Gesundheit
Praxis auf Rädern: Was bleibt, wenn es keine Ärzte auf dem Land mehr gibt
Plötzlich ist der Tag da – der Tag, vor dem viele Menschen die Augen verschließen, bis es einfach nicht mehr anders geht. Bis der Schlüssel zum allerletzten Mal das Schloss der Hausarztpraxis verschließt, die meist über viele Jahrzehnte hinweg unzählige Patienten auf ihrem Weg begleitete. Erst dann kommt die kleine Sorge auf, die mit Voranschreiten der Zeit immer lauter wird: „Wohin nur, wenn sich der eigene Hausarzt zur Ruhe setzt, und sich keine andere medizinische Betreuung finden lässt?“
Wohin nur, wenn sich der eigene Hausarzt zur Ruhe setzt, und sich kein Ersatz finden lässt? In Rockenhausen im Donnersbergkreis ist diese Frage seit der Schließung einer Gemeinschaftspraxis Ende Januar für viele Menschen aktueller denn je. Das beschauliche 5400-Seelen-Städtchen steht mit dieser Versorgungslücke exemplarisch für viele ländliche Regionen in der Pfalz, die mit Ärztemangel zu kämpfen haben. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung, die die ambulante medizinische Versorgung in Rheinland-Pfalz organisiert, „wird die Ressource Ärztin beziehungsweise Arzt immer knapper – und das in ganz Rheinland-Pfalz“. Tendenziell bekämen stark ländlich geprägte Regionen die Auswirkungen des Ärztemangels deutlicher zu spüren als städtische Ballungszentren. Eine Prognose, wie es in fünf Jahren mit der Versorgung aussehen könnte, wagt die Kassenärztliche Vereinigung jedoch nicht.
Ländliche Regionen stehen unter Druck
Konkreter wird Mechthild Kern, Vorsitzende der Patientenvertretung „Das Patientenforum“: Rheinland-Pfalz liege bei der Ärztedichte im Bundesvergleich im unteren Bereich, Tendenz weiter abnehmend, sagt sie. „Im Jahr 2022 kamen im Bundesvergleich rechnerisch etwa 209 Einwohner auf einen Arzt, wobei der ambulante Bereich durch etwa 250 unbesetzte Hausarztsitze besonders in ländlichen Regionen unter Druck steht“, erklärt Kern. Zusätzlich verschärfe sich der Versorgungsbedarf in den nächsten Jahren weiter – viele Mediziner sind bereits 65 Jahre und älter. Es sei also nur eine Frage der Zeit, bis sie in den Ruhestand gehen. Einen Nachfolger zu finden, ist häufig schwierig.
Auch in Rockenhausen hat das Ärztepaar Heike und Ulrich Petry lange gesucht. Und wurde tatsächlich fündig. Doch bevor die Praxis nach vielen vorbereitenden Gesprächen in die Hände des jüngeren Interessenten übergeben werden konnte, platzte der Traum. „Wegen einer unerwarteten Veränderung in dessen Umfeld“, erzählt Ulrich Petry, ohne dabei auf Details eingehen zu wollen. Seither hat sich in Sachen Nachfolge nichts mehr getan. Die Praxis schloss dennoch. Stadt und die Verbandsgemeinde reagierten und holten sofort die Kassenärztliche Vereinigung mit ins Boot, um eine Unterversorgung zu vermeiden. Von einer Unterversorgung ist dann die Rede, wenn in einer Region weniger als 75 Prozent der vorgesehenen Kassensitze bei Hausärzten oder weniger als 50 Prozent der Facharztstellen besetzt sind.
Provisorium erinnert an Corona-Pandemie
Für die Patienten des Ehepaars Petry, die bei keinem ihrer verbliebenen Kollegen untergekommen sind, gibt es nun seit einigen Wochen eine etwas ungewohnte Anlaufstelle: Stühle reihen sich im Eingangsbereich einer Veranstaltungshalle aneinander, die Heizung brummt, an der Tür steht ein Desinfektionsspender. Filzpinnwände auf Rollen sollen für etwas mehr Diskretion sorgen und gleichzeitig die Vertrautheit eines Wartezimmers suggerieren. Das Ganze erinnert ein wenig an die improvisierten Schnelltest-Stationen und Impfzentren während der Corona-Pandemie. Vor der Tür steht ein weiß-rosa Transporter. In regelmäßigen Abständen öffnet sich die Tür. Dann steigt eine Frau aus, ruft einen Nachnamen in den Warteraum und begleitet die angesprochene Person in den Transporter.
Vor gut zwei Jahren startete die Kassenärztliche Vereinigung das Projekt „Mobile Arztpraxen“. Seither sind die beiden Transporter überall da in Rheinland-Pfalz im Einsatz, wo eine medizinische Unterversorgung droht. Rockenhausen derzeit eine von landesweit sechs betroffenen Regionen. In der Pfalz gehört noch das Dahner Felsenland (Landkreis Südwestpfalz) dazu. Wie groß das Gefälle zwischen Stadt und Land ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Im Donnersbergkreis kamen vergangenes Jahr 148 Ärzte auf 100.000 Einwohner, im Rhein-Pfalz-Kreis waren es 114, in der Südwestpfalz sogar nur 103. Ludwigshafen hat laut Statistik dagegen 230 Ärzte pro 100.000 Einwohner, Landau sogar knapp 320. Diese Zahlen veröffentlichte die Kassenärztliche Bundesvereinigung kürzlich. Damit kommen in der Südwestpfalz rund 970 Patienten auf einen Arzt – also fünf Mal so viele wie im Bundesdurchschnitt. Vakante Praxissitze verschärfen die Situation: Während die Landeshauptstadt Mainz keine freien Hausarztsitze verzeichnet, bleiben derzeit 15 in Bitburg und jeweils zwölf in den Planungsbezirken Kusel und Kirchheimbolanden, zu dem auch die Stadt Rockenhausen gehört, unbesetzt.
Sorge um medizinische Hilfe belastet
Was es im Einzelfall heißt, plötzlich ohne Hausarzt dazustehen, berichtet Claudia Manz-Knoll. Die Nordpfälzerin ist Krebs-Patientin. Weil sie erst in einigen Tagen bei einem neuen Hausarzt unterkommen kann, ist sie heute mit ihrer schweren Erkältung übergangsweise auf die medizinische Ersatzversorgung durch die mobile Arztpraxis angewiesen. Regelmäßig muss ein Hausarzt Manz-Knoll Überweisungen ausstellen, damit sie weiter von Fachärzten behandelt werden kann. „Auch wenn ich einen Hausarzt ansonsten nicht so oft brauche: Diese Unterstützung und die Koordination mit der Uniklinik Mannheim ist für mich überlebenswichtig. Ansonsten bin ich bei den Fachärzten sehr gut aufgehoben.“
Das habe in der Praxis, die sie zuerst anfragte, aber keinen interessiert. Einfach weggeschickt habe man sie, erzählt die Nordpfälzerin noch immer schockiert: „Das macht schon etwas mit einem, wenn man plötzlich ohne Hausarzt dasteht und nicht weiß, wo man unterkommen kann.“ Dass es einmal so schwer werden könnte, an ihrem Wohnort einen neuen Hausarzt zu finden, damit habe sie nicht gerechnet, sagt Manz-Knoll, während sie auf ihren Termin wartet.
Bis zu 20 Kilometer für einen Hausarztbesuch
Selbstverständlich ist die heimatnahe Versorgung keinesfalls, sagt Patientenvertreterin Mechthild Kern. Aus Berichten vieler Betroffener weiß sie, dass diese in Regionen wie der Eifel oder dem Hunsrück bis zu 20 Kilometer zurücklegen, um ärztlich versorgt zu werden. Besonders hart trifft das Menschen mit chronischen Erkrankungen sowie ältere und weniger mobile Menschen. Wiederum sei hier vor allem der ländliche Raum abgehängt, da der ÖPNV dort weniger gut ausgebaut ist und Bürgerbusse keine auf Dauer angelegte Alternative sind, beschreibt Kern die Probleme. Immerhin seien ihr nur vereinzelt Fälle von Menschen bekannt, die überhaupt keine medizinische Hilfe hatten, weil kein Hausarzt zur Verfügung stand. „Dann ist die Bereitschaftspraxis gefordert oder der Notdienst“, sagt Kern. Doch auch dort gebe es Probleme.
Umso dankbarer ist Patientin Claudia Manz-Knoll, dass sie an diesem Tag in die mobile Arztpraxis kommen kann. „Natürlich muss man schon etwas offen sein“, sagt sie. Schließlich findet die Behandlung in einem eigens für diesen Zweck umgebauten Transporter statt. Große Unterschiede lassen sich auf den ersten Blick allerdings kaum feststellen. Nur die Maßstäbe der mobilen Arztpraxis sind kleiner, der Raum ist begrenzter. Mit Computern, einer Liege, einem kleinen Labor, Medikamenten und Verbandsmaterial bietet sie eine ganz ähnliche Ausstattung wie in einer stationären Praxis. Sogar ein kleiner Empfangsbereich samt einer Medizinischen Fachangestellten ist vorhanden. Laut Kassenärztlicher Vereinigung ist hier jede Behandlung möglich, eben genauso wie in einer stationären Praxis. Nur barrierefrei ist der Einstieg in den Transporter nicht. Wer die zwei Metallstufen in den Transporter nicht schafft, wird in der Wartehalle behandelt.
„Natürlich müssen sich die Menschen, die das erste Mal zu uns kommen, mit der ungewohnten Umgebung anfreunden“, weiß Peter Bunders, diensthabender Allgemeinmediziner in der mobilen Arztpraxis. Das gehe aber meist schnell. Erst vor Kurzem habe er mit dem Ärztemobil bei Wittlich Halt gemacht. „Obwohl wir ein Wartezimmer zur Verfügung gestellt haben, standen 30 Personen lieber in der Kälte an der Straße – aus Sorge, sie würden nicht drankommen“, beschreibt Bunders die Not der Menschen.
Image des Hausarztes muss aufpoliert werden
Bunders hat sich bewusst für den Dienst als herumreisender Arzt entschieden. Zuvor sei seine medizinische Laufbahn klassisch verlaufen – Studium, Facharztausbildung an verschiedenen Krankenhäusern, Innere Medizin, Kardiologie, Intensivstation – überall dort, wo das Leben oft am seidenen Faden hängt. „Allgemeinmediziner oder gar Hausarzt wollte ich zu Beginn nie sein – wie viele angehende Ärzte“, sagt er. Das Image des Hausarztes leide noch immer: Viele junge Kollegen hielten deren Aufgabenfeld für wenig herausfordernd. Ein Trugschluss, weiß Bunders mittlerweile. Auch er habe sich erst nach Rund-um-die-Uhr-Diensten im Krankenhaus, wachsenden mentalen und seelischen Belastungen sowie dem Spagat zwischen Patienten und Familienleben mit dem Gedanken anfreunden können. „Es ist schön, wenn die Leute wegen dir als Arzt kommen“, erzählt Bunders vom tiefen Vertrauen der langjährigen Patienten, das er während seines Dienstes in einer Gemeinschaftspraxis erfahren habe. Deswegen könne er sich mittlerweile durchaus vorstellen, sich irgendwann als Arzt in einer Gemeinde niederzulassen – aber nur unter bestimmten Voraussetzungen.
Berge überbordender Bürokratie
Bunders ist wie viele seiner Kollegen in erster Linie Arzt geworden, um den Menschen zu helfen, betont er, und nicht, um in Bergen aus überbordender Bürokratie hinter dem Schreibtisch zu versinken. Bunders ist überzeugt: „Es gibt genug Ärzte, aber zu wenige Arztstunden.“
Junge Mediziner lassen sich kaum noch aufs Land locken – trotz guter Chancen auf eine eigene Praxis und selbstbestimmtes Arbeiten. Doch statt der Freiheit, die ihnen geboten wird, empfinden viele eher Belastungen. Stetig steigende Löhne für Angestellte, Kosten für Mieten und Investitionen in Praxisräume, von der Politik auferlegte technische Vorgaben – all diese Risikofaktoren wollten junge Ärzte nicht auf sich nehmen.
MVZ müsse in kommunaler Hand sein
Medizinische Versorgungszentren (MVZ), bei denen ein eingestellter Geschäftsführer die Verwaltungsaufgaben übernimmt und Ärzte als Angestellte agieren, könnten die Lösung sein. „Aber nur, wenn das MVZ in kommunaler Hand bleibt“, sagt Bunders. Denn seine Erfahrung ist: Steigt ein großer Investor ein, „geht es meist nur noch um Masse“. Doch in Zeiten klammer Haushaltskassen können Gemeinden die Finanzierung ohne Hilfe nicht stemmen. Die Kassenärztliche Vereinigung sieht hier die Politik in der Verantwortung. Man müsse sich von dem Gedanken verabschieden, mit Medizin Einnahmen zu generieren, glaubt Bunders. Wichtiger sei es, Kosten zu decken. Eine gute medizinische Versorgung sei auch ein Standortvorteil: Firmen, Arbeitgeber, Familien siedelten sich an und spülten so wieder Geld in die leeren Kassen.
Familienplanung contra Praxisalltag
Ein weiterer Faktor: Die Medizin werde immer weiblicher, sagt Bunders. Oft ließen sich allerdings Familienplanung und Kinderbetreuung nicht mit dem Praxisalltag vereinbaren. Er ist sicher: „Gäbe es mehr Teilzeitangebote, würden sich mehr Ärztinnen für eine Praxis auf dem Land entscheiden.“
Bis sich im System etwas ändert, will Bunders erst einmal weiter mit der mobilen Arztpraxis umherreisen. In Rockenhausen neigt sich seine Zeit bald dem Ende zu. Die Nachfrage bei der mobilen Arztpraxis sei bereits zurückgegangen, berichtet die Kassenärztliche Vereinigung. Viele Patienten hätten wohl Anschluss bei anderen Hausärzten gefunden. „Ab April reduzieren wir den Einsatz der mobilen Arztpraxis von zwei auf einen Tag in der Woche.“ Dann ist es Zeit für Bunders und sein Team weiterzuziehen – in die nächste Region in Rheinland-Pfalz, in der Ärzte dringend gebraucht werden.