Volkstrauertag RHEINPFALZ Plus Artikel Unvergessen: Warum deutsche Soldaten in Texas begraben liegen

Jeden Volkstrauertag findet eine Zeremonie auf dem Friedhof von Fort Sam statt, an der auch Vertreter der Bundesrepublik Deutsch
Jeden Volkstrauertag findet eine Zeremonie auf dem Friedhof von Fort Sam statt, an der auch Vertreter der Bundesrepublik Deutschland teilnehmen, zum Beispiel vom Konsulat in Houston.

An diesem Sonntag ist Volkstrauertag. Die 1919 begründete Tradition, der deutschen Kriegstoten zu gedenken, wird auch im Ausland gepflegt. Was der texanische Beethoven Chor und ein Pfälzer Bundeswehroffizier damit zu tun haben.

Claus Heides niedersächsischer Tonfall ist unverkennbar. Woher er genau stamme? „In Celle geboren, in Fallingbostel aufgewachsen“, tönt es aus dem Telefonhörer. Der 83-Jährige lebt seit 1965 im Süden des US-Bundesstaats Texas, in San Antonio. Aber sein Deutsch pflegt er Tag für Tag. „Ich arbeite noch voll“, betont Heide, der jeden Morgen um 5 Uhr aufsteht. Der Ingenieur ist Executive Vice-President einer Firma, die auch in der alten Heimat Kunden hat. Und Heide engagiert sich im Beethoven Männerchor. „Der älteste westlich des Mississippi“, wie er betont: Seit 1867 gibt es den Verein, der heute 500 Mitglieder hat.

Heide singt Zweiter Bass und ist der Ehrenvorsitzende. Neben dem 50-köpfigen Männerchor gibt es drei Kapellen. Das Clubheim hat – natürlich – Bratwurst auf der Speisekarte. Jeden Dienstagabend gibt es Deutschunterricht für Erwachsene, samstagmorgens für Kinder. Das Telefonat mit Heide kommt spontan zustande. Vermittelt hat es Oberstleutnant Thomas Emig. Der Westpfälzer Bundeswehroffizier ist im texanischen Wichita Falls stationiert, wo auf der Sheppard Air Force Base Kampfpiloten der Nato-Partner ausgebildet werden. Emig hat den Deutsch-Amerikaner Heide mit dem Veteranenabzeichen der Bundeswehr geehrt: Der frühere Soldat der Luftwaffe hat sich jahrzehntelange mit dem Beethoven Chor auf dem Militärfriedhof von Fort Sam in Houston engagiert.

Deutsches Traditionsliedgut

Dort liegen 133 ehemalige deutsche Soldaten begraben, die im Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangene in Texas interniert waren. Jedes Jahr zum Volkstrauertag veranstaltet der Chor eine Zeremonie, bei der auch das Lied „Ich hatt’ einen Kameraden“ von Ludwig Uhland und Friedrich Silcher angestimmt wird. In würdevollen Reihen stehen die weißen Marmor-Grabsteine im Grabfeld „Section ZA 846“. Gemeinsam mit den Deutschen haben zudem noch acht Ex-Kriegsgefangene aus Italien, Japan und Österreich hier ihre letzte Ruhe gefunden.

Heide will im Telefonat keine großen Worte machen. Der Toten, die für ihr Land gekämpft haben, zu gedenken, sei für ihn eine Selbstverständlichkeit. „Das hat sich über die Jahre so entwickelt“, erzählt Heide. Erstmals sei vor 35 Jahren der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Fort Sam aktiv geworden, unter Federführung des Deutschen Konsulats in Houston und der Bundeswehr gebe es zum Volkstrauertag auch Kranzniederlegungen.

Der Generalsekretär des Volksbunds ist General a. D. Dirk Backen. Auch er kennt Heide: „Ich durfte 2015 noch in meiner Eigenschaft als damaliger Verteidigungsattaché an der Deutschen Botschaft an der Zeremonie teilnehmen. Es war unglaublich beeindruckend, denn lange nicht alle Mitglieder sind ja direkte deutsche Einwanderer.“ Backen weiter: „Ich denke, wenn ein Amerikaner zum deutschen Volkstrauertag an deutschen Gräbern das Lied vom guten Kameraden singt, dann ist das auch ein Zeichen von gewollter Versöhnung, ohne zu vergessen, wer den Krieg und seine Verbrechen entfacht hat.“ Für diese versöhnende Gedenkarbeit wurde der Beethoven Chor auch mit der Volksbund-Ehrenplakette in Gold geehrt.

133 ehemalige deutsche Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangene in Texas interniert waren, liegen in Houston begra
133 ehemalige deutsche Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangene in Texas interniert waren, liegen in Houston begraben.

Die Gräber der 133 Wehrmachtssoldaten in Texas sind nicht die einzigen deutschen Kriegsgräber in den USA und Kanada. An 43 Orten von der West- bis an die Ostküste gibt es welche. Von 1942 bis 1946 waren insgesamt eine halbe Million deutscher Kriegsgefangener in Nordamerika interniert. Zum Vergleich: Insgesamt 5.395.375 deutsche Kriegstote und Vermisste sind in den Archiven des Volksbunds dokumentiert. Aus dem Auswärtigen Amt in Berlin heißt es dazu: „Das Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zu bewahren und zum Frieden zu mahnen sind zentrale Anliegen der Bundesregierung. Dazu wird im Auftrag der Bundesregierung der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. tätig.“

Die Soldatengräber in Houston gehören zum Nationalfriedhof-System der USA, das landesweit 155 Militärfriedhöfe zähle, wie der stellvertretende Leiter von Fort Sam National Cemetary, Robert Winkler, erklärt. „Wir sorgen für gestorbene Veteranen, egal, woher sie stammen, und zollen ihnen den verdienten Respekt.“ Winkler, dessen eigene Ahnen einst aus „Germany“ nach Amerika auswanderten, kennt die Historie der 133 deutschen Gräber: „Sie waren ursprünglich separat von den amerikanischen, aber mit den Jahren wuchs der Friedhof und heute liegt das deutsche Grabfeld mittendrin.“ 4200 Begräbnisse amerikanischer Veteranen habe es zuletzt jährlich auf dem Fort Sam National Cemetary gegeben.

Andere Gedenkkultur

Volksbund-Generalsekretär Backen lobt die enge Zusammenarbeit und die großzügige Pflege der Gräber. „Grundsätzlich sorgt das Department für Veteran Affairs für die Kriegsgräber deutscher Soldaten in den USA. Es sind immerhin rund 1400.“ Mit anderen alliierten Staaten laufe die Kooperation ähnlich eng. In Osteuropa, gerade in Russland, sei dies nicht so selbstverständlich. „In Russland gibt es ein anderes Narrativ in der Erinnerungs- und Gedenkkultur. Es ist weniger auf Versöhnung ausgerichtet, sondern betont sehr viel stärker den patriotischen Geist und den Sieg über Nazi-Deutschland“, so General a. D. Backen und fügt hinzu: „Angesichts der über 20 Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg ist das vielleicht auch nicht verwunderlich.“ Immerhin, betont Backen, halte sich der russische Staat weiter an das Kriegsgräberabkommen mit Deutschland, das 1992 unterzeichnet wurde.

Die Schatten der Nazi-Vergangenheit haben im Jahr 2020 auch in Texas für Schlagzeilen gesorgt. Auf zwei Grabsteinen wurden NS-Symbole festgestellt. Die beiden Soldaten waren Träger des Eisernen Kreuzes, einer militärischen Ehrung, die zu Nazizeiten auch das Hakenkreuz zierte. Laut US-Medienberichten gab es auf den Gräbern zudem die Inschrift „Er starb fern von seiner Heimat für Führer, Volk und Vaterland“. Auf Druck texanischer Kongressabgeordneter sorgte das Amt für Veteranen-Angelegenheiten dafür, dass die beiden Gräber neue Steine bekamen.

Claus Heide (links) vom Beethoven Chor und Oberstleutnant Thomas Emig (Mitte) von der Luftwaffe.
Claus Heide (links) vom Beethoven Chor und Oberstleutnant Thomas Emig (Mitte) von der Luftwaffe.

Die Grabsteine tragen in der Regel nur die Namen der Verstorbenen, den Dienstgrad und das Todesdatum, nicht aber den Herkunftsort. Zum Beispiel: „Gerhard Walkhoff, Major, German, 21. Februar 1945“. Oder: „Leo Fader, Unteroffizier, German, 2. Februar 1944.“ Oberstleutnant Emig betont: „Es wurde von deutscher Seite sichergestellt, dass keine Kriegsverbrecher unter den Begrabenen sind. Ich würde mich selbstverständlich auch nicht am Volkstrauertag vor ein Hakenkreuz stellen.“ Bei der Ehrung der Toten gehe es eben nicht um Kriegsverherrlichung. „Es geht darum, dass diese Episode in Texas Teil unserer Geschichte ist.“

Dass die 133 Wehrmachtssoldaten in den Süden der USA kamen, liegt übrigens daran, dass sie im Afrikakorps unter Generalfeldmarschall Erwin Rommel dienten. Die in Nordafrika in Gefangenschaft Geratenen mussten dann nach den internationalen Kriegsrechtsregeln in einer ähnlichen Klimazone interniert werden. Einige der Kriegsgefangenen kehrten nach Kriegsende zunächst nach Deutschland zurück, entschieden sich dann aber dafür, in die USA auszuwandern.

Beethoven-Chor-Ehrenvorsitzender Heide weiß: „Es gab eine Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als Deutschland als Feind gesehen wurde. Aber schon wegen der vielen Deutschstämmigen in Texas ist die Einstellung nach dem Zweiten Weltkrieg durchweg positiv gewesen.“

Arbeitseinsatz der Luftwaffe

In den vergangenen Wochen hat Oberstleutnant Emig mit anderen Bundeswehrsoldaten erneut die sechs Stunden Autofahrt von Wichita Falls nach San Antonio gemacht, um die Volkstrauertag-Zeremonie an diesem 17. November vorzubereiten. Grabsteine wurden geradegerückt und gereinigt. Den Dampfstrahler hat die Friedhofsverwaltung von Fort Sam zur Verfügung gestellt, wie Vizechef Winkler erzählt. „Die haben das Grabfeld richtig aufgehübscht“, so der US-Beamte und verweist auch auf die drei Bäume, die auf Initiative der Bundeswehrsoldaten frisch gepflanzt wurden. Das Geld dafür kam von der Deutschen Botschaft. „Wir wissen das wirklich zu schätzen, wie die Luftwaffe sich der Gräber mitannimmt“, lobt Winkler. „Sie zeigen denselben Stolz für ihr Militär, das wir pflegen.“

Beethoven-Chor-Ehrenchef Heide ist sich sicher, dass die Zeremonie, an der er so oft schon teilgenommen hat, auch in Zukunft stattfinden wird. „Das geht weiter, auch wenn ich mal nicht mehr bin.“ In seiner trockenen niedersächsischen Art fügt er hinzu: „Da wissen inzwischen schon genügend Leute, wie es läuft.“

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