"Cat calls"-Aktionsgruppen
Sexuelle Belästigung: „Ich habe bis heute Angst“
Wer eine Katze anlocken will, schnalzt mit der Zunge oder lockt sie mit einem „psspss“ an. Bei einem Tier mag das angebracht sein. Einen Menschen mit Schnalzen, Pfiffen oder Sprüchen anzulocken, sorgt dagegen für Irritation, weil es sich um Belästigung handelt. Die Bewegung „Cat Calls“ will gegen solche Belästigungen ein Zeichen setzen, wie sie zuletzt massenweise auf den Zuschauerrängen des Formel-1-Rennens in Österreich zu erleben waren. Als „Cat Calls“ (wörtlich: Katzenrufe) gelten sexuell anzügliches Rufen, Reden, Pfeifen im öffentlichen Raum, mit dem Ziel, eine andere Person auf sich aufmerksam oder schlicht anzumachen.
Alltag für Fußballerinnen
Ganz aktuell: Im ARD-Magazin „Panorama“ von dieser Woche berichteten Profispielerinnen aus dem Frauenfußball von sexistischen Bemerkungen von Trainern, Betreuern und Zuschauern. Eine Spielerin berichtet anonym darüber, dass ihr Trainer Kommentare über den Hintern von Mitspielerinnen gemacht habe.
„Cat Calls“-Ortsgruppen gibt es mittlerweile in vielen Städten, sie sind in den sozialen Netzwerken aktiv. Die Idee dahinter: Betroffene der oft sexistischen Belästigungen melden diese über Instagram an die jeweilige Gruppe. Das heißt: Sie schildern den Vorfall per Nachricht über das soziale Netzwerk. Die „Cat Calls“-Gruppe wird aktiv und schreibt den Spruch am Ort des Geschehens auf die Straße, den Bürgersteig oder den öffentlichen Platz.
„Was trägst du drunter?“
Die Idee kommt ursprünglich aus New York. Die Studentin Sophie Sandberg sammelte 2015 und 2016 Sprüche und schrieb sie mit Malkreide auf die Straße. Sie wollte damit zum Ausdruck bringen: „Hey, Süße!“, „Was trägst du drunter?“ oder „Möchtest du einen Kuss?“ sind keine Komplimente, sondern Belästigungen. Und diese Worte, ausgesprochen von einem Fremden in der Öffentlichkeit, können bei den Betroffenen körperliche und emotionale Auswirkungen haben. Neben Angstgefühlen oder dem Gefühl von Unsicherheit berichten Betroffene von Schwindel, Muskelverspannungen, Atembeschwerden, Übelkeit – und von einem großen Gefühl der Machtlosigkeit. „Ich habe bis heute Angst, alleine Bus/Bahn zu fahren“, heißt es auf einem Schriftzig in Mainz.
„Wir holen uns die Straße zurück“
In Mainz trifft sich regelmäßig eine Gruppe von Studenten und jungen Erwachsenen, die gerade ins Berufsleben gestartet sind – Frauen und Männer. Sie kreiden an öffentlichen Plätzen Vorfälle an, die an ebendiesem Ort passiert sind. Die Gruppe nennt sich „Catcallsofmainz“, und eine aus der Gruppe ist Clara, 26 Jahre alt, die in der Landeshauptstadt wohnt und arbeitet. Sie möchte nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen, weil es nicht um sie gehen soll. „Ich bin das Sprachrohr der Betroffenen. Wir sind eine gemischte Gruppe von jungen Erwachsenen und holen uns mit dem Kreiden die Straße zurück“, erzählt sie.
Die Straße zurückholen, den öffentlichen Raum zu einem sicheren Ort machen – darum geht es den Aktivisten nach eigenem Bekunden, und dafür ziehen sie immer zu zweit los. Mit im Gepäck: Straßenkreide und die Geschichte einer oder eines Betroffenen. Geprüft werden die Berichte zuvor nicht. Die Aktivistinnen und Aktivisten vertrauen darauf, dass die Betroffenen die Wahrheit erzählen. Neben den Spruch wird mit der bunten Straßenkreide der Hashtag, also das Motto, #stopptbelästigung gestellt.
Gelobt und beschimpft
„Wenn wir diese Sprüche auf den Boden schreiben, sind die Reaktionen der Passanten völlig unterschiedlich, sie reichen von Zustimmung bis zu völligem Unverständnis. Oft werden wir gelobt, manchmal aber auch beschimpft“, erzählt die 26-Jährige. Anschließend werden die Sprüche fotografiert und wieder bei Instagram gepostet. Häufig werden die Bilder mit einer kurzen Vorwarnung online gestellt. Die Gruppe will vermeiden, dass eine Person durch das Lesen des Beitrags eine Retraumatisierung erfährt. „Wir gehen wirklich sehr sensibel mit dem Thema um und möchten niemand verunsichern“, sagt Clara.
Ausdrücklich sollen nicht einfach nur Männer an den Pranger gestellt werden. Alle können belästigen und alle können belästigt werden: Mädchen und Jungen, Frauen und Männer. „Uns ist wichtig zu sagen, dass sich Menschen allen Geschlechts bei uns melden können und auch mit uns aktiv werden können“, sagt Clara. Öffentliche Belästigung sei „ein systemisches Problem unserer Gesellschaft“.
Schauplatz Formel 1
In der Presse werden meist Fälle publik, in denen junge Mädchen und Frauen Opfer von Sexismus oder sexueller Belästigung werden. Vom jüngsten Formel-1-Rennen – dem Großen Preis von Österreich – hatten besonders viele Frauen in den sozialen Medien berichtet: Es ging immer wieder um Spießrutenläufe auf überwiegend von Männern besetzten Tribünen. Auch auf den riesigen Campingplätzen rund um die Strecke hatten sich in den vergangenen Jahren Beschwerden gehäuft. Die Formel 1 war gezwungen, ein offizielles Statement zu veröffentlichen, Rennfahrer zeigten sich entsetzt über die Vorfälle. Dass inzwischen mehr über sexistische Vorfälle berichtet wird, bedeutet nicht zwingend, dass deren Anzahl steigt. Es zeigt aber, dass die Sensibilität für das Thema steigt und dass mehr Betroffene sich zur Wehr setzen wollen: „Wir reden über das Thema sexuelle Belästigung, wir bringen es in das Bewusstsein der Menschen und zeigen mit dem Finger drauf. Das Thema erreicht die Mitte der Gesellschaft und es wird drüber gesprochen. So kann sich langfristig etwas ändern“, sagt Clara.
„Personalien aufnehmen“
Wenn sich eine Person im Bus oder auf der Straße belästigt fühlt, dann soll sie die Polizei rufen. Dafür sind wir da, und auch wenn keine Straftat vorliegt, wir können zumindest die Personalien aufnehmen und so hoffentlich eine abschreckende Wirkung haben“, sagt Matthias Bockius, Pressesprecher der Polizei in Mainz, von der RHEINPFALZ am SONNTAG zum Thema befragt. Auf die weitergehende Frage, ob es Pläne gebe, Catcalling zur Straftat hochzustufen, teilte das Justizministerium in Mainz mit, „dass zahlreiche der (...) beschriebenen Verhaltensweisen schon nach dem geltenden Strafgesetz mit Kriminalstrafe sanktioniert werden“. Das Ministerium verweist unter anderem auf den Tatbestand der sexuellen Belästigung (§ 184i StGB), der auch „eine körperliche Berührung des Opfers in sexuell bestimmter Weise“ verlange. Bei beharrlichem Handeln des Täters komme außerdem Stalking (§ 238 StGB) in Betracht. Auch könne unter bestimmten Umständen der Beleidigungstatbestand (§ 185 StGB) erfüllt sein. Das Ministerium macht deutlich: Die „Möglichkeiten nach dem geltenden Recht erscheinen ausreichend und angemessen, insbesondere unter besonderer Berücksichtigung des Ultima-Ratio-Gedankens des Strafrechts, wonach Strafe nur das letzte Mittel sein soll. Etwa bedarf es keiner Kriminalisierung eines bloßen ,Hinterherpfeifens’“. Nicht jede Respektlosigkeit oder auch Unverschämtheit ist strafwürdig, heißt es in der Stellungnahme des Justizministeriums.
Nur Ja heißt Ja
Das sieht nicht jede Justizbehörde so. In Spanien wurde Ende Mai das „Nur Ja heißt Ja“-Gesetz verabschiedet, das auch „Catcalling“ umfasst. Die jungen Erwachsenen der „Cat Calls“-Ortsgruppe Mainz wollen weiter die Sensibilität für die Problematik erhöhen. „Wir gehen auch an weiterführende Schulen und machen dort auf das Problem aufmerksam. Alles können wir nicht ändern, aber wir können Kindern und Jugendlichen zeigen, was geht und was nicht“, sagt Clara.
Wenn in den Klassen darüber sprechen, zeige sich immer wieder: Vielen Jungen sei nicht bewusst, dass sie mit Sprüchen abends auf der Straße Mädchen verunsichern könnten – für sie sei es nur ein Witz.