Alltagsmanager
Vernachlässigt: Mama, Papa, Handy weg!
Papa, komm jetzt endlich!“ Der Vierjährige wird langsam ungeduldig. Er steht mit Jacke, Schal, Mütze und Handschuhen im Flur, abmarschbereit, um zum Spielplatz um die Ecke zu gehen. Doch der Papa murmelt nur „gleich“ und tippt noch eine Mail in sein Smartphone, bevor er sich in Schuhe und Jacke bequemt.
In der Straßenbahn schaut die junge Mutter auf ihr Handy, während ihr Baby im Kinderwagen vergeblich ihren Blick sucht. Auf dem Spielplatz sitzen Väter auf der Bank und scrollen auf ihren Geräten, anstatt auf ihre Kinder zu schauen, die beifallheischend von der Rutsche zu ihnen hinüberblicken. Alltagsszenen, die nicht spurlos an den Kleinen vorbeigehen.
Eltern sind groß darin, die Bildschirmzeit ihrer Kinder einzuschränken – selbst sind sie allerdings oft ein schlechtes Vorbild. Sie schieben den Buggy, füttern ihre Kinder, holen sie vom Kindergarten ab, gehen mit ihnen auf den Spielplatz – und tippen dabei herum. Mama und Papa sind zwar da – und doch woanders. Das merken Kinder.
Für ihre Entwicklung kann es Folgen haben, wenn sie häufiger die Smartphone-Rückseite statt des Elterngesichts zu sehen bekommen: Ihre Denk- und Aufnahmefähigkeit etwa leiden darunter. Zu diesem Schluss kommt eine im Fachmagazin „Jama Pediatrics“ erschienene Studie aus Australien, die zahlreiche internationale Untersuchungen zu dem Thema ausgewertet hat.
Die geistige Leistungsfähigkeit leidet
„Technoferenz“ – so nennen Forscher es, wenn Smartphone und Co. den persönlichen Kontakt stören. Inzwischen stelle die Handy- und Tabletnutzung von Eltern in Anwesenheit der Kinder „ein wachsendes Problem in der Familiendynamik“ dar, heißt es in der Analyse.
Für die Überblicksarbeit wurden 21 Studien mit insgesamt rund 15.000 Teilnehmer aus zehn Ländern ausgewertet. Das Ergebnis: Nutzen Eltern in Anwesenheit ihrer Kinder ständig mobile Geräte, geht das beim Nachwuchs mit nachweisbar schlechterer geistiger Leistungsfähigkeit und gestörtem sozialen Verhalten, geringerer Bindung und einem höheren Maß an psychischen Problemen einher. Denn die ständige Interaktion zwischen Eltern und Nachwuchs sei für die kognitive Entwicklung von Kleinkindern unerlässlich.
Schon Neugeborene reagieren mit Stress, wenn die Mama ständig am Smartphone hängt. Agnes von Wyl, Leiterin der Fachgruppe Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Zürich, verweist auf das sogenannte Still-Face-Experiment. Dabei fordern Forscher enge Bezugspersonen wie etwa Mütter auf, mit plötzlich versteinertem Gesicht nicht mehr auf ihr Baby zu reagieren. Resultat: Die Babys suchen nach Zuwendung – mit Strampeln, Armwedeln und schließlich Weinen. Bleibt die Zuwendung aus, resignieren Babys irgendwann, sie geben auf. „Ähnliche Reaktionen löst der ständige Blick aufs Smartphone aus“, warnt die Psychologin.
Neugeborene kommen heutzutage oft schon im Kreißsaal mit dem Smartphone in Berührung – beim ersten Foto. Und sie kriegen auch schon in ihren ersten Monaten mit, dass das Smartphone ein sehr wichtiger Gegenstand sein muss, auch wenn ihnen noch nicht klar ist, warum eigentlich.
Das Kind kämpft um Aufmerksamkeit
„Mama und Papa schauen da ständig drauf“, sagt Antonia Dinzinger von der Paracelsus Medizinischen Universität Salzburg (PMU). Sie hat in mehreren Studien mit unterschiedlich alten Kindern untersucht, welche Auswirkungen die Handynutzung der Eltern haben kann.
Um Aufmerksamkeit kämpfen nämlich nicht nur die Kleinsten. Bei älteren Kindern zeige sich in Spielplatzstudien, dass ihr Verhalten risikoreicher wird, wenn die Eltern abgelenkt sind. „Wenn ich auf den allerhöchsten Turm klettere, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass jemand herschaut“, erklärt Dinzinger das.
Dabei sind das nur die kurzfristigen Auswirkungen der elterlichen Smartphonesucht. Wie sieht es langfristig aus? Studien der PMU aus den Jahren 2023 und 2024 kamen zu dem Schluss, dass die kindliche Sprachentwicklung leidet. „Wir sehen dann Kinder, die weniger Vokabular haben – und zwar bis zu 20 Prozent weniger“, sagt Dinzinger. Der Grund dafür: Wer ständig am Handy ist, redet weniger. Und wenn weniger mit den Kindern gesprochen wird, sprechen auch die Kinder weniger – und entwickeln ihre sprachlichen Fähigkeiten langsamer. Denn Sprache wird in den ersten Lebensjahren durch ständiges Wiederholen von Wörtern erlernt, etwa beim Essen, Wickeln oder generell in Familienroutinen.
Auch Impuls- und Gefühlskontrolle können durch die elterliche Smartphonenutzung in Mitleidenschaft gezogen werden. So zeigt eine amerikanische Studie von Forschern der University of California in Santa Barbara, dass Kinder, deren Eltern in ihrer Anwesenheit regelmäßig am Bildschirm waren, eine niedrigere emotionale Intelligenz haben als Kinder, deren Eltern sich vom Handy fernhielten. Denn Kinder lernen, ihre Emotionen zu regulieren, indem Eltern ihnen dabei helfen. Durch das Handy ist diese Regulation durch Unterstützung aber eingeschränkt.
Kontakt fehlt, später Probleme
Ist die Entwicklung emotionaler Intelligenz gestört, kann das Auswirkungen auf das gesamte Leben des Kindes haben. Andere Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen mit einer hohen emotionalen Intelligenz insgesamt glücklicher und zufriedener in ihrem Leben und ihren Beziehungen sind – und auch beruflich erfolgreicher. Eltern sollten sich selbst mehr disziplinieren und Bildschirmpausen einlegen, schlussfolgern die amerikanischen Forscher.
Susanne Eggert vom JFF-Institut für Medienpädagogik in München pflichtet den Erkenntnissen bei: „Dass Probleme zwischen Eltern und Kindern größer werden, wenn es weniger persönlichen Kontakt gibt und Probleme nicht ausgehandelt werden, ist nicht verwunderlich.“
Natürlich könnten Eltern das Smartphone auch nutzen, um sich bei konkreten Erziehungsproblemen Hilfe zu suchen. „Zentral ist aber immer der direkte Kontakt und Austausch mit dem Kind“, betont die Expertin. Grundsätzlich sei es sinnvoll, in der Familie gemeinsam Regeln zur Nutzung mobiler Medien zu bestimmen, an die sich alle halten – inklusive einer medienfreien Zeit.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.