Interview
„Religion hilft, zu begreifen, dass man nicht das Maß aller Dinge ist.“
Herr Haas, laut der Weltgesundheitsorganisation leidet jeder sechste Mensch unter Einsamkeit. Einsamkeit wird für etwa 880.000 Todesfälle pro Jahr verantwortlich gemacht. Sie erhöht das Depressions- und Suizidrisiko. Sie sind Einsamkeitsexperte, gerade ist Ihr Buch „Einsamsein“ erschienen. Was hat Sie einsam gemacht?
Mit der Vorgeschichte einer problematischen Familie und der entsprechenden charakterlichen Disposition habe ich immer schon zur Einsamkeit geneigt. Sehr einsam hat mich vor sieben Jahren jedoch ein schweres Burnout gemacht, und der riesige Einsamkeitsbooster Covid hat alles noch mal verschärft. Ich war fast drei Jahre lang weg vom Fenster.
Sie waren 17 Jahre alt, als Ihr Vater sich umgebracht und den Suizid als Autounfall kaschiert hat. Ihre Mutter beging vor fünf Jahren assistierten Suizid. Wollten Ihre Eltern nicht mehr leben, weil sie einsam waren?
Ja, meine Mutter und mein Vater waren beide auf ihre eigene Art sehr einsam. Mein Vater war geschäftlich ruiniert und hatte nicht den Mut, sich jemandem anzuvertrauen. Er war am Ende sehr isoliert und einsam. Meine Mutter war eine große Einsamkeitskünstlerin. Das Einsamsein war ein von ihr lange eingeübter und kultivierter Lebensstil.
Waren Sie selbst jemals so einsam, dass Sie in Erwägung gezogen haben, wie Ihre Eltern aus dem Leben zu scheiden?
Ja. Unmittelbar vor meinem Burnout war ich Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung und vollkommen überfordert. Die Vorstellung, den Job zu verlieren, war für mich ein absoluter Albtraum. Ich bin panisch geworden und habe in meinem hanseatischen Outfit wie eine schlechte Buddenbrook-Variante am Zürichsee einen Zusammenbruch erlitten. Kurz darauf bin ich in Hamburg durch die Straßen gestreift und habe möglichst hohe Baukräne gesucht.
Haben Sie überlegt, Ihr Leben zu beenden, weil Ihre Eltern Suizid begangen haben?
Alle Menschen wissen, dass man das Leben selbst beenden kann. Aber die Nachkommen von Suizidtätern und -täterinnen haben eine andere, sehr düstere und untergründige Verbindung zu diesem Thema. Sie wissen auf einer tieferen Ebene, dass Suizid eine Option, eine Lösung ist.
Suizid als Lösung?
Der Suizid erschien mir in meiner Verzweiflung tatsächlich als eine mögliche und endgültige Lösung für meine Probleme. Das ist natürlich gefährlich und tragisch, zumal ich heute so viel Spaß am Leben habe und weiß, dass meine Probleme vorübergehend waren.
Sie haben Einsamkeit in einer extremen Form erlitten, aber Sie sind kein Einzelfall. Warum sind heute so viele Menschen einsam?
Nicht ohne Grund sprechen wir von der Pandemie der Einsamkeit. Covid hat das Problem massiv verschärft, vor allem für junge Menschen, die sich in dieser Zeit tapfer hinter ihren Rechnern verschanzt haben, um die Alten zu schützen. Auch wenn die jungen Leute sich in dieser Zeit online maximal vernetzt haben, haben sie ein sehr isoliertes Leben geführt und die sogenannten Social Skills, also die Fähigkeit, in der realen Welt zu kommunizieren, teilweise verlernt. Covid ist zwar offiziell passé, die Einsamkeit ist jedoch geblieben.
Sind die sozialen Medien Heilmittel oder Verschärfer der Einsamkeit?
Die sozialen Media sind ein zweischneidiges Schwert. TikTok, Instagram und Co. ermöglichen es, rund um die Uhr vernetzt zu sein. Trotzdem nimmt die Einsamkeit zu, denn auch Menschen, die maximal vernetzt sind, können einen tiefen Mangel an Zugehörigkeit empfinden.
Können Tinder und Co. Einsamkeit heilen?
Das Versprechen der Dating-Apps ist, dass es eine unglaubliche Auswahl an Möglichkeiten gibt, Nähe, womöglich auch Intimität, zu erfahren. Tatsächlich funktioniert das nur sehr bedingt. Nicht nur die Generation Z leidet deshalb unter einem Dating-Burnout.
Also taugen Dating-Apps nichts?
Das kann man so nicht sagen. Dating-Apps sind Fluch und Segen zugleich. Für manche Menschen bieten sie echte Chancen, jemanden kennenzulernen. Wie soll eine berufstätige, alleinerziehende Mutter, die nebenbei ihren kranken Vater pflegen muss, abends noch in eine Galerie gehen oder nach der Premiere im Theaterfoyer herumstehen in der Hoffnung, dass sie angesprochen wird?
Und was ist der Fluch des Online-Datings?
Dating-Apps machen uns zu Waren und zu Bewerberinnen und Bewerbern. Swipe – und schon sind wir als Konsumartikel im Warenkorb gelandet. Online-Dating fühlt sich deshalb immer mehr wie ein Assessment-Center an. Man liefert die Bewerbungsunterlagen ab – das selbst erstellte Profil – und hofft, dass man zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird.
Haben Sie selbst getindert?
Ja, aber ich habe mich vom Online-Dating zurückgezogen. Wenn wir jemanden in der realen Welt respektvoll ansprechen, und dabei auch in Kauf nehmen würden, einen Korb zu bekommen, wäre das viel besser, als sich im fiktionalen Alles-geht-Zirkus rumzutreiben, den man am Ende doch nur frustriert verlässt.
Sind die Einsamen schuld an ihrer Einsamkeit oder die Gesellschaft?
Das ist ein Wechselspiel. Auch wenn es nach zünftiger linker Folklore klingen mag, glaube ich, dass der Spätkapitalismus nicht besonders geeignet ist, um uns zu glücklichen Menschen mit Zugehörigkeitsgefühl zu machen. Im Gegenteil: Der Spätkapitalismus macht uns einsamer. Erhöhtes Tempo, krasser Wettbewerb, die Zurichtung von Menschen zur Ware – all das verschärft die Einsamkeit. Eine auf Konkurrenz und Profit geeichte Gesellschaft preist die Einsamkeit mit ein.
In Großbritannien wurde 2018 ein Einsamkeitsministerium gegründet. Wird in Deutschland genug gegen Einsamkeit unternommen?
Auch in Deutschland gibt es Initiativen gegen Einsamkeit. Aber solange die Politik die Big-Tech-Konzerne mit ihren süchtig und einsam machenden sozialen Medien und einer manipulativen Künstlichen Intelligenz einfach machen lässt, sind diese Initiativen nur ein Tropfen Wasser auf den heißen Stein. Immer mehr Menschen sprechen mittlerweile mehr mit Chatbots als mit dem Partner, der Partnerin. Deshalb brauchen wir dringend mehr Regulierung.
Kann Einsamkeit die Demokratie gefährden?
Ja, denn Populisten sind sehr gut darin, das Gefühl der Zugehörigkeit künstlich zu erzeugen. Der extremen Rechten gelingt es immer wieder qua Freund-Feind-Denken jene Zugehörigkeits-Effekte herzustellen, die das Einsamsein lindern. Wir wissen aus der Geschichte, wie die katastrophalen Folgen der Abgrenzung von einer anderen Gruppe, einer anderen Nation, einer anderen Lebensform aussehen. Dennoch sind einsame Menschen für solche Pseudo-Zugehörigkeits-Narrative anfällig. Darum wären wir gut beraten, echtes Zugehörigkeits-Empfinden zu stärken, um populistischen Verzerrungen entgegenzuwirken.
Ihr Buch trägt den Untertitel „Eine Befreiungsgeschichte“. Wie haben Sie es geschafft, sich nach Jahrzehnten aus der Einsamkeit zu befreien?
Ich war schon immer sehr ängstlich und misstrauisch. Zum Glück habe ich mit der Zeit gelernt, nicht alles zu glauben, was mein Kopf mir erzählt. Und ich habe begriffen, dass Ehrlichkeit und Mut der einzige Weg aus der Einsamkeit sind. Wer Einsamkeit überwinden möchte, braucht mindestens eine Person, der er sich ehrlich anvertraut. Jemand, der dich nicht beschämt, nicht einfach sagt: „Jetzt reiß dich mal zusammen.“ Man braucht einen Menschen, der Mitgefühl hat und aufpasst, dass man sich nicht wieder in die Einsamkeit zurückzieht. Ich hatte das große Glück, so einen Freund zu haben.
Hat Ihnen auch Ihr neugewonnener christlicher Glaube geholfen?
Einsamkeit führt derzeit nicht nur bei der Gen Z zu einem Run auf die Kirche. Im Silicon Valley gehen junge KI-Programmierer auf einmal in die Kirche, weil sie merken, dass ihnen im Angesicht einer mächtigen Technologie der moralische Fluchtpunkt abhandenkommt. In dieser Situation bietet die Kirche ein gutes Zugehörigkeitsangebot. Eine Gemeinde kann jene Gemeinschaft sein, die nicht auf einem „Besser, stärker, schneller, schöner“-System basiert und diejenigen, die darin nicht bestehen können, in die Einsamkeitsecke aussortiert.
Also ist die Kirche das beste Heilmittel gegen Einsamkeit?
Ich würde niemals sagen: Nehmen Sie eine christliche Lebensweise an, gehen Sie regelmäßig in die Kirche, dann sind Sie nicht mehr so einsam. Das wäre verstiegen. Aber ich denke, dass der Glaube Menschen helfen kann, Einsamkeit zu überwinden. Religion hilft, zu begreifen, dass man nicht das Maß aller Dinge ist.
Das Buch
Daniel Haas begibt sich auf die Suche nach dem Ursprung der Einsamkeit, die sich als Leitmotiv durch seine Familiengeschichte zieht. Er beschreibt, wie er sich durch Selbstzweifel und Misstrauen selbst isoliert hat, bis er begreift, worauf es ankommt.
Daniel Haas, Einsamsein. Eine Befreiungsgeschichte,
Goldmann Verlag, 2026, 22 Euro.
Hinweis der Redaktion
Sollten Sie sich selbst in einer Krisensituation befinden: Es gibt Organisationen, die Hilfe und Auswege anbieten. Bitte holen Sie sich Hilfe. Rufen Sie zum Beispiel bei der Telefonseelsorge an (0800-1110111). Für Kinder- und Jugendliche gibt es außerdem die „Nummer gegen Kummer“ (116111).
Gemäß Pressekodex verhält sich unsere Redaktion bei Suizidfällen zurückhaltend. Wir berichten in der Regel nicht über sie, um gefährdete Personen nicht zum Nachahmen zu animieren. Wir machen eine Ausnahme in Fällen von besonderem öffentlichem Interesse, etwa wenn eine breite Öffentlichkeit betroffen ist.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.