Der Weintipp
Orange-Wein: Ein Lob dem Mittelweg
Vor rund 50 Jahren begründeten Spontigruppen ihre rabiaten Methoden bei politischen Auseinandersetzungen mit der Parole: „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod.“ Allerdings kannten sie die im 21. Jahrhundert aufgeflammte Diskussion um so genannte Orange-Weine nicht – die oft spontanvergoren, also so genannte „Spontis“ sind. Obwohl: Auch hier gibt es vor allem große Begeisterung und totale Ablehnung. Zu unrecht, ist nach vielen Verkostungen unsere Erfahrung. Etwas mehr Offenheit wäre vonnöten.
Vorbild: Amphoren, im Boden vergraben
Fans dieses Ausbaustils zahlen gerne etwas mehr und weisen auf Bekömmlichkeit und die „natürlichere“ Ausbauart hin. Außer Zweifel steht, dass vor allem einige Winzer in Georgien mit dem dort traditionellen Verfahren bemerkenswerte Weine auf die Flasche bringen. Es geht in der Regel um den Ausbau in großen Tonamphoren – in Georgien werden sie eingegraben – um Maischegärung und lange Maischestandzeit bei Weißweinen (wie sonst nur bei Rotwein) sowie um den weitestgehenden Verzicht auf Schwefel und Kunsthefen. Kritiker bemängeln mikrobiologische Fehler, gleichförmigen „Duft“ von oxidiertem Apfel, lehnen Gerbstoff bei Weißwein ab und weisen darauf hin, dass Wein, wie auch immer hergestellt, nie „natürlich“ sei. Freilich gibt es allerlei Varianten, die beweisen, dass manchmal der Mittelweg doch keine schlechte Option ist. Man kann nämlich mit der Maischestandzeit spielen, Hefen variieren, Schwefel dosieren, Gärgefäße verändern oder besondere Rebsorten auswählen. Das Ergebnis ist weniger puristisch „orange“, ermöglicht aber Vielfalt in Geschmack und Aroma.
Die Mosbachers habe ihren Gewürztraminer im offenen Holztonne au vergoren, ganz leicht geschwefelt und im Barrique reifen lassen. Das Ergebnis ist ein bernsteinfarbener, spannender Wein mit leichter Muskatnote und Aromen von Orangenschale und Honig, im Mund zunächst cremig, dann mit ganz leichten Gerbstoffen im Finale. Hervorragend und sein Geld wert!
Der Wein
2022 Gewürztraminer „Orange“, Weingut Georg Mosbacher, Forst, Telefon: 06326/329, Preis: 19 Euro.
Der Autor
Jürgen Mathäß ist Weinjournalist und Seminarleiter, er war Chefredakteur verschiedener Weinzeitschriften und ist Experte für Pfälzer Weine sowie für die Weine der iberischen Halbinsel und Südamerikas. Seit 2007 schreibt er alle zwei Wochen den „Weintipp“ für die RHEINPFALZ am SONNTAG. Er lebt in Landau-Arzheim. Hier geht’s zu seinen früheren Weintipps.

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