Meinung
Mode für den Müll: Was haben Pfälzer Gemeinden mit der Plattform Shein zu tun?
Wie eine Milliardenindustrie aus Lumpen Gold macht: Es ist gerade mal zehn Jahre her, dass der „Stern“ mit dieser Schlagzeile das Geschäft mit Altkleidern beleuchtete. Branchenkenner schätzten damals, dass in Deutschland jährlich etwa 600 bis 800 Millionen Euro Umsatz mit gebrauchten Textilien gemacht wurden. Neben seriösen Unternehmen wollten etliche dubiose Firmen ein Stück vom Kuchen abhaben. Und auch gemeinnützige Organisationen finanzierten einen Teil ihrer Arbeit über die Gewinne aus den Altkleidercontainern. Allein das Deutsche Rote Kreuz erzielte 2013 nach eigenen Angaben rund 13,5 Millionen Euro durch den Verkauf von Second-Hand-Ware. Vielerorts verdienten Kommunen durch Nutzungsgebühren für Stellflächen mit – und mussten sich zugleich selbst nicht um die Entsorgung der Textilabfälle kümmern. Für Bürger war das System der kostenlosen Containersammlung viele Jahre lang sehr bequem. Das schlechte Gewissen der Wegwerfgesellschaft wurde mit der Aussicht beruhigt, man spende die alte Klamotten für einen guten Zweck.
Und heute? Der Markt für Alttextilien steckt in einer schweren Krise. Das bisher funktionierende System des Sammelns und Verwertens steht vor dem Kollaps, beklagen Recycling- und Entsorgungsfachleute seit Längerem. Was das heißt, lässt sich in vielen Pfälzer Kommunen beobachten. Die bisherigen Standorte von Altkleidercontainern sind immer häufiger vermüllt – oder wurden in den vergangenen Monaten gleich ganz aufgegeben. Bundesweit sind große Textilverwerter pleite gegangen, für Hilfsorganisationen lohnt sich die Sammlung nicht mehr. Spendencontainer sind zum Entsorgungsproblem geworden.
Was nicht passt, landet im Müll
Mit verantwortlich dafür ist der globale Trend zu Wegwerfmode. Während Fast-Fashion-Ketten wie H&M und Zara Wochen für eine Kollektion brauchen, bringen sogenannte Ultra-Fast-Fashion-Plattformen wie Shein und Temu seit einigen Jahren Modetrends aus sozialen Netzwerken innerhalb weniger Tage in Umlauf. In Rekordzeit extrem billig aus umweltbelastendem Polyester produziert und von den meist jungen Kunden nach kurzer Zeit wieder aussortiert. Weil die Rücksendung oft teuer und umständlich ist, landet das, was nicht passt, direkt im Müll. Als weltweit erstes Land geht Frankreich gegen solche Billigprodukte und Überproduktion per Gesetz vor.
Dringenden Handlungsbedarf gibt es auch in Deutschland. Laut Bundesumweltministerium werden pro Jahr mehr als eine Million Tonnen Alttextilien gesammelt, Tendenz steigend. Noch wird nach offiziellen Angaben mehr als die Hälfte für eine Wiederverwendung aufbereitet. Doch immer häufiger ist die Qualität der entsorgten Ware so schlecht, dass sie nur noch als Material für Putzlappen taugt oder im besten Fall in einem Müllheizkraftwerk endet. Doch große Mengen Textilabfall werden nach Greenpeace-Recherchen in Länder wie Pakistan und Kamerun verschifft, wo sie auf wilden Müllhalden oder in Fabriköfen landen. Nur ein Bruchteil der Exportware wird tatsächlich getragen. Second-Hand-Absatzmärkte in Osteuropa, Afrika und Asien sind weggebrochen. Auch dort kauft man lieber ein fabrikneues Teil von Shein als abgelegte Shirts aus dem Westen.
Hersteller müssen ab 2028 für Entsorgung zahlen
Ein im Grundsatz guter Vorstoß der Europäischen Union für mehr Textilrecycling wurde dann Anfang 2025 zum Brandbeschleuniger des Abwärtstrends. Die Verpflichtung, Alttextilien getrennt vom Hausmüll zu sammeln, verstanden viele so gründlich falsch, dass selbst ölverschmierte Lappen und löchrige Socken im Kleidercontainer landeten. In einem zweiten Schritt hat die EU im Herbst festgelegt, dass Firmen, die in Europa Mode verkaufen, auch die Kosten für Sammlung, Sortierung und Recycling von Alttextilien tragen müssen. Doch diese erweiterte Herstellerverantwortung gilt in Deutschland voraussichtlich erst ab 2028. Noch sind viele Fragen offen. Wie könnte ein Gebührensystem aussehen? Wer ist überhaupt mit Hersteller gemeint? Wie läuft künftig die Sammlung? Was zahlt am Ende der Kunde? Seitenlange Stellungnahmen von Handelsverbänden zur Herstellerverantwortung lassen erahnen: Es wird kompliziert.
Dabei drängt nicht nur für die Verwertungsfirmen, denen das Geschäft wegbricht, die Zeit. Auch in Kommunen sucht man nach dem Kollaps des bisherigen Systems händeringend nach einer Lösung für die Altkleiderschwemme – und rechnet mit zusätzlichen Kosten von Zehntausenden Euro, wie Beispiele aus der Pfalz zeigen.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.
