Rheinpfalz am Sonntag
Vietnam bremst Verbrenner aus
In Vietnams Hauptstadt ist die Luftqualität herausragend schlecht. Bald sollen neue Regeln helfen: ein Verbrenner-Aus für Mopeds. Doch E-Roller werden das Leben teurer machen. Sissy Nguyen kann noch nicht glauben, dass diese neuen Regeln bald greifen sollen. „Wenn die Regierung das wirklich durchzieht, wird’s finanziell eng“, stöhnt die Bankerin aus Hanoi nach Feierabend in ihrem Lieblingscafé an einem Teich im Stadtzentrum. „Manchmal testen die mit großen Ankündigungen auch nur die Stimmung, ehe sie dann wieder einen Rückzieher machen.“ Aber jetzt sehe es anders aus, murmelt Nguyen, blickt vom Tisch unter freiem Himmel wehmütig rüber zum Parkplatz, zu ihrem Moped.
Ab Juli darf das ältere Modell der japanischen Marke Honda nicht mehr in diesen Stadtteil fahren – denn es läuft mit einem Dieselmotor. Im Juli vergangenen Jahres beschloss Vietnams Ein-Parteien-Staat ein Gesetz, womit künftig nur noch E-Fahrzeuge im Hanoier Zentrum fahren dürfen. Später sollen weitere Bereiche Hanois sowie andere Städte im südostasiatischen Land mit 102 Millionen Einwohnern betroffen sein. Während in Europa jahrelang über ein Verbrenner-Aus diskutiert wird, zieht Vietnam es mal eben durch.
Dicke Luft in Hanoi
Für die sehr schnelle Elektrifizierung gibt es einen offensichtlichen Grund: die Luft. Im Ranking von IQAir, einem Schweizer Unternehmen für Luftqualitätstechnologie, landet Hanoi regelmäßig in den Top 10 der am ärgsten verschmutzten Städte. Aktuell ist die Luft nur in Delhi (Indien), Lahore (Pakistan), Dhaka (Bangladesch) und Krasnojarsk (Russland) schlechter. Als obersten Verschmutzer nennt der IQAir-Report: „Der Verkehr mit Pkw, Mopeds und Dieselfahrzeugen trägt stark zu Stickoxiden und Feinstaub bei.“
Wer schon in Hanoi war, wird das mit bloßem Auge beobachtet haben. Wenn sich tagsüber die bienenschwarmartigen Ansammlungen von Mopeds durch die Straßen bewegen, legt sich über die Köpfe der Menschen grauer Smog. Die Sonne wird unsichtbar. Es ist die unangenehme Folge aus Vietnams Wirtschaftswunder, das Mopeds hier zum typischsten Verkehrsmittel gemacht hat.
Das südostasiatische Land war zu Ende des Vietnamkriegs 1973 – der hier wegen des Gegners „Amerikanischer Krieg“ genannt wird – eines der ärmsten Länder der Welt. Nach kapitalistischen Reformen in den 1980er-Jahren konnte es sein Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf seither auf 4700 US-Dollar (rund 4100 Euro) um den Faktor 62 erhöhen. Mit einem Wirtschaftswachstum von gut sechs Prozent ist das Land ein Wachstumsmotor der Region.
Vietnam ist längst zum Neidobjekt seiner Nachbarländer geworden. Die Philippinen etwa, deren BIP pro Kopf im Jahr 2003 noch doppelt so hoch war, wurden Anfang dieses Jahrzehnts von Vietnam überholt – dabei zählen sogar auch die Philippinen als Volkswirtschaft mit hohem Wachstum. So betitelte der „Philippine Star“ letzten Sommer einen Text, in dem unter anderem eine Verwaltungsreform betont wird, die aktuell Bürokratie reduzieren soll, mit „Weitere Lektionen aus Vietnam“.
Wachstum und Klimaneutralität als Ziele
Denn der Staat will mehr: Die regierende Kommunistische Partei hat das Ziel vorgegeben, dass Vietnam bis 2045 ein „Land hohen Einkommens“ werde. Dafür müssten die bisherigen Wachstumsraten etwa beibehalten werden. Und dies könnte zu einem Zielkonflikt führen – denn bis 2050 will Vietnam CO2-neutral sein. Bisher besteht der Energiemix laut der Internationalen Energieagentur zu knapp 50 Prozent aus Kohle, fast 25 Prozent aus Öl und gut sechs Prozent aus Gas.
Fossile Brennstoffe sind also aus der vietnamesischen Energiepolitik aktuell kaum wegzudenken. Wobei die Menschen dies auch spüren, zumal in Städten wie Hanoi. Eine Ende 2025 im akademischen Journal „Case Studies in Chemical and Environmental Engineering“ veröffentlichte Studie stellt fest, dass die Verschmutzung mit Feinstaub hier pro Jahr zu etwa 5800 frühen Todesfällen führt. Hanois regionale Wirtschaftskraft werde durch die Luftverschmutzung um rund 6,3 Prozent reduziert.
„Mir ist klar, dass die Luft mit E-Rollern besser wäre“, sagt Sissy Nguyen, die ihren wahren Namen nicht verrät, weil Vietnams Regierung kritische Stimmen nicht toleriert. „Aber wie soll sich das so schnell umsetzen lassen?“ Von Armut betroffene Haushalte erhalten bis zu 100 Prozent Subventionen für eine Neuanschaffung. Die Mittelschicht, zu der Nguyen gehört, kann nur auf Zuwendungen von kaum 200 Euro oder 20 Prozent zählen. „Neue Klamotten und Kaffeetrinken kann ich mir dann nicht mehr leisten.“
Und diejenigen im Land, die schon ein eher hochpreisiges Produkt fahren, werden kaum auf das günstige Elektromodell umsteigen wollen. E-Mopeds starten bei rund 500 Euro, steigen aber – je nach Höchstgeschwindigkeit und Reichweite – auf 1000 Euro und deutlich mehr. Der Durchschnittslohn pro Monat in der Hauptstadtregion beträgt dagegen um die zehn Millionen Dong, also rund 325 Euro. So schlussfolgert eine Studie, die 2024 im Journal „Transportation Research Part D: Transport and Environment“ veröffentlicht wurde: „Die vorherrschende Meinung deutet darauf hin, dass der vergleichsweise hohe Preis zuverlässiger Elektro-Zweiräder im Vergleich zu ihren benzinbetriebenen Pendants weiterhin ein erhebliches Hindernis darstellt, was auch von zahlreichen Experten bestätigt wird.“
Skepsis bei Bürgern
Es sind aber nicht nur die Preise, die skeptisch machen. Unter einem Artikel der Zeitung „VN Express“ reihen sich ungläubige Kommentare. Ein Leser schreibt: „Es gibt kaum Ladestationen oder etablierte Regulierungen, dafür wiederholte Feuer an E-Rollern, aber ab 2026 werden die E-Roller verpflichtend? Verstehe ich das richtig?“ Ein anderer: „Okay, etwas Emissionen sparen wir ein, die dann gleich wieder durch den zusätzlich produzierten Strom rausgeblasen werden. Was ist eigentlich mit dem CO2 all der Fabriken hier?“
Spitze Zungen sehen in der Maßnahme auch einen industriepolitischen Zusammenhang. Am Rande einer Konferenz über Vietnams wirtschaftliche Entwicklung sagt eine Analystin, die sich Nhat nennt: „Einer der größten Hersteller von E-Rollern ist der vietnamesische Konzern Vinfast.“ Und der gilt als politisch sehr gut vernetzt. Ist die grüne Wende also in Wahrheit ein Schritt zur Förderung der heimischen Industrie?
Transportwende ist dringlich
Lewe Paul, der das Hanoi-Büro der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung leitet, will einen Zusammenhang nicht ausschließen. „Vietnam ist selbst stark vom Klimawandel betroffen. Das erhöht die Dringlichkeit einer Transportwende“, sagt er. „Das Ziel des Wirtschaftswachstums scheint aber schwerer zu wiegen.“ Dass die vietnamesische Regierung von ihrem offenbar unpopulären Elektrifizierungsziel doch noch einen Rückzieher machen könnte, glaubt Lewe Paul nicht. „Die Anzeichen verdichten sich, dass das genau so umgesetzt wird.“
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.
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