Pfalz
Taiji im Selbstversuch: Hilfe – mein Qi klemmt!
„Kann man ganz einfach zeigen“, sagt Beate, wir stehen im Vorraum des „Dojo“, also des Trainingsraums, und suchen unsere Straßenschuhe. Was Beate jetzt zeigt, läuft auf den Kern der Kunst hinaus, soweit man das als Journalist nach der ersten 60-Minuten-Taijiquan-Trainigseinheit des Lebens beurteilen kann.
Beate also zeigt, und das heißt: Sie legt die Hand auf die Brust den Reporters und schubst, und das zweimal. Bei ersten Mal kommt die Kraft lediglich aus den Muskeln des Oberarms, und da passiert nicht viel. Beim zweiten Mal zieht Beate die Kraft aus der Körpermitte, mit fast unmerklichem Hüftschwung, und an der Stelle wäre eine hoffnungsvolle journalistische Karriere fast vorbei, weil sich der Autor dieser Zeilen fast flächig über die Wand in seinem Rücken verteilt hätte. Wir übertreiben natürlich, aber im Kern stimmts: Der Unterschied ist frappant, und er hat wohl mit der gezielten Verteilung von Energie im Körper zu tun. Worum’s hier letztlich wohl geht, beim „Taijiquan“ (spricht sich „Dei-Tschi-Tschüan“), der „inneren Kampfkunst“ also, die Westler salopp auch „Schattenboxen“ nennen.
Mittwochabend, Trainingseinheit für Anfänger beim „1. Taijiquan-Dao Verein Ludwigshafen“. Gedämpftes Licht und gedämpfte chinesische Instrumentalmusik im Dojo, genau gegenüber läuft das Kontrastprogramm: Der Trainingsraum liegt in der Nähe des Rheingönheimer Bahnhofs, im ersten Stock des Vereinsheims der Sportschützen – und vis-a-vis ist ein Fitnessstudio, man kann den Damen und Herren beim Laufbandjoggen und Gewichtestemmen zusehen, und ahnt das dumpfe Hämmern der Bässe. Es wird sich im Verlauf der Übung das Fitnessstudio genauso ausblenden lassen wie der Rest der Welt, soviel sei vorweggenommen. „Erholung für mein Gehirn“, wird Matthias Hartmann sagen, der Übungsleiter des Abends. War wohl nie wertvoller als heute, Donald und Wladimir sei Dank.
Erholung fürs Gehirn
Was hier gleich passieren wird, kennt man beispielsweise von Fernsehbildern aus China: Gruppen oft älterer Chinesen im Park, gemessene Bewegungen, die scheinbar ins Leere greifen. „Die Ausübung von Taijiquan in den frühen Morgenstunden befreit den Geist und bereitet einen darauf vor, mit allen Aufgaben des Tages fertig zu werden“, weiß ein Lehrbuch. Fließend ausgeführt sieht das aus wie eine Form von Gesellschaftstanz, bei der einem der Partner flöten gegangen ist, Hartmann macht es vor.
Im Prinzip verbindet man beim „Taijiquan“ verschiedene Körperhaltungen, „Formen“, miteinander. Und über jene Formen verlagert man Gewicht und Muskelspannung, oder anders, chinesisch ausgedrückt: Man leitet „Qi“ (spricht sich „Tschi“), also Energie, fließend durch den gesamten Körper – so, wie Beate das nach Ende des Trainings illustrieren wird, indem sie den Reporter aus der Hüfte fast gegen die Wand hämmert.
Beim Reporter selbst, es lässt sich nicht verleugnen, läuft das erst mal weniger flüssig: Sein Qi klemmt ein wenig, insbesondere im linken Knie. Klingt jetzt esoterisch, isses aber nicht: Alleine durch die ständigen Gewichtsverlagerungen, die schon die Aufwärmübungen an diesem Mittwoch beinhalten, bekommt man eine erste Ahnung davon, wie man jene Energie bewusst-unbewusst steuern kann – wenn man’s denn erst mal kann. Je nach Schule besteht ein Taijiquan-Zyklus nämlich aus 24, 48 oder mehr Formen mit durchaus klangvollen Namen wie „Den Spatzen am Schwanz greifen“– und die wollen erst erlernt und flüssig getanzt sein. Bis man soweit ist, das dauert. „Der Weg ist sehr weit“, sagt Hartmann.
Kampf ohne Gegner
Tanzen ist eine Metapher für das Tun, man könnte auch sagen: Die Formen wollen ins Gefecht eingebracht werden. Taijiquan ist nämlich ursprünglich eine Kampfkunst, eine ohne physisch vorhandenen Gegner sozusagen. Und wie man hier ficht, das hat nun wieder viel mit Energieflüssen zu tun: Beim Taijiquan weicht man der Energie des Gegners aus – um im fließendem Wechsel selbst welche abzugeben. Im Prinzip zieht man jene Kraft dabei vor allem aus dem Stand, also dem Boden selbst – und leitet sie durch den Körper. „Je mehr Gegendruck ich erzeuge, desto mehr Energie bekomme ich zurück“, wird Ingo Ellerhold, Gründer und Ehrenvorsitzender des Vereins, einige Tage später sagen.
Ellerhold und Hartmann kommen im Übrigen beide aus dem Kampfsport – das ist für die meisten Vereinsmitglieder aber nicht der Kernpunkt beim Taijiquan. „Wir machen hier keine Kampfkunst“, sagt Hartmann, der Fokus liegt eher auf der Gesundheitsförderung und der meditativen Konzentration auf sich selbst. „Aufmerksamkeit, Intuition – das alles bildet sich“, sagt Ellerhold. Als „Achtsamkeitsübung“ wird einer der Teilnehmer das Ganze nach Ende des Trainings bezeichnen. Und letztlich heißt vom Chinesen lernen natürlich siegen lernen.
Das Taijiquan hat seines Wurzeln im Daoismus, rüde vereinfachend ausgedrückt: Das Ying-Yang-Ding, der Name deutet es an. „Taiji“ ist ein Synonym für das höchste Wirkprinzip im Daoismus, das Wechselspiel der Gegensätze, durch das berühmte Ying-Yang-Symbol illustriert.
An der Stelle muss man sich kurz Urlaub von seiner westlich geprägten Weltsicht nehmen: Die großen Gegensatzpaare wie Himmel und Erde oder männlich und weiblich sind in jener Vorstellung nicht statisch voneinander getrennt – sondern vom stetigen Wechsel zwischen Annäherung und Abstoßung geprägt, so, wie die Energie im Taijiquan von außen kommt und fließend wieder in die Welt gelenkt wird. Ein bloßes „Mit-sich-machen-lassen“ ist die Kunst dabei nicht: „Quan“ heißt „Faust“, illustriert wohl den stetigen Wechsel zwischen Ausweichen und Zurückschlagen.
Mao hatte was gegen Daoismus
Macht man eben so, in China, und dies schon ziemlich lange und in den letzten Jahrzehnten global ziemlich erfolgreich. Präziser ausgedrückt: Macht man inzwischen wieder so, im Reich der Mitte. Während der chinesischen Kulturrevolution in den 1960/70er-Jahren war das Taijiquan verpönt, und viele Meister der Kunst haben sich ins Ausland abgesetzt, Beginn der globalen Verbreitung des Phänomens. Das Misstrauen Maos gegenüber dem Taijiquan hat wohl mit dessen Wurzeln im Daoismus zu tun: Der hat beispielsweise das Kernprinzip des „Wu Wei“, wörtlich „Nichthandeln“, meint eher das Tun im Einklang mit der Welt – und ein Kommunist will die Welt und den Menschen durchaus radikal umformen.
Hat sich offensichtlich geändert, wie man in China aufs Taijiquan schaut und was man mit dem Taijiquan macht, es ist dies eben eine sehr flexible Kunst zwischen innen und außen, Ausweichen und Agieren. „Man muss den Teig kneten“, hat die gestrenge chinesische Taijiquan-Lehrerin von Beate Konrad-Hanika immer gesagt. Es ist diese Beate, selbst ausgebildete Taijiquan-Lehrerin, im Übrigen nicht die Schubs-Beate von gerade eben, sondern eine andere Beate. Und die Gattin des geschätzten RHEINPFALZ-Kollegen Michael Konrad, damit ist die Kuh dann auch vom Reisfeld.
Hat gedauert, bei der nicht-schubsenden Beate aus Landau, neun Ausbildungswochen über mehrere Jahre bei einem chinesischen Lehrerehepaar, dazu Intensivtraining bei einem Taiji-Lehrer aus der Pfalz. „Ich glaube, das A und O ist, dass du dir Zeit lässt zu üben – damit du auch merkst, was das bedeutet“, sagt Beate Konrad-Hanika. Wenn man es allerdings übt, vor allem auch zuhause, dann „lernst du deinen Körper genau kennen“, sagt sie – und man ist dabei ganz bei sich selbst. „Wenn du eine Stunde Taiji machst, hast du nichts anderes“, sagt sie. „Wenn du joggst, läufst du Gefahr, nachzudenken. Beim Taiji passiert das eher nicht – die Abläufe sind einfach zu komplex.“ Es muss natürlich passen, zwischen Lehrer und Schüler, und da rät Konrad-Hanika, die Kunst und sich selbst zunächst beispielsweise in einem Volkshochschulkurs auszuprobieren.
Und jetzt fragen wir die Kursteilnehmer in Rheingönheim einfach mal, wie’s denn gewirkt hat, das Taijiquan – und ob man den Zumutungen der Welt damit anders begegnet. Körperbewusstsein jedenfalls bildet sich, das Taiji trainiert durch sein langsames Fließen vor allem die Tiefenmuskulatur, meint eine Teilnehmerin, Physiotherapeutin. Es ist dies allerdings nicht alles – und was es ist, das ist wohl sehr stark auch vom Ausführenden abhängig. „Man kommt bei sich selbst an – und man geht mit äußeren Einflüssen gelassener um“, sagt Dagmar. Die arbeitet im Übrigen in der sozialpädagogischen Familienhilfe, und was sie da zu sehen bekommt, ist wohl oft auch alles andere als einfach zu verarbeiten. „Das (Taijiquan) hat mir da sehr geholfen“,sagt sie.
Und so weiß der Autor dieser Zeilen nunmehr genau, was er zu tun hat, um den Wladimirs und Donalds dieser Welt erst geschmeidig auszuweichen, um ihnen dann saftig was vor den Latz zu knallen. Wie gesagt: Was es ist, das kommt immer auch auf den Ausführenden an. Es wird also rappeln, und das oszillierende Geräusch, das Sie jetzt wohl im Hintergrund hören, ist das Angstschlottern der Wladimirs und Donalds dieser Welt. Wenn erst das Qi besser durchs linke Knie fließt. Da klemmt es nämlich ein bisschen.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.