Familie RHEINPFALZ Plus Artikel Streiten will gelernt sein

Streit gehört zum Familienleben. Die Frage ist nur, wie Eltern das tun und vorleben.
Streit gehört zum Familienleben. Die Frage ist nur, wie Eltern das tun und vorleben.

Viele Eltern versuchen, Konflikte vor ihren Kindern möglichst zu vermeiden. Von Sandra Markert

Mehrere Leute sind in einem Raum. Alle haben einen aufgeblasenen Luftballon in der einen und eine Stecknadel in der anderen Hand. Wer traut sich, zuzustechen? Wer zögert, weil er Angst hat, durch den Knall negativ aufzufallen? Wer lässt es sein, weil er damit etwas Intaktes kaputt machen würde? „Die Ballon-Übung ist ein Test, um herauszufinden, welcher Konflikt-Typ man ist“, erklärt der Schweizer Streitforscher Guy Bodenmann.

Immer wieder erlebt er Paare, die von sich sagen: „Wir streiten uns nicht.“ Denn gemeinhin würde ein Streit vor allem als solcher wahrgenommen, wenn es zu einer lautstarken Auseinandersetzung kommt, der Ballon also platzt.

Jeder streitet auf seine Weise

„Es gibt aber sehr viele verschiedene Streitstile. Ich kann auch verdeckt, schwelend, hinterhältig oder vermeidend einen Konflikt austragen“, sagt Guy Bodenmann. Der Psychologe und Paartherapeut hat ein kostenloses Online-Training entwickelt, in welchem Eltern herausfinden können, was für ein Konflikttyp sie sind.

Denn: Jeder dieser Streitstile hat Auswirkungen auf die Kinder. „Nur weil ich vor den Kindern nicht laut werde, spüren sie dennoch, dass etwas nicht stimmt. Und sie schauen sich das jeweilige Konfliktverhalten ab“, sagt Guy Bodenmann, Autor von „Streitet euch. Wie Konflikte Paare und ihre Kinder stärken“. Wird in der Familie nie gestritten, so nehmen Kinder mit: Konflikt ist etwas grundsätzlich Negatives. „Und geraten sie selbst in eine Streitsituation, fehlt ihnen das Werkzeug, damit umzugehen“, sagt Guy Bodenmann.

Die Frage ist, wie man streitet

Auch für den Paar- und Familientherapeuten Christian Pröls-Geiger ist es keine Frage, dass Streit zum Familienleben dazugehört. „Man kann nicht immer super harmonisch funktionieren in einer Familie, obwohl das Hochglanzbilder in sozialen Medien gern vermitteln. Die Frage ist deshalb nicht, ob ich streiten soll, sondern wie“, so Pröls-Geiger, der auch ein Buch zum Thema geschrieben hat („Hört auf zu streiten. Was Kindern hilft, wenn es zu Hause kracht.“). Sein wichtigster Tipp, um einen Streit möglichst konstruktiv anzugehen: „Darüber sprechen, wenn das Thema nicht heiß ist.“ Idealerweise merkt man im Vorfeld, dass sich eine konfliktträchtige Situation anbahnen könnte – sei es, weil zwei Kindergeburtstage in der Familie vor der Tür stehen, ein Partner bei der Arbeit stark eingespannt ist oder ein Urlaub bevorsteht.

„Sobald ich merke, dass die Ressourcen knapper werden, lohnt es sich zu überlegen, wie man sich gut unterstützen kann und welche Dinge vielleicht auch mal liegen bleiben können“, sagt Christian Pröls-Geiger. Viele Familien hätten sehr idealisierte Bilder im Kopf, etwa beim Thema Ordnung oder Sauberkeit. „Da darf ich ruhig immer mal wieder einen Realcheck machen und das an die aktuelle Alltagsbelastung anpassen.“

Der Rat: Immer konkret bleiben

Da in den meisten Familien aber selbst ohne besondere Ereignisse die Zeit knapp ist, lassen sich nicht alle Konflikte vorbeugend entschärfen. „Insbesondere wenn ich kleine Kinder habe, kommt ja noch dazu, dass permanenter Schlafmangel und kaum Zeit für sich zu haben, einfach sehr dünnhäutig machen“, sagt Christian Pröls-Geiger.

Kommt es aus solchen Gründen heraus zu einem Streit, passiert das nicht selten nach dem destruktiven „Du und immer“-Muster, wie es Guy Bodenmann nennt. „Statt dem anderen etwas vorzuwerfen, ist es aber wichtiger, seine eigenen Bedürfnisse zu kommunizieren. Und statt zu verallgemeinern, bleibt man lieber in der ganz konkreten Situation“, sagt Guy Bodenmann.

Mit Abstand darüber reden

Meist gelingt auch das mit etwas Abstand zur Situation besser – und mit ein wenig Zeit, um sich zuzuhören. „Gerade die ist für Eltern natürlich meist sehr knapp. Aber da muss man dann eben etwas kreativ werden“, findet Christian Pröls-Geiger. So kennt er beispielsweise Paare, die sich in der Mittagspause anrufen oder bewusst eine halbe Stunde in der Woche abends im Terminkalender einplanen, um sich über Konfliktthemen noch einmal auszutauschen. „Auf solche Gespräche kann ich mich dann auch vorbereiten, mir vorher überlegen, was genau mir wirklich wichtig ist, statt einfach etwas rauszuhauen. Und mir als Ziel setzen, dass ich eine Lösung finden will“, sagt Christian Pröls-Geiger.

Dies hält Guy Bodenmann insbesondere dann für wichtig, wenn Konflikte schon länger stetig in einer Familie schwelen und immer wieder auszubrechen drohen. „Für Kinder ist das sehr belastend, weil sie einfach spüren, dass etwas nicht stimmt. Sie verstehen es aber nicht genau, und das verunsichert sie stark und schürt auch Ängste vor einer Trennung“, sagt Guy Bodenmann.

Mit dem eigenen Streitverhalten auseinandersetzen

In solchen Fällen sei es sinnvoll, sich auch rechtzeitig Hilfe von außen zu suchen. „Solange es noch ein kleiner Fluss ist, kann man mit Unterstützung gegensteuern. Wenn sich daraus aber schon ein Strom entwickelt hat, dann können den meist auch Experten nicht mehr aufhalten“, sagt Guy Bodenmann. Ein solches Gespräch kann Christian Pröls-Geiger zufolge auch dazu beitragen, Unterschiedlichkeiten in einer Beziehung besser akzeptieren zu können. „Statt zu versuchen, den anderen stets passend machen zu wollen, kann das manchmal die bessere Lösung sein.“ Gut sei eine solche externe Hilfe auch dann, wenn Eltern selbst aus ihrem Elternhaus schlechte Streiterfahrungen gesammelt und destruktive Streitmuster übernommen hätten. „Für jeden von uns waren die eigenen Eltern Vorbild, auch in Sachen Streit“, sagt Christian Pröls-Geiger. Wer aber eine gewisse Offenheit und Bereitschaft mitbringe, sich mit seinem eigenen Streitverhalten auseinanderzusetzen, könne dies auch im Erwachsenenalter noch verändern – und den eigenen Kindern dann ein besseres Vorbild sein.

„Das muss auch gar nicht jeden Tag perfekt gelingen“, sagt Guy Bodenmann. Wichtig sei, dass die Kinder auch positive Interaktionen der Eltern erleben würden, wie Wertschätzung, Zuneigung, Versöhnung, Kompromisse finden. „Wenn das die negativen Interaktionen in einem Verhältnis von 2:1 oder besser übertrifft, dann zeigen Studien, dass die Kinder weniger verhaltensauffällig sind“, sagt Guy Bodenmann. Denn Kinder seien immer Seismografen dafür, wie die Stimmung zwischen den Eltern zu Hause sei.

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