Hintergrund
Sportunterricht in Rheinland-Pfalz: Da ist Luft nach oben
Für die einen ist er der Vorhof zur Hölle. Die anderen fiebern ihm regelrecht entgegen: der Sportunterricht. In der Turnhalle, zwischen blauen Bodenmatten und braunen Holzböcken dürfen oder müssen sich Schüler in Rheinland-Pfalz austoben. Manche Schüler nutzen diese Unterrichtseinheit, um ihre Leidenschaft in der Schule auszuleben. Nicht selten wird eine inoffizielle Jahrgangsmeisterschaft im Fußball ausgetragen. Andere nutzen ihren Vorteil in Randsportarten wie Basketball, Volleyball oder Handball. Wieder andere stauben Einser beim Turnen ab. Weniger sportliche Schüler versuchen hingegen irgendwie, einigermaßen passable Noten zu erreichen. Manche wollen einfach nur die Sportstunden hinter sich bringen. Die Sportlehrer müssen dabei irgendwie versuchen, die verschiedenen körperlichen Voraussetzungen und Leistungsstände sowie -potenziale der Schüler unter einen Hut zu bekommen und am Ende zu bewerten.
Vor allem im Schwimmunterricht wird das deutlich. Das berichtet Ralf Naumer. Er lehrt Sportwissenschaften an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität (RPTU) Kaiserslautern-Landau und hat auch mehrere Jahre als Lehrer gearbeitet. „Das ist dort eine sehr heterogene Gruppe“, sagt Naumer. Während Lehrer mit manchen Schülern schon bestimmte Schwimmstile üben könnten, müssten andere noch die Angst verlieren, überhaupt mit Wasser in Kontakt zu kommen. Und dieser Unterschied wirkt sich negativ auf die Qualität des Schwimmunterrichts aus. Eltern haben eine Mitverantwortung, ihre Kinder an Wasser zu gewöhnen, findet Naumer. Dazu gehören gemeinsame Schwimmbadbesuche. Sind Kinder schon an Wasser gewöhnt, erleichtere das den Schwimmunterricht.
20 Prozent der Grundschüler können nicht schwimmen
Susanne Döhler ist stellvertretende Landeselternsprecherin. Sie ist mit dem Unterricht nicht zufrieden. Es gebe zu wenig Turnhallen im Land, zu wenig Sportplätze und zu wenig Schwimmbäder. Vor allem beim Schwimmunterricht an Grundschulen bestehe Nachholbedarf, sagt sie. Oft finde der nämlich gar nicht statt. Das hat meist ganz praktische Gründe, sagt Ralf Naumer. Denn nicht jede Schule hat ein Schwimmbad in der Nachbarschaft. In diesem Fall müssten die Schüler erst einmal ans Schwimmbad gebracht werden. Das koste in der Regel viel Zeit und verursache Kosten für Schule und Schulträger. Man könnte den Schwimmunterricht auch in Projektwochen organisieren, damit der Aufwand im Verhältnis zu der Zeit steht, die die Schüler am Ende tatsächlich im Wasser verbringen, findet Naumer. Es sei standortabhängig, ob der Sportunterricht auch Schwimmen umfasst, sagt er: „In Speyer klappt das meines Wissens nach zum Beispiel ganz gut.“ Immer weniger Grundschulkinder in Deutschland können schwimmen. Das geht aus einer Umfrage des Forschungsinstituts Forsa aus dem Jahr 2022 hervor, welche die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Auftrag gegeben hatte. Demnach können 20 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen in Deutschland nicht schwimmen. 2010 und 2017 waren es laut DLRG noch jeweils zehn Prozent.
Nicht alle Sportlehrer in Rheinland Pfalz dürfen Schwimmunterricht geben. Wie das Bildungsministerium in Mainz mitteilt, müssen die Lehrkräfte bestimmte Anforderungen erfüllen. Wer in einem Schwimmbecken mit einer Tiefe von bis zu 1,35 Metern unterrichtet, benötigt mindestens einen Freischwimmer, also das Deutsche Schwimmabzeichen in Bronze, oder eine gleichwertige Prüfung und muss mit den Methoden der Ersten Hilfe sowie Wiederbelebung vertraut sein. Wer in einem Becken mit einer Wassertiefe von über 1,35 Metern unterrichtet, braucht laut Bildungsministerium mindestens das Deutsche Rettungsschwimmerabzeichen in Bronze oder eine entsprechende gleichwertige Prüfung.
„Es wird Potenzial verschenkt“
Aus Sicht der stellvertretenden Landeselternsprecherin, Susanne Döhler, läuft auch in den Schulturnhallen nicht alles gut. Und auch da, sagt sie, gebe es vor allem in den Grundschulen Nachholbedarf. Das sehen auch Ralf Naumer und seine Kollegin Silke Sinning so. Sinning ist Professorin für Sportwissenschaften an der RPTU. „An den Grundschulen wird nicht flächendeckend und nicht in allen Bewegungsfeldern adäquat Sport unterrichtet. Es wird Potenzial verschenkt“, sagt Naumer. Wenn die Grundschüler auf die Realschule oder ans Gymnasium wechseln, mache sich das dort im Sportunterricht bemerkbar. „Das setzt sich an den Unis fort“, ergänzt Sinning. Bei Eignungstests, so ihr Eindruck, schneiden die angehenden Sportstudenten immer schlechter ab. Sie brächten weniger motorische Erfahrungen mit ins Studium. Dies müsse im Studium kompensiert werden. Denn eines Tages unterrichten die Absolventen selbst Schüler.
Problematisch an den Grundschulen ist, dass oft fachfremde Lehrer Sport unterrichten, sagen Naumer und Sinning. Die dreitägige Fortbildung, die eine Grundschullehrkraft zur Lehrerlaubnis Sport benötige, sei nicht ausreichend, um das Fach angemessen zu unterrichten. „Lehrer sollten Übungen auch richtig vormachen können“, sagt Susanne Döhler. In den Grundschulen in Rheinland-Pfalz gilt das Klassenlehrerprinzip. Das bedeutet: Eine Lehrkraft unterrichtet fast alle Fächer. Es ist also üblich, dass ein Lehrer, dessen eigentlicher Schwerpunkt zum Beispiel im mathematischen Bereich liegt, den Kindern Schwimmen beibringen muss.
Manche Eltern fordern: Kein Sport, wenn Mathearbeit ansteht
Alle künftigen Lehrer, die mit Schwerpunkt Sport studieren, durchlaufen an der Universität dieselben Module, heißt es vom Landesbildungsministerium. Heißt: Gymnasial-, Realschul- oder Grundschullehrer büffeln zusammen. Erst ab dem fünften Semester machen nur die angehenden Lehrer für die weiterführenden Schulen im sportlichen Bereich weiter. Angehende Grundschullehrer, die nicht mit Schwerpunkt Sport studieren, durchlaufen ab dem fünften Semester das Pflichtmodul „Ästhetische Bildung“, das laut Ministerium auch sportliche Elemente beinhaltet. Sinning und Naumer sehen das kritisch. Das Modul umfasse vor allem gestalterische Bewegungsformen, die jedoch nur einen Teil des Sportunterrichts darstellen. Laut Bildungsministerium hätten Grundschullehrer vor allem über Weiterbildungen die Möglichkeit, Kompetenzen im Fach Sport zu erlangen. Jedoch seien die Weiterbildungen nur ein Angebot des Landes. Wie regelmäßig sich eine Lehrkraft fortbildet, sei daher stark vom individuellen Interesse und den Möglichkeiten abhängig.
Ein weiterer Punkt, den die stellvertretende Landeselternsprecherin, Susanne Döhler, beim Schulsport – also Sportunterricht und außerschulische Aktivitäten wie Arbeitsgemeinschaften – kritisiert, ist der Ausfall. „Das ist extrem“, sagt sie im Gespräch mit dieser Zeitung. Das liege daran, dass eben nicht jeder Lehrer Sport unterrichten dürfe. Wenn dann ein Sportlehrer ausfalle, sei Ersatz schwer. Auch sonst habe der Sport einen schweren Stand. „Manche Eltern fordern, den Sport wegzulassen, wenn eine Mathearbeit ansteht“, berichtet Döhler. Die Kinder sollten eher lernen, als nur Sport zu treiben, höre sie dann. „Bildung ist eine Investition in die Zukunft“, sagt Döhler. Und da gehöre eben auch ein gesunder Körper dazu. In der Schule wünscht sich Döhler mehr Leichtathletik-Anteile im Sportunterricht. Das fördere die Ausdauer.
Vereine können helfen
Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium bestreitet auf Anfrage, dass der Schulsport häufiger ausfällt, als andere Fächer. Silke Sinning und Ralf Naumer von der RPTU sehen das eher wie die stellvertretende Landeselternsprecherin. „Wenn etwas ausfallen muss, ist es häufig der Sport“, sagt Naumer. „Er hat nicht den Stellenwert an den Schulen, den er haben müsste“, ergänzt Sinning. Die beiden Experten sehen auch in den Vertretungskräften ein Problem. Oft kommen dann sogenannte PES-Kräfte zum Einsatz. Dabei handelt es sich unter anderem um noch nicht fertig ausgebildete Lehramtsstudenten, die in den Vertretungsstunden Lehrerfahrung sammeln sollen. Für die Studenten ist das ein klares Plus, sagen Naumer und Sinning. Jedoch könnten die Studenten nicht die Unterrichtsqualität bieten wie fertig ausgebildete und erfahrene Lehrer. Gerade im Sport könne das gar nicht erwartet werden. „Der Sportunterricht stellt eine besondere Konstellation dar. In der Sporthalle gibt es ganz andere Anforderungen“, sagt Sinning. Die Lehrer müssten die Kinder erst einmal vom Schulgebäude in die Kabinen bringen, dann dafür sorgen, dass sie sich zügig umziehen.
Im Unterricht müsse die Erklärung der Übungen so gestaltet werden, dass die Schüler möglichst wenig herumstehen. Unter Umständen müsse zudem erst noch aufgebaut werden. „Es gibt Untersuchungen die zeigen, dass bei 45 Minuten Unterricht die reine Bewegungszeit mitunter nur neun Minuten je Schüler beträgt“, sagt Naumer. Für ihn wäre es in manchen Bewegungsfeldern, etwa Turnen, Leichtathletik oder Schwimmen, denkbar, dass Schulen sich bei Vereinen Unterstützung suchen könnten. Dadurch dürfe jedoch keine Deprofessionalisierung im Sportunterricht angekurbelt werden, betont Naumer.
In Rheinland Pfalz gibt es Kooperationen mit Vereinen, etwa an Ganztagsschulen. Gegen Vergütung übernehmen Vereine einzelne Stunden oder Vertretungen. Erst im März wurde eine neue Kooperationsvereinbarung vom Bildungsministerium und vom Landessportbund unterzeichnet. Durch diese wird die Vergütung für die Vereine von 640 auf 1000 Euro pro Schuljahr angehoben, sofern die Klubs im Schnitt eine Zeiteinheit in der Woche übernehmen.
Zur Sache
Wie zufrieden sind Sie mit dem Sportunterricht für Ihre Kinder? Wie viele Stunden fallen aus? Wann war der Lehrer zuletzt selbst am Reck, um eine Übung vorzuturnen? Schreiben Sie uns Ihre Geschichte: redspor@rheinpfalz.de
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.