Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Wärmeplanung: Wie heize ich 2030?

Druck im Kessel: Hausbesitzer hoffen auf mehr Klarheit durch die Wärmeplanung.
Druck im Kessel: Hausbesitzer hoffen auf mehr Klarheit durch die Wärmeplanung.

Die meisten Pfälzer heizen noch mit Gas und Öl. Kommunale Wärmepläne sollen klimafreundliche, günstige Alternativen aufzeigen. Doch wie weit sind Gemeinden in der Pfalz?

„Eine Familie will bauen oder eine Immobilie kaufen und überlegt, welche Heizung für das neue Haus die beste ist. Woher bekommt sie in Ihrer Kommune verlässliche Auskunft über die aktuelle und künftige Wärmeversorgung?“ Das haben wir Gemeinden in der Pfalz gefragt. Die gute Nachricht: Vielerorts gibt es bereits einen Überblick über die vorhandene Infrastruktur und den aktuellen Verbrauch. Zu finden sind diese Informationen im jeweiligen Kommunalen Wärmeplan. In der Pfalz haben bis Mitte dieser Woche 14 Kommunen eine solche strategische Übersicht veröffentlicht, landesweit ist schon rund ein Viertel der Städte und Gemeinden so weit. Das zeigt der Energieatlas Rheinland-Pfalz.

Der Wärmeplan benennt neben der Bestandsaufnahme mögliche künftige Alternativen zum klimaschädlichen Heizen mit fossilen Brennstoffen. Doch die tatsächliche Aussagekraft für einzelne Immobilienbesitzer ist – abhängig von der Lage des Grundstücks – mal mehr, mal weniger hoch. Grob gesagt gibt es drei Optionen. Entweder das benannte Gebiet eignet sich aus Sicht der Verantwortlichen für eine zentrale Versorgung mit Fern- oder Nahwärme. Der Anschluss ans Wärmenetz ist dann vorhanden oder soll in den nächsten Jahren gelegt werden. Lohnt sich das definitiv nicht, müssen sich Hausbesitzer selbst Gedanken machen, auf welche Technologie sie setzen. Kniffelig wird’s im dritten Fall. Denn in sogenannten Potenzialgebieten stehen vor der Entscheidung der Kommune, ob eine dezentrale oder zentrale Versorgung sinnvoll ist, zunächst weitere Prüfungen und politische Beratungen an. Sprich: Es dauert, bis Bürger hier Klarheit haben werden.

Eine erste Etappe in Sachen Wärmeplanung endet im Sommer. Zu den Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern, die verpflichtet sind, bis Ende Juni ihr Konzept vorzulegen, zählen zwei in der Pfalz. Kaiserslautern will den Wärmeplan Ende des ersten Quartals veröffentlichen. Wo bereits Fernwärme verfügbar ist und wo das bestehende Netz derzeit erweitert wird, zeigt eine Karte der Stadtwerke. Klar ist in der größten Stadt der Westpfalz: In künftigen neuen Baugebieten wird es keine zentrale leitungsgebundene Wärmeversorgung geben. Darauf haben sich Stadt und Energieanbieter verständigt. „Bei Neubauten wird geraten, auf individuelle Lösungen wie eine Wärmepumpe zu setzen“, sagt Stadtsprecher Matthias Thomas.

Ludwigshafen: Industrieabwärme nutzen

Ganz anders in Ludwigshafen. Noch wird dort zwar wie vielerorts hauptsächlich mit Gas geheizt. Mit immerhin 27 Prozent der Haushalte ist die Abdeckung mit Fernwärme aber bereits höher als im Bundesschnitt – und soll weiter steigen. Denn in der Industriestadt am Rhein gibt es gleich ein ganzes Bündel an Möglichkeiten, zukünftig noch deutlich mehr der rund 180.000 Einwohner zentral mit Wärme zu versorgen. So sehen die Verantwortlichen in der Politik und bei den Technischen Werken (TWL) als Netzbetreiber Potenzial bei der Abwasserwärme aus der Kläranlage und der Abwärme der Müllverbrennungsanlage, aber auch Geothermie und Flusswärme könnten sich zum Heizen eignen. Geprüft wird ebenfalls, inwieweit Abwärme der großen Industrieanlagen im Stadtgebiet genutzt werden kann. Auch Hauseigentümer können einen erheblichen Beitrag leisten. Ein Drittel des Wärmebedarfs könnte laut dem im September vom Stadtrat verabschiedeten Plan bereits über die Sanierungen der Gebäude eingespart werden. Ein Hebel, der auch in anderen Pfälzer Kommunen beachtlich ist.

„Für Immobilienbesitzer und -besitzerinnen ist der Wärmeplan eine wichtige Orientierung bei der Umstellung auf klimafreundliches Heizen“, heißt es auf der Webseite der Stadt Ludwigshafen. Ziel sei es, Auskunft darüber zu geben, in welchen Stadtteilen, Gebieten und Straßen zukünftig welches Energieangebot gemacht werden kann.

Doch einen Anspruch darauf haben Bürger nicht. Der Städte- und Gemeindebund betont in einem Schreiben an die Kommunen: „Die gesamte Kommunale Wärmeplanung ist eine rechtlich unverbindliche, strategische Fachplanung ohne jede rechtliche Außenwirkung und Verbindlichkeit.“ Er grenzt das Papier damit ab vom Gebäudeenergiegesetz. Das schreibt zum Beispiel vor, dass in Großstädten ab Juli neu eingebaute Heizungen mindestens zu 65 Prozent mit erneuerbarer Energie betrieben werden müssen. Bis 2045 müssen alle Gebäude klimaneutral mit Wärme versorgt werden. Die gesetzlichen Pflichten und Fristen für Eigentümer zum Umstieg auf CO2-neutrale Heiztechnik seien nicht davon abhängig, wann ein Wärmeplan konkret veröffentlicht wird, hebt der Städte- und Gemeindebund hervor.

Netzausbau: Wettrennen mit Wärmepumpe

Es handle sich zunächst um ein „Strategiepapier mit hoher Flughöhe“, das nicht unbedingt punktgenaue Aussagen für einzelne Gebäude liefert, sagt Nils Füllenbach, Referent Kommunale Wärmeplanung bei der Energie- und Klimaschutzagentur Rheinland-Pfalz. Diese berät und begleitet Städte und Gemeinden auf dem Weg zur Klimaneutralität. „Es geht nicht in erster Linie um die Frage: Kommt hier ein Wärmenetz oder muss ich mir selbst eine Wärmepumpe anschaffen?“, sagt Füllenbach. Denn: Eine Garantie, dass in Potenzialgebieten tatsächlich ein Wärmenetz ausgebaut wird, haben Bürger sowieso nicht. „Am Ende beraten und entscheiden kommunale Gremien, was sich lohnt und was umgesetzt wird.“ Bis zum Anschluss einzelner Haushalte können also viele Jahre vergehen.

Füllenbach räumt ein, dass das im konkreten Einzelfall unbefriedigend sein kann. Wenn die alte Gasheizung den Geist aufgibt, wollen Hausbesitzer sofort wissen, auf welche Technologie sie setzen können. Zentrale Versorgungsangebote der Kommune liefern sich hier ein Wettrennen mit der Wärmepumpe. Denn die hohen Netzausbaukosten lohnen sich für Energieunternehmen nur, wenn möglichst viele Haushalte angeschlossen werden. „Wir müssen bei der Fernwärme schnell sein, sonst rüsten Eigentümer auf eigene Lösungen um“, sagt Füllenbach. Neben der Wärmepumpe könnten das auch Solarthermie, Biogas oder Pellet- und Holzheizungen sein. Wo eine Anbindung ans zentrale Wärmenetz sich nicht lohnt, sind Energiegenossenschaften von Bürgern und Unternehmen denkbar.

Neubauten mit niedrigem Verbrauch

Der Anteil von Wärmepumpen als primäre Heizung hat sich laut Statistischem Bundesamt innerhalb von zehn Jahren verdoppelt. Bei mehr als zwei Dritteln der knapp 76.100 neu gebauten Wohngebäude kam 2024 die umweltfreundliche Technologie zum Einsatz. Zum Vergleich: Der Anteil der Fernwärme in Neubauten lag bei unter zehn Prozent. Ein Grund dafür ist laut Experten, dass moderne Häuser bereits einen so geringen Energieverbrauch haben, dass sich ein Anschluss in Neubaugebieten oft nicht lohnt. So argumentieren die Verantwortlichen in Kaiserslautern. Anders liegt der Fall für Verbraucherschützer, wenn das Gebiet, wie in Ludwigshafen, mit Wärme aus der Müllverbrennung versorgt werden kann, „die andernfalls ungenutzt bliebe und entsprechend preiswert sein muss“.

Auch im südpfälzischen Landau setzt man aufgrund äußerer Faktoren voll auf Fernwärme. Die Energie zum Heizen der Gebäude in der Innenstadt soll aus regionaler Geothermie kommen. Das Potenzial der Erdwärme würde nach Aussage der Verwaltung theoretisch sogar zur Versorgung des gesamten Stadtgebiets ausreichen. Doch der Netzausbau ist teuer und zu zeitaufwendig, um bis 2045 nationale Klimaziele zu erreichen. Deshalb bleiben die Stadtdörfer sowie jene Teile der Kernstadt mit lockerer Bebauung zunächst außen vor.

Gibt es einen Anschlusszwang?

Energie Südwest will in Landau 75 Millionen Euro in den Aufbau des Netzes investieren. Ein Anschlusszwang für Anwohner würde Planungssicherheit bieten und helfen, Bauarbeiten zu bündeln. Doch selbst ohne Zwang werden sich Innenstadtbewohner im Zuge des Fernwärmeausbaus von ihrer Gasheizung verabschieden müssen. Ein paralleles Gasnetz wird es laut Stadt Stand jetzt nicht geben. Der Unterhalt wäre zu teuer, zudem sei der Platz im Straßenraum begrenzt.

Landau ist kein Einzelfall: Jeder fünfte kommunale Energieversorger will sein Gasnetz stilllegen und setzt stattdessen auf Fernwärme und Wärmepumpen, fast jedes vierte Stadtwerk plant mit einer Mischung aus Stilllegung und Umrüstung auf grüne Gase wie Wasserstoff oder Biomethan. Das war vergangenen Herbst das Ergebnis einer Umfrage des Verbands kommunaler Unternehmen.

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Landau hat den Wärmeplan bereits Ende 2024 verabschiedet und zählt damit zu den Vorreitern. Denn Gemeinden mit weniger als 100.000 Einwohnern laut Gesetz erst Ende Juni 2028 ein Konzept vorlegen. Doch in der Pfalz sind etliche deutlich früher fertig. Neben Landau haben drei weitere kreisfreie Städte, eine verbandsfreie Gemeinde sowie sieben Verbandsgemeinden schon ihre Wärmepläne veröffentlicht. Dazu zählt die Verbandsgemeinde Bruchmühlbach-Miesau (Landkreis Kaiserslautern). Dort gehen die Planer davon aus, dass mit der Modernisierung der vielen älteren Wohnhäuser der Wärmebedarf bereits mehr als halbiert werden könnte. Eine zentrale Versorgung soll es auch in Zukunft nur in wenigen Bereichen geben. Kein Wunder: Auf einer Fläche von 60 Quadratkilometern leben in der Kommune im Westen der Pfalz gerade einmal 11.000 Menschen. Die Prognose für 2045 lautet daher: „Über 95 Prozent der Gebäude sind einzelversorgt. Strom und Umweltwärme sind dominierende Energieträger, was insbesondere an der Nutzung von Wärmepumpen in den Einzelversorgungsgebieten liegt. Ist weder ein Anschluss an ein Wärmenetz noch die Nutzung von Wärmepumpen möglich, kann Biomasse als Alternative dienen.“

Vergleichbarkeit der Daten schwierig

Nach Einschätzung der Energie- und Klimaschutzagentur werden bis Sommer landesweit etwa zwei Drittel der 170 betroffenen Kommunen ihre Abschlussberichte veröffentlichen. Denn für alle, die Bundesmittel in Anspruch genommen haben, endet der Förderzeitraum zum 30. Juni, erklärt Datenexperte Norman Sander, bei der Landesagentur zuständig für das Monitoring. Mit seinen Kollegen unterstützt er Kommunen bei der Erhebung und Aufbereitung von Daten. Langfristiges Ziel sei ein landesweiter strategischer Überblick, etwa zum Energieverbrauch im Bereich Wohnen oder über den Sanierungsbedarf bei Privatimmobilien. Die meisten Kommunen nutzen bei der Wärmeplanung externe Expertise. „Die 13 fertigen Pläne in der Pfalz wurden von elf verschiedenen Dienstleistern erarbeitet“, verdeutlich Sander, wie heterogen das Feld ist. Für den Markt sei das spannend, doch es erschwere Vergleichbarkeit und Digitalisierung der Daten. Bundesweit einheitliche Regelungen würde der Fachmann deshalb begrüßen.

Denn dem Heizen kommt beim Klimaschutz eine entscheidende Rolle zu. Mehr als die Hälfte des bundesweiten Energieverbrauchs geht in die Wärmeversorgung. Fast jeder zweite der rund 41 Millionen deutschen Haushalte heizt mit Gas, knapp jeder vierte mit Heizöl – mit entsprechend hohem CO2- Ausstoß. Auch Fernwärme wird bislang überwiegend aus fossilen Brennstoffen gewonnen. Um das zu ändern, hat der Bund neben dem Gebäudeenergiegesetz mit dem Wärmeplanungsgesetz entscheidende Weichen gestellt. Das legt fest: Bis 2045 muss die gesamte leitungsgebundene Wärme komplett klimaneutral sein. Bestehende Wärmenetze müssen bis 2030 zu 30 Prozent, bis 2040 zu 80 Prozent mit erneuerbaren Energien oder Abwärme gespeist werden. Für neu gebaute Netze gelten bereits jetzt höhere Anteile.

Land will Klimaneutralität früher

Das bundesweite Ziel, die Netto-Treibhausgasemissionen bis 2045 auf Null zu reduzieren, will die Landesregierung toppen. Rheinland-Pfalz soll bereits zwischen 2035 und 2040 klimaneutral sein. Ein Baustein dafür: die Wärmeplanung. Kommunen setzen dabei auf unterschiedliche Ressourcen. Neustadt etwa will zum klimaneutralen Heizen in der Innenstadt neben Erdwärme Solarthermie nutzen. Fluss- oder Abwasserwärme, Umgebungsluft oder Geothermie in Verbindung mit einer Großwärmepumpe sind weitere Optionen. Kontinuierlich aktualisierte Gebietssteckbriefe geben einen Überblick über mögliche Formen der zukünftigen, CO2-neutralen Wärmeversorgung. Doch abhängig von der Lage ist deren Aussagekraft unterschiedlich hoch, räumt ein Stadtsprecher ein.

Für die künftigen Eigenheimbesitzer aus der Ausgangsfrage bedeutet das: Bei der Heizungsfrage kann der Kommunale Wärmeplan neben anderen Beratungsangeboten womöglich eine Entscheidungshilfe sein. Mehr aber eben auch (noch) nicht.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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