Rheinpfalz am Sonntag
Neuer Trend Urban Gardening: Die Grünohrhasen
Wanda Ganders und Natalie Kirchbaumer sitzen im Sonnensommer 2009 auf ihrem Balkon und träumen mal wieder von der Selbstversorgung aus dem eigenen Garten. Aber Balkonien bietet naturgemäß nur eine geringe Fläche zur familiengerechten Versorgung mit Obst und Gemüse. Der Begriff Selbstversorgung war schon damals ein hochemotionales Modewort nach Rinderwahn und Gammelfleisch, Güllestreit und Glykolskandal. Aber das Modell von Großmutters Gemüsegarten funktioniert nicht im mehrstöckigen Siedlungsbau und bei geschlossener Bebauung. Und das Grundwissen von Ackerbau und Tomatenzucht war einer Gesellschaft nicht mehr präsent, die glaubt, Gurken und Möhren wachsen beim Discounter.
Die Idee war einfach genial und genial einfach. Die zwei gründeten nach ihrer gemeinsamen WG-Zeit gleich das Unternehmen „meine ernte“ und überzeugten Landwirte, einen Teil ihrer Anbaufläche zum Gemüseanbau vorzubereiten und etwa 20 Gemüsesorten anzusäen. Die Bauern sollten idealerweise auch als Ansprechpartner und Ratgeber für Gartennovizen zur Verfügung stehen, ihr Wissen an die Städter auf Landflucht weitergeben. Das Konzept ging auf, 2010 wurden die ersten Gärten vermietet.
In der hippen, coolen Szene
Die Idee der Frauen passte in eine Zeit, die Selbstversorgung als eine Form der Autarkie betrachtete, in der es „Hello Fresh“ noch nicht gab und in der die eigene Versorgung auch Selbstverwirklichung bedeutete. Heute ist Großmutters fröhliches Gärtnern längst mit dem neudeutschen Begriff Urban Gardening in der hippen, coolen Szene geadelt worden.
Die Motivation für die Neugärtner ist vielfältig: Die eine schätzt die frische Luft, der andere den gesunden Ausgleich vom Acht-Stunden-Bürojob. Eine andere will ihren Kindern die Erfahrung vermitteln, dass Obst und Gemüse nicht bei Lidl und Aldi oder Edeka und Rewe angebaut werden. Dass das neue Hobby auch noch schmackhaftes und gesundes Essen auf den Tisch bringt, ist ein weiterer Vorteil, der auf der Zunge liegt.
Vorteile für die Landwirte
Als Unternehmen wuchs „meine ernte“ in zwölf Jahren wie das Gemüse in den Gärten: Aktuell werden an 28 Standorten 3850 Gärten von insgesamt 10.000 Gartenfreunden bewirtschaftet. Eine kleine Parzelle mit 45 Quadratmetern kostet 229 Euro Pacht, die große für die ganze Familie bietet 90 Quadratmeter und schlägt mit 439 Euro zu Buche, das ist der Saisonpreis. Ein komplett ausgestatteter Geräteschuppen steht allen zur Verfügung, ebenso der Zugang zu Gießwasser. Und alle Parzellen liegen so, dass sie mit dem Fahrrad oder dem öffentlichen Nahverkehr gut zu erreichen sind. Und welche Vorteile haben die beteiligten Landwirte?
Sie haben nicht nur eine sichere Zusatzeinnahme durch die Pacht, sie gewinnen auch neue und treue Kunden für ihre Hofläden. Was vielleicht noch mehr zählt, sie erfahren als Ratgeber und Experten eine ganz neue Wertschätzung, oft auch in der Lokalpresse, die gerne über „meine ernte“ berichtet. Geschäftsführerin Wanda Ganders ist sicher, dass sich das gesunde Wachstum dynamisch fortsetzt: „Corona hat wie ein Brandbeschleuniger gewirkt und neue Trends wie Indoor-Gardening oder Pilzzucht auf dem Balkon ausgelöst.“
Wenn die Möhrenpost kommt
Das Unternehmen beschäftigt aktuell acht Mitarbeiter und steckt viel Geld in Marketing und Kommunikation. Allein die Gartenübergabe Ende April ist immer wieder ein familienfeierfröhliches Event. Jeder Garten bekommt einen von den Pächtern ausgesuchten Namen, da gibt es dann das „Wurzelimperium“, „Mama macht’s“, „Busy Bees“ und den „Garten Jeden“. Die Gärtner werden eingeteilt in erfahrene „Alte Hasen“, während die Novizen als „Grünohrhasen“ firmieren. Alle Gärtner erhalten monatlich die Möhrenpost und wöchentlich den standortspezifischen Gärtnerbrief. Dazu gibt es eine herrlich vergnügliche Internetseite, zahlreiche unterhaltsame Videos zu allen Gartenfragen und einen Internetshop, der den Weg zum Hobbymarkt erspart. Kurz: Rundum-Betreuung mit Sorglos-Garantie.
Neu-Gärtnerin Anna entwickelt wahre Gartenglücksgefühle: „Ich buddele ein bisschen in der Erde, hole mein Gemüse raus, habe direkt etwas zum Kochen. Das ist unheimlich befriedigend, ja ein wahrer Glücksmoment. Man schaut dem Gemüse beim Wachsen zu und sieht, wie viel Arbeit in Lebensmitteln steckt.“
Einer, der diese Arbeit von Anfang an kennt, ist Ditmar Kranz vom Scholzenhof in Wiesbaden-Nordenstadt. Er war von Wanda Ganders Idee schnell überzeugt und vermietet heute über 100 Gärten an seine Kunden. Er sagt: „Hier kommen alle hin, junge Familien genauso wie Ruheständler, denen die Decke auf den Kopf fällt. Studenten aus der alternativen Szene, Freaks mit dem grünen Daumen und Menschen, die einfach ihren Stress abbauen wollen.“
Neue Kunden im Hofladen
Landwirt Kranz bewirtschaftet in Wiesbaden etwa 90 Hektar mit Kartoffeln und Erdbeeren, da nehmen die Gärten nur einen kleinen Teil der Fläche ein. Aber Kranz schätzt seine Gärtnertruppe auch als Kunden im Hofladen und als Genießer in seinem Waffelcafé. Der Scholzenhof ist ein klassischer Familienbetrieb, Bauer und Bäuerin, der Sohn macht im Betrieb seine Lehre, der 89-jährige Vater packt ebenfalls mit an, es gibt einen Auszubildenden und vier Saisonkräfte. Der Hof betreibt außerdem einen Wochenmarktstand und nimmt Teil an der Aktion Landmarkt, die von Rewe-Betrieben unterstützt wird. Erzeuger haben die Möglichkeit, ihre Produkte unter dem Motto „Besser direkt vom Bauern“ in den Märkten anzubieten.
Ob Schrebergarten oder Urban Gardening, ob „meine ernte“ oder das Hofglück bei Wiesbaden – der Trend zum eigenen Grünen geht quer durch die Republik. Die Medien greifen das Thema auf, der Gartencoach Markus Radscheit hat bei Youtube schon 120.000 Follower und die Mitgründerin des Projekts „meine ernte“ , Natalie Kirchbaumer, hat gerade ihr erstes Buch herausgebracht. Der programmatische Titel lautet: Gemüse für alle! Das Gartenbuch mit Erntegarantie.