Reise
Von der DDR in die Welt: Sonnebergs Spielzeug-Ikone hat das Spielzeug revolutioniert
Von Thomas Wüpper
Im hellen Ausstellungsraum des Deutschen Spielzeugmuseums Sonneberg steht Renate Müller vor einer Gruppe Besucher. In Glasvitrinen und auf Regalen werden hier einige ihrer Werke gezeigt, ein bunter Zoo robuster Spieltiere: Teddybären, Pferde, Schweinchen, Kaninchen, Mäuse, Elefanten, ein großes Nashorn und ein Krokodil – nicht aus Plüsch und Plastik, sondern genäht aus Rupfen, stabilem Leinengewebe, wie man es von Jutesäcken kennt. Köpfe und Körper sind prall ausgestopft und klar geformt, mit großen Knopfaugen und farbigen Applikationen aus Leder und Holz.
Mit diesen Rupfentieren hat Renate Müller die Spielzeugwelt schon in jungen Jahren revolutioniert. Ihre Entwürfe und Objekte, die Spiel und Therapie verbinden, fanden weltweit große Beachtung, wurden zu begehrten Sammlerstücken, auch das Museum of Modern Art in New York präsentierte einige Unikate. Manche Originale aus den 1970er-Jahren erzielen auf Sammlerbörsen und Auktionen hohe Preise. Doch der 80-Jährigen ging es immer um mehr: „Spielzeug muss Kinder fördern, es soll anregen und nicht nur zum Anschauen sein“, beschreibt die Designerin die Motivation ihres Schaffens, das über sechs Jahrzehnte reicht.
Im Deutschen Spielzeugmuseum erwartet Besucher eine Reise durch 60 Jahre Spielzeuggeschichte: von den ersten Rupfentieren über seltene Prototypen bis zu aktuellen Arbeiten.
Die Revolution der Kuscheltiere
Interaktive Stationen sollen dazu einladen, selbst kreativ zu werden – ganz im Sinne der Designerin, die das Spiel nie als Selbstzweck, sondern als Motor für frühkindliche Entwicklung und soziales Miteinander verstanden hat. Schon früh begann Renate Müller, die herkömmliche Sicht auf Spielzeug zu hinterfragen: „Plüschtiere waren immer weich, niedlich, aber sie konnten wenig ab – ich wollte etwas anderes.“ So entstanden ihre ersten Objekte. „Rupfen, Leder, Holzwolle, das sind Materialien, die etwas aushalten, Kinder sollen keine Angst haben, etwas kaputtzumachen.“ Sie arbeitete mit Therapeuten zusammen, testete die Tiere in der Praxis, um herauszufinden, was gut ankommt, vor allem bei Kindern mit körperlichen und mentalen Einschränkungen.
Die robusten, farbenfrohen Objekte waren von Beginn an für die Therapie in Kindergärten und Reha-Kliniken der damaligen DDR gedacht. Der Einsatz natürlicher Materialien war dabei ebenso innovativ wie die klare, reduzierte, vom Bauhaus-Design inspirierte Formensprache. Müllers Tiere sollten Kinder zum Greifen, Tasten und Balancieren anregen – und dabei die Fantasie beflügeln. Später gestaltete sie zwischen Elbe und Oder ganze Spielplätze für Behindertenschulen, erst in Erfurt, dann landesweit.
Eine wichtige Leitlinie ihrer Arbeit: die Philosophie des Reformpädagogen Friedrich Fröbel aus dem Thüringer Wald, der Mitte des 19. Jahrhunderts den ersten Kindergarten gründete und damit eine Grundlage für frühkindliche Bildung und Erziehung legte. „Kinder lernen am besten durch Spielen und praktische Erfahrungen“, sagt sie, „das richtige Spielzeug fördert dabei die Kreativität und Entfaltung der Persönlichkeit.“
Der weltweite Mittelpunkt der Spielwarenproduktion
Renate Müller erinnert sich gerne an ihre Jugendzeit in der DDR, wo ihr Werdegang früh vorgezeichnet war. Die Großeltern führten einen kleinen Spielzeugbetrieb in Sonneberg, als kleines Mädchen half sie in der Produktion mit und konnte gut zeichnen. So durfte sie an der Fachschule für Spielzeuggestaltung in Sonneberg studieren, dort entstanden bereits erste Rupfentiere in Handarbeit. 1967 präsentierte Müller die Objekte auf der Leipziger Herbstmesse mit ihrer früheren Dozentin Helene Haeusler.
Fortan entwickelte sie textiles Spielzeug für den Familienbetrieb, der 1972 zum VEB Therapeutisches Spielzeug verstaatlicht wurde und bis zum Fall der Mauer nach ihren Entwürfen produzierte. Sie selbst konnte sich dank ihrer Stellung bereits in der DDR selbstständig machen. Nach der Wende gründete Müller ihr eigenes Unternehmen, kaufte die Markenrechte zurück, brachte Sonneberger Spielzeugdesign auf internationale Messen und hatte auch in Japan kommerziellen Erfolg. So trägt Renate Müller dazu bei, in aller Welt den Ruf ihrer Heimatstadt lebendig zu halten, wo heute noch einige stolze Gründerzeitvillen und Fabrikgebäude vom einstigen Glanz zeugen. „Im 19. Jahrhundert war Sonneberg das Herz der weltweiten Spielwarenproduktion, über 2400 Betriebe fertigten hier Puppen, Teddys und ganze Miniaturwelten“, erzählt die stellvertretende Museumsleiterin Julia Thomae beim Rundgang. Um 1900 kamen rund 20 Prozent der weltweiten Spielzeugproduktion aus der kleinen Stadt im Thüringer Wald.
Über 6000 Exponate
Das Spielzeugmuseum bewahrt die Erinnerung an diese glorreichen Zeiten, gibt aber auch Einblick in die oft trostlosen Lebensumstände. Im Sonneberger Verlagssystem bezahlten die mächtigen Verleger nur für fertige Waren, Fabrikanten konkurrierten erbittert um die Aufträge, der Billigste bekam den Zuschlag – und gab Kostendruck und Risiken an seine Lieferanten weiter, Heerscharen oft bitterarmer Heimarbeiter, die mit ihren Familien ohne soziale Absicherung von der Hand in Mund lebten.
In der ältesten deutschen Spielzeugsammlung mit ihren mehr als 6000 Exponaten werden diese kritischen Aspekte nicht ausgeblendet. Vor dem Rundgang vermittelt ein zwölfminütiger Einführungsfilm wichtige Infos zur Historie und den Höhepunkten der Ausstellung. Dazu zählen Sonneberger Holzspielwaren aus dem 18. Jahrhundert, Porzellanpuppen und Figuren, die aus Brotteig und Pappmaché fertigt wurden.
Nach zwei Stunden macht sich Renate Müller mit ihrem Mann auf den Heimweg ins nahe Zuhause. „Daheim wartet noch eine Menge Arbeit auf uns“, berichtet sie, „wir packen gerade 60 Kartons voller Exponate für unsere nächste Ausstellung“. Von New York bis Tokio waren ihre Werke in Galerien und Museen schon zu sehen – doch auf die große Sonderschau in ihrer Thüringer Heimat freut sie sich jetzt schon ganz besonders.
Thüringen
Anreise
Mit dem Auto über die A73 (Ausfahrt Neustadt b. Coburg/Sonneberg). Es gibt auch gute Zugverbindungen: Zum Bahnhof Sonneberg fahren Regionalzüge von Coburg und Erfurt, www.bahn.de
Unterkunft
Hotel Schieferhof mit Jugendstilambiente in Neuhaus am Rennsteig, Doppelzimmer mit Frühstück ab 130 Euro, www.schieferhof.de. Hotel-Gasthof Hüttensteinach in Sonneberg mit regionaler Küche, Doppelzimmer ab 115 Euro, www.hotel-huettensteinach.de. Das Deutsche Spielzeugmuseum hat Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet, www.spielzeugmuseum-sonneberg.de. Mit dem Besuch lässt sich auch ein Abstecher in die Kulturhauptstadt Europas 2025, Chemnitz, verbinden.
Neben dem Spielzeugmuseum lohnt außerdem ein Besuch in der nahen Glasbläserstadt Lauscha, www.glasmuseum-lauscha.de, oder im Meeresaquarium Zella-Mehlis, www.meeresaquarium-zella-mehlis.de.
Allgemein
Thüringen Tourismus, www.thueringen-entdecken.de.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.