Zypern RHEINPFALZ Plus Artikel Nikosia entdecken: Zwischen Grenzgeschichte und Altstadtflair

Gut beschattet bummelt es sich in der Ledro Street in Nikosia.
Gut beschattet bummelt es sich in der Ledro Street in Nikosia.

Rund 50 Jahre nach der Teilung erfindet sich Zyperns Hauptstadt Nikosia neu und entwickelt sich zum lässigen Lifestyle-Hotspot im östlichen Mittelmeer. Von Brigitte Jurczyk

Tagsüber wirkt Nikosia an manchen Stellen wie ausgestorben – eine Geisterstadt. Magere Katzen dösen im Schatten von verlassenen Häusern. Der Putz bröckelt von den Fassaden. Aus den Fensterhöhlen wachsen Akazien. Eine Gasse weiter sirren Bohrer, eine Kreissäge kreischt. Ganze Straßenzüge der zyprischen Hauptstadt werden restauriert, die Bürgersteige frisch gepflastert und mit Pollern gegen das wilde Parken versehen. Handwerker holen das Innere der Kolonialbauten heraus, die die Engländer hinterließen. Sie setzen Wände neu, bessern die Böden aus, streichen die Wände in strahlendem Weiß. Ein Boutiquehotel, ein Restaurant, eine Bar nach der anderen eröffnet gerade in der Altstadt von Nikosia.

„Die Stadt ist in Aufbruchstimmung“, sagt die Verkäuferin in einer Boutique an der Ermou Straße. Designermode hängt an minimalistischen Metallständern. An diesem Samstagvormittag ist es auffällig ruhig hier. Niemand sucht zwischen wild gemusterten Kleidern und übergroßen Taschen nach dem passenden Stück. „Aber warten Sie mal ab, was heute Abend hier los ist“, schiebt die Frau an der Kasse hinterher. Und tatsächlich: Nach Sonnenuntergang füllen sich die Gassen, vibriert das Altstadtviertel unter den Beats der Restaurants, dem Lachen der Gäste draußen an den Tischen und den Autos, die im gemächlichen Tempo durch die Szenerie gleiten. Bunte Lampions leuchten in den Bäumen am Straßenrand. Menschen flanieren in Ausgehlaune.

Die Grenze zieht sich mitten durch die Haupstadt

Nikosia hat fünf Universitäten mit 25.000 Studenten, und auch die Touristen der beliebten Badeorte Zyperns kommen gern für einen Ausflug in die Stadt im Inselinneren. Sie kommen wegen des Cyprus-Museums, das Ausstellungsstücke der 9000-jährigen Geschichte Zyperns zeigt. Sie kommen wegen der Kolonialbauten, die die Briten räumten, als sie 1960 die Zyprioten in die Unabhängigkeit entließen. Wegen der byzantinischen Kirchen, deren älteste aus dem 15. Jahrhundert datiert. Sie kommen, um Party zu machen. Das war nicht immer so. Denn seit 1974 trennt eine Grenze die Insel in eine griechisch-zypriotische und eine türkisch-zypriotische Hälfte. Sie zieht sich mitten durch Nikosia. Seit 2008 gibt es bestimmte Checkpoints, an denen man in den von der Türkischen Republik Nordzypern kontrollierten Norden gelangen kann.

Der Grenzübergang in der Ledra Street ist der beliebteste. Eigentlich bilden sich hier immer kleine Schlangen von Touristen und Einheimischen. Katie Economidou zieht die Besucherin in einen sonnengeschützten Hauseingang und zeigt auf das Denkmal, das direkt vor den Kontrollen steht. „Es soll an die tragische Geschichte der Inselbewohner erinnern“, sagt der Nikosia-Guide. Jeder kann die Grenze passieren – vorausgesetzt, man hat einen Personalausweis oder Reisepass dabei. Davor war die „Green Line“ eine fast unüberbrückbare Hürde. Es gab kaum offizielle Übergänge.

Was hier vor über 50 Jahren passierte, fasst die Politikwissenschaftlerin, die heute Besucher durch die Stadt führt, so zusammen: Nach der Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahre 1960 kam es zu Spannungen zwischen griechischen und türkischen Zyprioten. 1974 putschten griechisch-zypriotische Offiziere, um die Insel an Griechenland anzugliedern. Daraufhin schickte die Türkei Soldaten. Die besetzten während der Invasion den Norden. 1983 wurde die international nicht anerkannte Türkische Republik Nordzypern ausgerufen. Griechische Zyprioten, die dort lebten, flohen in den Süden. Umgekehrt verließen türkische Zyprioten den Süden und siedelten in den Norden. Tausende Menschen kamen bei den Auseinandersetzungen ums Leben, etwa 2000 verschwanden, Hunderte gelten bis heute als vermisst. Die „grüne Linie“, die die beiden Teile trennt, wird seit 1974 von UN-Friedenstruppen kontrolliert.

Eine Grenze, die sich wie eine offene Wunde durch die Stadt zieht. Mitten durch bestehende Nachbarschaften. Hier blühen noch Blumen auf der Fensterbank eines Hauses, parken Autos davor. Direkt daneben zieht sich eine Mauer mit Stacheldraht über die Straße. Ein Anblick, der verstört. In der Ledra Street – der beliebtesten Einkaufsmeile der Stadt – gehört der Kontrollpunkt dagegen schon zum Stadtbild. „Man hat sich halt an ihn gewöhnt“, meint Katie Economidou, die mit dem Gast hinüber auf die andere Seite der Grenze will. Hier sieht es auch nicht anders als auf der griechisch-zypriotischen Seite aus: Ein Laden nach dem nächsten reiht sich in der Fußgängerzone.

Das Land auf dem Weg in eine gute Zukunft

Nur fällt auf: Die Boutiquen sind voll mit Prada-, Chanel- und Gucci-Artikeln zu sehr günstigen Preisen. „Alles fake!“, schüttelt Katie Economidou den Kopf und steuert zielstrebig auf ein großes Gebäude am Ende der Straße zu: Die Selimiye Moschee, eine ehemalige Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert. Imposante gotische Architektur. „Das ist hier oft passiert, dass die sakralen Bauten umgewandelt wurden – je nachdem, wer das Sagen hatte.“ Mal stand Zypern unter dem Einfluss der Venezianer, dann der Osmanen. Auch die Römer und die Griechen der Antike hinterließen Spuren.

Die Karawanserei Büyük Han – noch ein Relikt aus der Vergangenheit: 1572 von den Osmanen gebaut, kurz nachdem sie die Insel erobert hatten. Früher genutzt als Herberge für Händler zieht sie heute mit Kunsthandwerk und Restaurants Touristen an, die sich mit der Markthalle von 1932 und der Selimiye Moschee die Sightseeing-Highlights auf der türkisch-zypriotischen Seite Nikosias anschauen. Ein bisschen wirkt es, als wäre in diesem Teil der Stadt die Zeit stehen geblieben. Auf der griechisch-zypriotischen Seite startete dagegen ein regelrechter Bauboom. Nicht nur die Altstadt wird auf Hochglanz gebürstet: Architekturstars wie der Franzose Jean Nouvel, der ein Hochhaus mit einer Fassade wie eine Lochkarte in den Himmel wachsen ließ und das Büro der vor fast zehn Jahren verstorbenen irakisch-britischen Architektin Zaha Hadid setzten markante Zeichen der Zukunft.

Auf dem Platz der Freiheit, der an die venezianische Stadtmauer grenzt, entstand auf zwei Ebenen ein System von Treppen und Rampen, Wasserbecken und Gärten sowie palmengesäumte Promenaden. Viel Geld aus Israel und den arabischen Staaten, aber vor allem aus der Europäischen Union ist auf die Insel geflossen. Bis 2030 sollen allein neun Großprojekte in Nikosia entstehen. So auch das neue Archäologische Museum. Joanna Louca hat der neue Vibe zurück in die Heimat gezogen. Geboren in Zypern verbrachte die international renommierte Webkünstlerin ihr Studentenleben in London. In Museum und Galerien weltweit werden ihre Arbeiten gezeigt; in Nikosia hat sie jetzt ein Atelier bezogen, das sie für Besucher öffnet. Auch Hotels sind Kunden von ihr. Mit dem gerade eröffneten Amyth in der Altstadt steht sie schon im Kontakt. Das auffällig schön restaurierte Gebäude – eine ehemalige Schule – in dem das Boutiquehotel residiert, ist das beste Beispiel, wohin die Reise Nikosias geht: in die Zukunft.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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