Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Odyssee-Film: Rassismus? Warum es Streit um die Hautfarbe der Helena von Troja gibt

Noch ist offen, ob Lupita Nyong’o in Christopher Nolans Film „Odyssee“, der im Juli erscheinen soll, die Helena von Troja verkör
Noch ist offen, ob Lupita Nyong’o in Christopher Nolans Film »Odyssee«, der im Juli erscheinen soll, die Helena von Troja verkörpern wird. Doch allein das Gerücht hat bereits eine heftige Online-Debatte entfacht.

Das Internet erregt sich: Wer darf die schönste Frau der Antike spielen? Dabei machen die vermeintlich Progressiven die gleichen Fehler wie die vermeintlichen Rassisten.

Es ist dies die Geschichte einer durchaus gewollten Erregungsspirale – und „Tesla“-Gründer Elon Musk ist wie üblich mittenmang. Der britische Regisseur Christopher Nolan habe „seine Integrität verloren“, schreibt Musk auf seiner eigenen Plattform „X“, vormals Twitter. Harte Worte – und dabei geht es eigentlich bloß um die Auswahl einer Schauspielerin: Nolan will angeblich die Rolle der Helena in seiner im Sommer erscheinenden Verfilmung des Epos „Odyssee“ mit einer dunkelhäutigen Darstellerin besetzen. Mit Lupita Nyong'o nämlich, kenianische Eltern, in Mexico-Stadt geboren und spätestens seit dem Film „12 Years a Slave“ des Regisseurs Steve McQueen ein Star.

Es soll also eine person of color die laut des altgriechischen Dichters Homer schönste Frau ihrer Zeit spielen. Was natürlich zu den erwartbaren Polarisierungen führt: „Absolutely disgusting“ ereifert sich jemand auf „X“, absolut abscheulich also, Quellenverfälschung, so der Vorwurf. Das Epos referiere ohnehin einen Mythos und sei damit frei interpretierbar, so die anderen – und die Ablehnung einer schwarzen Darstellerin, noch dazu in der Wortwahl, purer Rassismus.

Die „weißarmige“ Helena

Dabei passt die Besetzung auf den ersten Blick ja – so man denn Augen im Kopf hat: Nyong’o ist eine sehr schöne Frau. Man darf trotzdem skeptisch bleiben, ob die Debatte irgendeinen Erkenntniswert erbringt. Und dies schon deshalb, weil beide Seiten einmal mehr nicht merken, wie sehr sie sich im Grunde gleichen. Aber der Reihe nach.

Das Elend beginnt damit, dass bei der Diskussion über Helena und Nyong’o so ziemlich jeder Teilnehmer zum versierten Altphilologen mutiert. Damit kann der Autor dieser Zeilen Ihnen leider nicht dienen: Sein Altgriechisch-Unterricht liegt Jahrzehnte zurück, und viel ist nicht hängen geblieben. Er kann also nicht beurteilen, ob das „leukoléno“, also „weißarmig“, mit dem Helena in dem dritten Gesang der „Ilias“ beschrieben wird, nur auf ihre adelige Herkunft verweist (steht nicht zur Arbeit auf dem Feld/ist nicht sonnengebräunt) – oder auch auf ihre Hautfarbe. Wenn man raten dürfte: Wahrscheinlich sogar beides, aber das wäre wirklich nur geraten. Die genauen (Neben-)Bedeutungen der Homer’schen Begriffe zu entschlüsseln, ist ein Job für Spezialisten.

Was sich recht sicher sagen lässt: Eine person of color als (proto-)archaische griechische Adelige ist ziemlich unwahrscheinlich. Einer der ersten schriftlich belegten Kontakte von Griechen mit Menschen der Subsahara taucht übrigens an einer ziemlich amüsanten Stelle auf: Auf dem linken Schienbein einer der Kolossalstatuen des ägyptischen Pharao Ramses II. am Tempel von Abu Simbel. Dort hat eine Gruppe von griechischen und kleinasiatischen Söldnern im Jahre 592 oder 591 v. Chr. Namen eingeritzt. Es grüßen unter anderem Arkhon und Peleqos auf dem Weg zum ersten Nilkatarakt, man befindet sich also in Nubien.

Nun könnte man natürlich argumentieren wie ein Teil der heillos zerstrittenen Internet-Gemeinde: Historizität ist eh wurscht, der Homerische Text ist sowieso erfunden, man kann damit machen, was man will. „Helena von Troja ist eine mythologische Figur. Sie kann von jedem gespielt werden“, so beispielsweise ein „X“-Nutzer. Das Problem ist allerdings: Der Text mag erfunden sein – und trotzdem gehört er in seine Zeit und transportiert seine eigene Wahrheit.

Verfügungsmasse für die eigene Befindlichkeit

Homer schreibt nicht fürs Überzeitliche, oder für irgendjemanden, der ihn knapp 3000 Jahre später zu lesen oder zu verfilmen geruht: Seine Epen, und die sind im Ursprung Vortragskunst, beschreiben zunächst und hauptsächlich die griechische Adelsgesellschaft etwa um 800/750 v. Chr., ihre Konflikte, ihr Selbstverständnis, ihre Wahrnehmung der Welt. Es hat diese Zeitgebundenheit von Texten keineswegs nur musealen Charakter. Interpretation hat, wenn sie mehr sein will als bloße Projektion, wohl immer zwei Zeitebenen anzunähern: Die des Textes, die nie ganz zu erreichen sein wird, weil niemand durch die Augen eines Menschen beispielsweise der Antike zu blicken vermag. Und die eigene Zeit, die des Interpretierenden, die nie ganz abzuschütteln ist – weil niemand vollständig neben sich und seine Zeit treten kann.

Respektiert man nun beides nicht, die Zeitlichkeit des Textes genau wie die der eigenen Wahrnehmung – dann wird alles zur bloßen Verfügungsmasse für die eigene Befindlichkeit und für die eigenen Zwecke. Und genau so agieren die Wladimir Putins oder Donald Trumps dieser Welt: „Russisch“ als nationale Identität gab’s demnach beispielsweise schon immer – und die Ukraine war schon immer Teil davon. Ist zwar Unsinn, taugt aber gut zur Kriegspropaganda.

Man muss gar nicht bis Russland schauen, um zu beobachten, welchen Unfug die bloße Projektion der eigenen Vorstellungswelt auf die Vergangenheit hervorbringen kann. Es reicht, Netflix einzuschalten – die Serie „Bridgerton“ beispielsweise. Die spielt im Großbritannien der „Regency“, also Anfang des 19. Jahrhunderts – und sie ist „colorblind“, also „farbenblind“ besetzt: Viele Angehörige der britischen Oberschicht werden von people of color gespielt. Was sicher gut gemeint ist und vielleicht der Selbstermächtigung dienen soll: Die Serienmacherin Shonda Rhimes ist selber „PoC“.

Wenn historische Phänomene nicht mehr im Kontext gesehen werden

Historisch gesehen ist dies alles natürlich totaler Unsinn, aber das ist nur das vordergründige Problem: Wenn sich irgendjemand in 200 Jahren ohne großen Kontext diese Serie anschauen würde, dann müsste er oder sie sich fragen, warum sich die Menschen des frühen 21. Jahrhunderts überhaupt über Themen wie Identität oder Rassismus erregt haben. Es gab laut „Bridgerton“ ja offensichtlich keinen Rassismus – genausowenig wie eine Ausbeutung der Kolonien, die in Wirklichkeit den Reichtum des „Regency“-Großbritannien erst ermöglicht hat.

Das also passiert, wenn man historische Phänomene nicht mehr in ihrem eigenen Kontext respektiert: Man beraubt sich der Möglichkeit, jene Phänomene kritisch zu analysieren oder sogar der Fähigkeit, sie wahrzunehmen – und plötzlich ist der europäische Imperialismus samt Sklavenhandel jedenfalls für „Bridgerton“-Zuschauer aus der Welt, als wäre er nie dagewesen. Wenn alles zur Mär und zur Projektionsfläche wird, ist nichts mehr echt – und wer glaubt, dass davon nur die Guten und Wohlmeinenden profitieren, der kennt die Donald Trumps und Wladimir Putins dieser Welt schlecht. Und sollte sich vielleicht ein wenig intensiver mit der jüngeren deutschen Geschichte beschäftigen.

Das Paradoxe ist: Wenigstens bei Homer gäbe es durchaus bessere Möglichkeiten, über Identität nachzudenken. Anhand der Figur des Memnon beispielsweise. Der taucht in der „Odyssee“ nur an einer Stelle namentlich auf, als „schönster der Feinde“, ohne Erwähnung der Hautfarbe. Schon Hesiod gilt er um 700 v. Chr. allerdings als „König der schwarzen Aithiopier“ – und so wird er in der Antike dann eben oft als person of color dargestellt. Der römische Dichter Vergil beispielsweise schreibt von den „nigri Memnonis arma“, den „Waffen des schwarzen Memnon“.

Ginge also auch so – wenn man akzeptiert, dass Texte aus ihrer eigenen Zeit und die Zeit mit ihren eigenen Texten zu uns sprechen. Die schwarze Helena im Nolan-Film ist derweilen im Moment nur ein Gerücht – und vielleicht war das Ganze dann doch nur PR-Maßnahme im Vorfeld des Kinostarts. Wenn dem so wäre: Man kann auf geschmackvollere Arten sein Geld verdienen als durch die Instrumentalisierung von Rassismus-Debatten.

Tröstlich immerhin: Lupita Nyong'o sieht, mit Verlaub, immer noch knallgut aus.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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