Birgit Ertl.

Alles dreht sich um die Kleinen

Wie viele andere Erziehungsexperten beobachte auch sie, dass Kinder heute in vielen Familien stets im Mittelpunkt stehen und sich alles um die Erfüllung ihrer Bedürfnisse dreht. „Die heute weit verbreitete bedürfnisorientierte Erziehung meint aber, dass sowohl Eltern als auch Kinder ihre Bedürfnisse äußern. Und dass man Bedürfnisse auch nicht mit Wünschen verwechselt“, sagt die Familientherapeutin Christine Ordnung vom Deutsch-Dänischen Institut für Familientherapie. Nur so können Kinder in einer sozialen Gemeinschaft gut zurechtkommen. Denn dort hat jeder andere Bedürfnisse, man muss sich auch mal zurücknehmen, Frust aushalten, Konflikte klären.

Müssen sich Eltern wirklich um alles kümmern?
Müssen sich Eltern wirklich um alles kümmern?

Wunderbar lernt man solche Lebenskompetenzen dem Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster zufolge auch im eigenständigen Spiel mit anderen Kindern. Heute sieht er das in der Freizeit in weiten Teilen durch die Animation von Erwachsenen ersetzt, sei es bei Musikangeboten, im Sportverein oder auf dem Spielplatz. „Lasst die Kinder raus zu anderen Kindern, und dann verkrümelt euch, soweit es geht“, rät er Eltern in der Ankündigung zu seinem neuen Buch „Auf die Flügel kommt es an“, das Ende Februar erscheinen wird.

Gute Wurzeln, aber kurze Flügel

Eltern seien die letzten 20 Jahre sehr stark darin gewesen, ihren Kindern Wurzeln zu geben durch Bindung und achtsame Beziehungen. „Das war gut, aber ich glaube, dabei sind die Flügel zu kurz gekommen. Damit meine ich die Unterstützung der kindlichen Selbstständigkeit“, so Herbert Renz-Polster.

Wie soll ein Kind lernen, Risiken selbst einzuschätzen, wenn Eltern versuchen, möglichst viele Risiken von ihnen fernzuhalten – sei es auf dem Spielplatz, beim eigenständigen Weg in die Schule oder beim Nicht-Lernen von Vokabeln? Wie sollen sie einen Konflikt allein lösen, wenn die Eltern immer dazwischen grätschen? Woher sollen sie wissen, was alles in den Schulranzen gehört, wenn die Eltern ihn immer packen? Wie sollen sie sich allein beschäftigen können, wenn sie es gewohnt sind, dass die Eltern wahlweise mitspielen oder irgendwelche Spielverabredungen für sie vereinbaren?

Nicht vorauseilend handeln

Birgit Ertl könnte noch hunderte solcher Beispiele aufzählen, die sie im Alltag regelmäßig beobachtet. „Das fängt damit an, dass Eltern ihren Kindern die Trinkflasche hinterhertragen und hört damit auf, dass sie den Streit mit der besten Freundin für das Kind schlichten wollen“, sagt Birgit Ertl. Natürlich sei man für das Kind da, wenn es traurig ist, und frage auch nach den Ursachen. „Lösen muss das Kind ein solches Problem aber dann schon allein. Die Aufgabe von Eltern besteht darin, eine solche Stimmungslage gemeinsam mit dem Kind auszuhalten“, findet Birgit Ertl. Dabei gehe es auch nicht darum, dass ein trauriges oder wütendes Kind gleich wieder glücklich sein müsse. „Viele Eltern fühlen sich heute aber selbst für die Stimmungslage ihrer Kinder verantwortlich“, beobachtet sie.

Sie rät, sich immer wieder klar zu machen, dass Kinder von Geburt an eine eigene Persönlichkeit hätten und sehr viel eigenständiger seien, als viele Erwachsene heute so annehmen würden. „Natürlich muss ich einem Baby Nahrung anbieten, es kann sie sich ja nicht selbst holen. Aber es spürt selbst, wann und wie viel Hunger es hat“, nennt Ertl ein Beispiel. Die wichtigste Rolle für Eltern sei von Anfang an: Für das Kind verlässlich verfügbar zu sein, wenn es etwas brauche. „Es macht dabei aber einen großen Unterschied, ob ich darauf warte, dass das Kind den Impuls sendet, oder ob ich in vorauseilendem Gehorsam handle“, sagt Birgit Ertl.

Erst helfen, wenn das Kind darum bittet

Verständlich macht sie dies am Beispiel der Hausaufgaben: Eltern könnten sich wie selbstverständlich jeden Tag gemeinsam mit dem Kind an die Aufgaben setzen. Oder aber sie lassen das Kind damit allein und warten, ob es um Unterstützung bittet. „Nur im zweiten Fall wird das Kind überhaupt merken, was es wirklich selbst kann“, erklärt sie.

Die wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe für Eltern sieht sie darin, ihren Kindern stets einen passenden, äußeren Rahmen aus Regeln, Unterstützung und Autonomie zu bieten. „Dieser muss mit dem Älterwerden des Kindes ja stetig wachsen, damit sich die kindlichen Kompetenzen immer weiter entfalten können“, erklärt Birgit Ertl.

Dem Kind keine Erfahrungen rauben

Im Idealfall darf ein Kind dann beispielsweise zuerst allein in seinem Zimmer spielen, später im Garten, dann auf dem nahe gelegenen Spielplatz – und irgendwann fährt es dann ohne die Eltern auf Klassenfahrt. Heute aber haben nicht wenige Lehrer mit Eltern zu kämpfen, die ihren Kindern nicht zutrauen, auf eine solche Reise mitzugehen – weil sie noch nie wirklich von ihnen getrennt waren. Auch ihre Kinder trauen sich dann manchmal nicht. „Wenn ich es verpasse, den Kindern altersangemessen Autonomie zuzugestehen, dann können sich so wichtige Dinge wie Selbstständigkeit, Selbstbewusstsein, Konfliktfähigkeit oder Resilienz nicht gut entwickeln“, sagt Birgit Ertl.

Natürlich ist es blöd für ein Kind, auf dem Fußballplatz zu stehen und keine Kickschuhe dabei zu haben. Das muss es dem Trainer erklären, die anderen Kinder bekommen es mit, und der geliebte Sport fällt auch noch flach. Das alles erspart man natürlich dem Nachwuchs, wenn man die Schuhe holt.

„Ich finde es für Eltern aber immer sehr hilfreich, sich nicht nur zu überlegen, was sie dem Kind durch ihre Unterstützung geben. Sondern auch darüber nachzudenken, welche Erfahrungen sie ihm durch diese Unterstützung eben auch nehmen“, sagt Birgit Ertl.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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