Nahrungsergänzungsmittel RHEINPFALZ Plus Artikel Sinnvoll oder gefährlich?

Es kann zu schädlichen Überdosierungen kommen.
Es kann zu schädlichen Überdosierungen kommen.

Nahrungsergänzungsmittel sind ein Milliardengeschäft. Hersteller locken mit ewiger Jugend und Gesundheit. Kritiker warnen vor Gefahren.

Um die hundert verschiedene Pillen schluckt der amerikanische Tech-Unternehmer Bryan Johnson teilweise täglich. Der gesamte Tagesablauf des 48-jährigen Multimillionärs ist allein auf ein Ziel ausgerichtet: das Altern aufzuhalten. Neben der eigenen Unsterblichkeit geht es Johnson aber auch um weltliche Dinge – Geld zum Beispiel. Inzwischen verkauft der Gesundheitsguru seine Produkte mit angeblich lebensverlängernder Wirkung an Anhänger auf der ganzen Welt. Sein „Longevity Mix“ kostet knapp 56 Euro pro 443 Gramm Pulver. Ein Schnäppchen, wenn man dafür unter anderem weniger gestresst ist, einen tieferen Schlaf hat und sich besser konzentrieren kann. Oder vielleicht doch nicht?

Longevity-Anhänger wie Johnson mögen extreme Beispiele sein, wenn es um die Einnahme von Vitaminen und Nährstoffen geht. Allerdings nimmt die Anzahl der Menschen, die Nahrungsergänzungsmittel – kurz NEM – konsumieren, stetig zu. Laut einer aktuellen Studie des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (VZBV) nehmen knapp acht von zehn Befragten NEM, mehr als die Hälfte sogar mindestens einmal pro Woche. Eine Befragung im Auftrag des Instituts für Risikobewertung (BfR) kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Mehr als Dreiviertel der Teilnehmer gaben an, im vergangenen Jahr NEM eingenommen zu haben.

Vier Milliarden Euro Umsatz im Jahr in Deutschland

Wirklich verblüffend sind diese Ergebnisse nicht, bedenkt man, wie allgegenwärtig die bunten Pillen inzwischen in unserem Leben sind. Ganze Regalspaliere locken in den Drogerien mit Magnesium, Vitamin C oder Kalzium. Hinzu kommen Werbeversprechen in den sozialen Medien sowie unzählige Ratgeber zum Thema, die mal mehr, mal weniger wissenschaftlich fundiert sind.

Die Lifestyle-Mittel sind ein Milliardengeschäft. Allein in Deutschland werden Schätzungen zufolge mit NEM mehr als vier Milliarden Euro Umsatz pro Jahr gemacht, der reine Onlineversandhandel hat dabei ein Volumen von etwa 380 Millionen Euro. Kein Wunder, dass neben Platzhirschen wie Orthomol, Taxofit oder Abtei immer neue Start-ups auf den Markt drängen, die von unserem Vitaminhunger profitieren wollen. Nach Angaben der Onlineplattform Statista soll der weltweite Umsatz mit Vitaminen und Mineralstoffen bis 2029 auf über 40 Milliarden Euro steigen.

Keine medizinische Kontrolle und Höchstmengen

Während die Hersteller Hoffnungen auf ewige Jugend und Gesundheit wecken, warnen Kritiker vor gefährlichen Folgen bei einer unkontrollierten Einnahme von Vitamin D und Co. Denn was viele nicht wissen: Die auf dem Markt befindlichen Produkte unterliegen keiner medizinischen Kontrolle, teils kann es zu schädlichen Überdosierungen kommen. Für die Regulierung von NEM gibt es bisher in der EU keine einheitlichen Regeln. Es fehlen feste Höchstmengen für viele Vitamine und Mineralstoffe, dadurch kommen teils sehr hoch dosierte Produkte auf den Markt.

„Wir warten seit der Einführung der EU-Richtlinie zu Nahrungsergänzungsmitteln im Jahr 2002 auf gesetzliche Höchstmengen“, sagt Angela Clausen, Teamleiterin „Lebensmittel im Gesundheitsmarkt“ bei der Verbraucherzentrale NRW. Zwar wurden in den vergangenen beiden Jahren Vorschläge durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zu Vitaminen und Mineralstoffen erarbeitet, die besonders kritisch mit Blick auf die Sicherheit betrachtet werden. Allerdings sei dieser Entwurf im Sommer 2025 an die Hersteller und deren Interessenverbände durchgestochen worden, berichtet Clausen.

80 Prozent der Produkte beanstandet

In der Folge sei aus diesen Reihen massiv interveniert worden, sodass seitdem öffentlich nichts mehr passiert sei. Die für dieses Jahr auf EU-Ebene angekündigten verbindlichen Höchstmengen hält die Expertin inzwischen nicht mehr für realistisch. „Ich denke, dass es sich noch einige Jahre hinziehen kann“, so Clausen. Die Verbraucherzentrale fordert für diesen Fall, dass die Bundesregierung auf nationaler Ebene rechtsverbindliche Höchstgehalte festlegt, wie es andere EU-Länder bereits getan haben. In Deutschland gibt es bislang nur unverbindliche Empfehlungen des BfR, an die sich aber nur wenige Hersteller halten.

Während für Arzneimittel strenge Prüfverfahren gelten, unterliegen NEM lediglich einer Registrierungspflicht beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Tatsächlich sind für die Sicherheit der Produkte die Hersteller selbst verantwortlich. Und dieser Verantwortung kommen diese augenscheinlich nicht immer nach. Nach Informationen der Verbraucherzentrale werden bei Kontrollen durch die Lebensmittelüberwachung der Bundesländer bis zu 80 Prozent der Produkte beanstandet – wenn denn von den ohnehin überlasteten Behörden überhaupt vor Ort kontrolliert wird. „Wir brauchen eine Stärkung der Lebensmittelüberwachungsbehörden, sowohl was die personelle als auch die technische Ausstattung angeht“, sagt Clausen.

Falsche Gesundheitsversprechen der Influencer

„Die Zielgruppe für Nahrungsergänzungsmittel sind vor allem junge, gesundheitsbewusste und sportliche Menschen“, sagt Marc Birringer, Professor für Oecotrophologie an der Hochschule Fulda. Diese erreiche man am besten über Influencer-Werbung. Das Problem sei, dass Influencer im Internet zum Teil krude Gesundheitsversprechen machten. Und obwohl sie dafür in den meisten Fällen von den Herstellern bezahlt würden, seien die Aussagen nicht immer klar als Werbung zu erkennen. Eine Untersuchung der Organisation Foodwatch, die sich für Verbraucherrechte vor allem im Gesundheits- und Lebensmittelbereich einsetzt, kommt zu dem Ergebnis, dass Influencer in sozialen Medien häufig gegen europäisches Recht verstoßen – ohne dass die Behörden einschreiten.

Während für die Hersteller strenge rechtliche Anforderung in Bezug auf sogenannte Health Claims gelten, also gesundheitsbezogene Angaben, werden im Netz Präparate gepriesen, die angeblich Depressionen heilen oder Krebszellen abtöten. Eine Forderung von Foodwatch lautet deshalb, die Kontrolle des Online-Markts auf Bundesebene zu bündeln.

Ist Deutschland ein „Vitaminmangelland“?

Besonders zwei Hersteller von NEM stechen laut Foodwatch bei irreführender Werbung im Internet hervor. Zum einen das Unternehmen „The Quality Group“ mit Sitz in Elmshorn bei Hamburg, das 2021 durch den Zusammenschluss der Konkurrenten ESN und More Nutrition entstand. Die Firma hat mehr als 1300 Mitarbeiter und erzielt laut eigenen Angaben rund 800 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Seit 2022 ist der Finanzinvestor CVC Capital Partners an der Gruppe beteiligt. Die Marke More Nutrition ist längst kein reines Online-Phänomen mehr. Viele Produkte werden inzwischen bei Edeka, DM und Rewe verkauft, was verdeutlicht, wie sehr der Markt wächst. Das zweite Negativbeispiel ist das Berliner Unternehmen „Sunday Natural“, das seit 2024 ebenfalls zu CVC gehört. Der Hersteller arbeitet unter anderem mit sogenannten Medfluencern zusammen – darunter Ärzte und Therapeuten – , die zur Glaubwürdigkeit der Marke beitragen sollen.

Neben falschen Gesundheitsversprechen im Netz schüren auch Schlagworte wie „Vitaminmangelland“ Ängste und Sorgen bei Verbrauchern. So heißt es in Stellungnahmen des Lebensmittelverbands Deutschland, „der Ernährungs- und Versorgungsstatus der Bevölkerung mit Vitaminen und Mineralstoffen ist nach vorliegenden nationalen und europäischen Verzehrstudien seit Jahrzehnten nicht durchgängig bedarfsdeckend“.

Nährstoffzufuhr im Mittel erreicht

Der Forscher Marc Birringer sieht solche Aussagen kritisch: „Die Daten aus der Nationalen Verzehrstudie, auf die sich Lobbyisten wie der deutsche Lebensmittelverband stützen, sind mittlerweile mehr als 20 Jahre alt. Zudem sind dort nur wenige Nährstoffe als kritisch zu bewerten.“ Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) betont, dass Deutschland kein Vitaminmangelland sei. Repräsentative Studien zeigten, dass bei der Mehrzahl der Vitamine die Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr im Mittel erreicht oder sogar überschritten würden.

Fälschlicherweise werde eine rechnerische Unterversorgung häufig bereits als Mangel bezeichnet, heißt es in einer Mitteilung der DGE. Bei einem Unterschreiten der Referenzwerte könne der Bedarf des Einzelnen aber trotzdem gedeckt sein, da die Referenzwerte erhebliche Zuschläge zum durchschnittlichen Bedarf enthielten.

Folsäure für Frauen mit Kinderwunsch

„Gesunde Menschen können sich mit einer ausgewogenen Ernährung mit den nötigen Nährstoffen versorgen“, betont Angela Clausen. Von NEM profitierten nur Menschen, die unterversorgt seien beziehungsweise einen Mangel hätten. „Nahrungsergänzungsmittel sind dann nützlich, wenn der richtige Mensch zur richtigen Zeit den richtigen Nährstoff in der richtigen Menge einnimmt“, sagt sie. Dafür sei zunächst ein ärztlicher Test sinnvoll, von Selbst- oder Schnelltests aus dem Internet oder Drogerien rät die Expertin ab.

Und sie macht auf ein Dilemma aufmerksam: „Wir schaffen es zurzeit in Deutschland nicht einmal, dass alle Frauen vor der Schwangerschaft Folsäure nehmen“, sagt sie. Hier wäre ein stärkeres Engagement der Lebensmittelwirtschaft sinnvoll. Aber die Industrie sei eben stärker an immer neuen Produkten – deren Nutzen überhaupt nicht geklärt sei – interessiert. Innovationen seien eben spannender fürs Marketing.

Wer braucht Nahrungsergänzungsmittel?

Schwangere und Stillende haben laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) einen erhöhten Nährstoffbedarf, sie sollten gegebenenfalls Eisen und Jod supplementieren. Frauen, die schwanger werden wollen, sollten täglich 400 Mikrogramm Folsäure ergänzen.
Für Säuglinge wird die Vitamin K-Gabe nach der Geburt und im ersten Lebensjahr ein Präparat mit 10 Mikrogramm Vitamin D und 0,25 Milligramm Fluorid empfohlen. Vitamin D wird Menschen empfohlen, die sich nicht oder kaum im Freien aufhalten beziehungsweise ihre Haut nicht unbedeckt der Sonne aussetzen.
Außerdem rät die DGE der Bevölkerung, jodiertes und fluoridiertes Speisesalz sowie mit Jodsalz hergestellte Lebensmittel zu verwenden.

Wann sind Nahrungsergänzungsmittel gefährlich?

„Eine unnötige zusätzliche Einnahme von Vitaminen und Mineralstoffen kann zu gesundheitlichen Risiken führen, vor allem bei Präparaten mit hohen Dosierungen“, stellt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) fest.
So könne die langfristige eigenständige Einnahme sehr hochdosierter Vitamin-D-Präparate akute Beschwerden wie Müdigkeit, Übelkeit oder Herzrhythmusstörungen verursachen, langfristig aber auch die Nieren schädigen.
Auch wurde laut BfR in Studien beobachtet, dass hohe Dosen von Beta-Carotin in Form von NEM das Lungenkrebsrisiko bei Rauchern erhöht.
Die zusätzliche Einnahme von Biotin kann labordiagnostische Untersuchungen verfälschen, und eine extra Dosis Vitamin K kann die Wirkung bestimmter gerinnungshemmender Medikamente herabsetzen.
Präparate mit Omega-3-Fettsäuren können bei Personen mit Herzerkrankungen das Risiko für Vorhofflimmern erhöhen.

Stichwort Longevity

Der Markt für Longevity (Langlebigkeit) ist ein schnell wachsendes Geschäft, das auf rund 600 Milliarden US-Dollar geschätzt wird. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil die Abgrenzung der Branche schwierig ist. Star der Longevity-Szene ist der Harvard-Professor David Sinclair, seit er vor einigen Jahren im Labor zeigen konnte, dass sich Mäusezellen – vereinfacht gesagt – jünger machen lassen. Er vertritt die These, dass der Alterungsprozess auch beim Menschen umgekehrt werden kann. Kritiker werfen dem Wissenschaftler vor, mit überhöhten Versprechen vor allem seine wirtschaftlichen Interessen zu fördern.
Auch in Deutschland bekommt das Trendthema inzwischen mehr Aufmerksamkeit: Während 2025 in Europa die Investitionen in Longevity-Start-ups zurückgingen, sprangen sie in Deutschland laut dem Datendienst Pitchbook in die Höhe. Ein Beispiel ist Refoxy Pharmaceuticals aus Köln, die im vergangenen Jahr bei Investoren – darunter auch Boehringer Ingelheim – 9,1 Millionen Euro einsammelte. Die Firma will Moleküle entwickeln, die dafür sorgen können, dass Gewebe und Organe in der Lage sind, Stress zu bekämpfen.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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